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Stolpersteine Konstanz

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Arnulf Moser : "Zigeuner" und "negroide Bastarde"

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Arnulf Moser

"Zigeuner" und "negroide Bastarde".

Zwangssterilisationen aus rassischen GrĂŒnden
beim Konstanzer Gesundheitsamt 1933-1945.

Jahrbuch "Hegau" 69, 2012, S. 203 - 216.

Dank an den Autor und dem Hegau-Geschichtsverein fĂŒr die Abdruckgenehmigung

Vier Tage nach dem Einmarsch der Franzosen in Konstanz wurde der Leiter des Konstanzer Gesund­heitsamtes, Dr. Ferdinand Rechberg (1900-1980), Ende April 1945 von den Franzosen festgenommen und im Juli nach Paris in das dortige MilitĂ€rgefĂ€ngnis verbracht. Das Gleiche geschah mit dem Reichenauer BĂŒrgermeister, Eugen Maier, der in der gleichen Zelle landete. Bei ihm waren wohl vermutlich der Auslöser Anzeigen von auslĂ€ndischen Zwangs­arbeitern oder Kriegsgefangenen auf der Reichenau wegen Misshandlungen. Der BĂŒrgermeister ist im Sommer 1945 im GefĂ€ngnis verstorben, die Leiche wurde Jahre spĂ€ter von Paris auf einen deutschen Soldatenfriedhof in der Normandie umgebettet. 1)

Gegen Rechberg ermittelten die Franzosen wegen Sterilisation außerhalb des Erbgesundheitsgesetzes und wegen Misshandlung auslĂ€ndischer HĂ€ftlinge im Konstanzer GefĂ€ngnis. Ein erster Haftbefehl wurde im September 1945 in Paris wegen vorsĂ€tzlicher Körper­verletzung und wegen Unfruchtbarmachung ausge­stellt. 17 Monate war er in Paris in Haft, dann kam er fĂŒr fĂŒnf Monate noch in das französische GefĂ€ngnis in Rastatt, wo das oberste französische MilitĂ€r­gericht in Deutschland im Oktober 1946 einen zweiten Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen erließ, jetzt auf der Grundlage des Kontrollratsgesetzes Nr. 10 vom Dezember 1945 fĂŒr Prozesse gegen Personen, die wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurden. Beim Konstanzer GefĂ€ngnis und Rechbergs Rolle als GefĂ€ngnis- und Polizeiarzt im Krieg ging es aber weniger um Miss­handlungen von auslĂ€ndischen HĂ€ftlingen, sondern darum, dass er französischen HĂ€ftlingen, die von der Gestapo in ein KZ eingeliefert werden sollten, Trans­portfĂ€higkeit bescheinigt haben soll, obwohl diese gar nicht zutraf, bzw. diese bescheinigte, ohne die HĂ€ftlinge gesehen zu haben. Im Grunde versuchte man, ihn fĂŒr den Tod von französischen KZ-HĂ€ftlingen haftbar zu machen, insgesamt eine etwas weitmaschige Beweiskette.2) In französischer Haft war er bis 4. MĂ€rz 1947.

Die Ermittlungen in Konstanz wurden durch einen französischen Offizier namens Edmond Kaiser gefĂŒhrt, bei seinen Kollegen in Konstanz bekannt unter dem Spitznamen „capitaine semoule“, „Hauptmann Grießbrei“, weil er sich hauptsĂ€chlich von Grießbrei ernĂ€hrte und den Rest seines Gehaltes fĂŒr die ErnĂ€hrung deutscher Kinder ausgab. Der Journalist und Schriftsteller Kaiser stammte aus einer französischen jĂŒdischen Familie. Als SchĂŒler war er 1932/33 lĂ€ngere Zeit bei einer Familie in Singen untergebracht.                         pfeil_r

Er besuchte die Handelsschule und war in einer Firma tĂ€tig, er berichtet aber auch, wie er 1932 Hitler auf Wahlkampfreise in Radolfzell gehört hat. Bei Kriegsausbruch wurde er Soldat. Nach dem Waffen­stillstand von 1940 tauchte er unter und ging zur RĂ©sistance. Im Jahre 1944 wurde er in die französische Armee von General Jean de Lattre de Tassigny eingegliedert. Seine Funktion in Konstanz war Untersuchungsoffizier beim BĂŒro fĂŒr Unter­suchungen und Nachforschungen von Kriegsver­brechen (Officier EnquĂȘteur auprĂšs du Bureau d’EnquĂȘtes et de Recherches des Crimes de Guerre). Er war auch in Überlingen an der Aufdeckung von Verbrechen an KZ-HĂ€ftlingen des Außenlagers in Aufkirch beteiligt. Bereits 1947 verließ er nach einem Verfahren wegen Verrats gegen ihn aber die Armee wieder, ging nach Lausanne und wurde dort spĂ€ter der BegrĂŒnder des Hilfswerks „Terre des Hommes“. Er starb im Jahre 2000 in einem indischen Kinderheim. 3)

Bei den Verbrechen gegen die Menschlichkeit ging es um Zwangssterilisationen außerhalb des Erbgesund­heitsgesetzes, also an gesunden Menschen. Das Gesetz selber wurde auch von den Franzosen nicht infrage gestellt. Sie gingen zwar sehr frĂŒh gegen die Beteiligten an den Euthanasieaktionen vor, aber das Erbgesundheitsgesetz interessierte sie nur statis­tisch oder zu Vergleichszwecken mit anderen LĂ€ndern.

Was sind nun Zwangssterilisationen bei gesunden Menschen? Der eine Fall betraf einen „negroiden Bastard“, den man an der Fortpflanzung hindern wollte. Er gehörte offensichtlich zu der Gruppe der sogenannten „Rheinlandbastarde“. Das sind farbige Kinder, die die französische Besatzungsmacht nach dem 1. Weltkrieg im besetzten Rheinland hinterlassen hat. Dort waren bis zu 85.000 französische Soldaten stationiert, darunter 30.000 bis 40.000 Farbige. Die "Schwarze Schmach" wurde zum festen Begriff der anti-französischen Propaganda. An die 400 betroffe­ne Jugendliche und Kinder wurden im Dritten Reich von Kommissionen der Gestapo erfasst und 1937 zwangssterilisiert. Grundlage war eine Weisung Hitlers vom 18. April 1937. EinwĂ€nde und Warnungen des AuswĂ€rtigen Amtes wegen möglicher inter­nationaler Kritik wurden nicht berĂŒcksichtigt. Alter­nativen zur Verhinderung der Fortpflanzung wĂ€ren fĂŒr das AuswĂ€rtige Amt die Kasernierung in einem Arbeitslager in Deutschland oder die erzwungene Auswanderung, etwa in italienische Kolonien, gewesen. Auch die badischen Gemeinden und GesundheitsĂ€mter mussten bereits 1935 Mischlinge von

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Negern, Marokkanern und Vietnamesen melden, weil bislang nur 15 FĂ€lle bekannt seien, was zu wenig sei. Daraufhin erfasste das ĂŒbereifrige Land Baden auch noch zwei Kinder von schwarzen Zivilpersonen, die als Musiker oder Artisten hier lebten oder aus den deutschen Kolonien stammten.4)

Das Gesundheitsamt Konstanz, zuerst in der Brauneggerstraße, spĂ€ter an der MarktstĂ€tte, meldete einen negroiden Fall in Singen, ein Jugend­licher, der 1920 unehelich in Karlsruhe geboren wurde, wo ebenfalls französische Truppen stationiert waren. Das badische Oberrheingebiet gehörte nach dem 1. Weltkrieg zur entmilitarisierten Zone mit franzö­sischen Besatzungstruppen. Der junge Mann Arthur W. war von Rechberg untersucht worden und wurde im Sommer 1937 im Krankenhaus Singen zwangs­sterili­siert. Die Mutter Ida K., eine Kellnerin und Köchin, bestritt, mit einem Schwarzen Kontakt gehabt zu haben. Die Alimente zahlte ein deutscher Mann, mit dem sie damals ein VerhĂ€ltnis hatte. Der Sohn gab nach dem Krieg beim französischen Ermittler zu Protokoll, man habe ihn 1933 aus der Jugend-Musikkapelle Singen ausgestoßen. Nach der Sterilisation habe es bis 1944 aber keine Probleme mehr mit Behörden gegeben. Allerdings war er 1940 in Donaueschingen zur Musterung erschienen, wo er sich freiwillig zur Marine melden wollte. Er wurde sofort wieder nach Hause geschickt. Offensichtlich wollte man nicht, dass Farbige das Abendland gegen den Bolschewismus verteidigen. Daraufhin fĂŒhrte der deutsche Mann, der 16 Jahre Alimente gezahlt hatte, beim Landgericht Erfurt einen Prozess zur Feststel­lung der Vaterschaft. Ein erbbiologisches Gutachten der Abteilung Rassenkunde und Erbbiologie des Ana­tomischen Instituts der UniversitĂ€t Freiburg stellte fest, dass ein Schwarzer der Vater sein musste. Die jahrelang bezahlten Alimente bekam der andere Mann aber nicht zurĂŒck. Im Herbst 1944 arbeitete Arthur W. in Hechingen in einer Holzhandlung und lernte dort ein MĂ€dchen kennen. Als er mit ihm eine FilmvorfĂŒhrung besuchen wollte, machte der Ortsgruppenleiter der NSDAP einen öffentlichen Skandal daraus. Der junge Mann und das MĂ€dchen kamen vier Wochen in Arrest. Anschließend wurde er mit einer Gruppe von Polen und Russen nach Italien zum Arbeitseinsatz geschickt. Er sprach von der Transportflotille Speer, gemeint ist wohl die Orga­nisation Todt. Im Juli 1945 wurde er in amerikani­scher Kriegsgefangenschaft vermutet. Der Stiefvater W., der ihn nach der Heirat mit der Mutter legalisiert hatte, musste 1945 seine Unterlagen an die französischen Behörden abgeben. Er schrieb im Jahre 1948 an die Konstanzer Staatsanwaltschaft:                                                                   pfeil_r

„Da meine Frau seit 1933 bis zum Umsturz rassen­politisch stĂ€ndig verfolgt und mit Zuchthaus bedroht wurde, wĂ€re eine Genugtuung gerecht.“ 5)

Die anderen FĂ€lle betreffen die "Zigeuner". Es soll hier der im Dritten Reich gĂ€ngige Begriff verwendet werden, der bis heute die Verachtung und Abwer­tung dieser Volksgruppe ausdrĂŒckt und damals verwendet wurde, um unterschiedliche Volksgruppen in einem Rassebegriff zusammenzufassen. Es ging zunĂ€chst um einen Musiker namens Georg Reinhardt in Konstanz (1910-1987). In Deutschland lebten etwa 19.000 Zigeuner, in Österreich 11.000. Ab 1936 arbeitete die Rassenhygienische und Bevölkerungsbiologische Forschungsstelle im Reichs­gesundheitsamt des Reichsinnenministeriums. Sie erstellte im Laufe der Zeit an die 24.000 Gutachten, mit deren Hilfe alle Zigeuner nach Kategorien der Rassereinheit oder nach Misch­lingsgruppen erfasst werden sollten.6) Eine weitere Institution der Zigeunerverfolgung fĂŒhrte Heinrich Himmler im Dezember 1938 mit dem Erlass „Zur BekĂ€mpfung der Zigeunerplage“ ein. Danach hatten die "Mischlinge" einen besonderen Anteil an der KriminalitĂ€t der Zigeuner. Zum anderen erwies es sich gerade bei den reinrassigen Zigeunern als schwierig, diese sesshaft zu machen. Deshalb ordnete er die genaue Erfassung und Kategorisierung aller "sesshaften und nichtsesshaften Zigeuner" sowie aller "nach Zigeunerart umherziehenden Personen" ĂŒber die Reichszentrale zur BekĂ€mpfung des Zigeunerunwesens beim Reichskriminalpolizeiamt an. Mit dem „Asozialenerlass“ vom Dezember 1937 wie auch mit der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ vom Juni 1938 war es möglich, Zigeuner im Einzelfall in ein KZ einzuweisen. Den Zigeunern wurde das Umher­ziehen verboten, und bei geplanten Ehe­schließungen, bei denen ein Zigeuner beteiligt war, musste ein Ehetauglichkeitszeugnis nach dem Blutschutzgesetz bzw. dem Ehegesundheitsgesetz angefertigt und eingereicht werden, bevor die Eheschließung genehmigt wurde.

Anfang 1940 entstand ein Plan, alle Zigeuner aus Deutschland in das besetzte Polen zu deportieren. Insbesondere die Wehrmacht verlangte die Entfer­nung der Zigeuner aus den westlichen Grenz­gebieten. Im Mai 1940 wurden in einer ersten Aktion 2500 Zigeuner in mehreren sogenannten Zigeunerlagern zusammen­gefasst, von wo aus sie in das besetzte Polen transportiert werden sollten, eines davon

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auf dem Hohenasperg bei Ludwigsburg, der ja eine jahrhundertelange Tradition als GefĂ€ngnis hat.7) Hier wurden etwa 500 Zigeuner aus SĂŒddeutschland vor dem Abtransport zusammengefasst. Die deutsche MilitĂ€rverwaltung in Polen war nicht vorbereitet und an weiteren Transporten aus dem Altreich nicht interessiert, weshalb das Projekt der Abschiebung aller deutschen Zigeuner nach Polen aufgegeben wurde.

Georg Reinhardt, Musiker aus Konstanz, musste mit der schwangeren Ehefrau Klara und sechs Kindern auf den Hohenasperg fahren. Schon vorher hatte man ihm sein Auto weggenommen, mit dem der Musiker zu Veranstaltungen fahren konnte. Auf dem Hohenasperg weigerte er sich, sich von dem Zigeunerforscher Dr. Robert Ritter untersuchen zu lassen. Weil die Ehefrau "arisch" war, konnte die Familie des Musikers aber wieder zurĂŒck nach Konstanz. Dort war in der Zwischenzeit die Wohnung von der Polizei und anderen Personen ausgerĂ€umt worden, weil man davon ausging, dass diese Leute nie mehr nach Konstanz zurĂŒckkehren wĂŒrden. Es handelte sich um eine stĂ€dtische Behelfswohnung in der Weiherhofstraße, die heute nur noch verkĂŒrzt existiert. Die Familie wurde in eine andere stĂ€dtische Behelfswohnung in der Hindenburgstraße eingewiesen und musste sich Möbel leihen. Anschließend war Georg Reinhardt zeitweise bei der Organisation Todt dienstverpflichtet. Im Jahre 1943 erscheint er im Konstanzer Adressbuch mit dem Beruf Pferdepfleger. Offensichtlich konnte er ohne Auto seinen Beruf als Musiker nicht mehr ausĂŒben. In der EntschĂ€di­gungsakte spricht er von Überwachung durch die Gestapo und Gewerbeverbot.8)

Ende 1942 kam ein Erlass von Heinrich Himmler heraus, der die Deportation der Zigeuner nach Auschwitz-Birkenau anordnete. In erster Linie wurden bestimmte Gruppen von "Zigeunermisch­lingen", die nach den damaligen Rassenlehren als besonders minderwertig galten, weil sie die schlechten Eigenschaften von zwei Rassen kumulierten, mit Kindern nach Auschwitz deportiert. In Auschwitz sind von etwa 23.000 Deportierten circa 20.000 umgekommen, davor zwei Drittel durch die Lager- und Arbeits­bedingungen, ein Drittel durch Ermordung oder medizin­ische Experimente. Es ist nicht bekannt, ob aus dem Raum Konstanz Zigeuner nach Auschwitz deportiert wurden.

Verschont wurden einzelne Gruppen von "reinrassi­gen" Zigeunern, weil sie sich nicht mit anderen Rassen vermischten, ferner  "in zigeunerischem Sinne gute Mischlinge", Zigeuner mit arischem Partner und Zigeuner in anerkannten sozialen VerhĂ€ltnissen, also mit festem                             pfeil_r

Wohnsitz und festem Beruf. Die Praxis war aber oft willkĂŒrlich. Bei den verschonten Zigeunern und deren Kindern wurde Zwangssterilisation ab 12 Jahren angeordnet. FederfĂŒhrend bei der reichsweiten Aktion war neben dem Reichskriminalpolizeiamt eine Dienststelle mit dem umstĂ€ndlichen Namen „Reichs­ausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ beim Reichsinnenministerium, ursprĂŒnglich eine Schlich­tungsstelle fĂŒr strittige FĂ€lle von Sterilisation und Schwangerschaftsunterbrechung. Wenn vor dem Krieg Zigeuner zwangssterilisiert wurden, dann wegen "angeborenen Schwachsinns" oder wegen Epilepsie. Allerdings hatte es schon vor dem Krieg Forderungen gegeben, Zigeuner aus rassischen GrĂŒnden zu sterilisieren, um die „Zigeunerfrage“ auf diese Weise zu lösen. Man schĂ€tzt die Zahl der 1943/44 in KrankenhĂ€usern zwangssterilisierten Zigeuner auf 2000 bis 2500 Personen.9)

Also wurden Georg Reinhardt und die Ă€lteste Tochter Anna, 17 Jahre alt, im Sommer 1944 in Singen vom Chefarzt des Krankenhauses zwangs­sterilisiert. Im Januar 1945 kam die jĂŒngere Tochter Sonja in der Konstanzer Frauenklinik in der Friedrich­straße 21 (heute GebĂ€ude der Arbeiterwohlfahrt AWO) dran. Der Frauenarzt Dr. Kurt Welsch sah den Sinn der Aktion nicht ein und fĂŒhrte eine Scheinoperation durch. Er beschrieb nach dem Krieg bei der Staatsanwaltschaft die Operation so: „Sie bestand in einem Öffnen des Bauches, einer Besichtigung der Organe und in erneutem Schließen der Operations­wunde. Die Operationswunde war, da ja nicht die Absicht zu einem wirklichen Eingriff bestand, im kleinstmöglichen Rahmen gehalten, möglichst tief sitzend, um ein möglichst gutes kosmetisches Resul­tat zu erzielen. Die Art der Operation war praktisch ungefĂ€hrlich.“ Dass seine Aussage stimmt, ergibt sich auch daraus, dass die junge Frau zwei Jahre spĂ€ter eine Fehlgeburt hatte. Im Jahre 1949 war sie als Artistin am Freiburger Theater tĂ€tig. Im Sommer 1945 konnte Welsch ĂŒbrigens bei der Ă€lteren Tochter die Sterilisation wieder rĂŒckgĂ€ngig machen. Ob mit Erfolg, ist nicht bekannt, die Erfolgsquote war damals sehr viel geringer als heute. Sie lebte im Jahre 1949 als Hausfrau in Paris, vermutlich war sie einem französischen Soldaten gefolgt.

Es muss aber klargestellt werden, dass auch in der Konstanzer Frauenklinik Zwangssterilisationen nach dem Erbgesundheitsgesetz durchgefĂŒhrt wurden, die auf Entscheidungen des Erbgesundheitsgerichtes Konstanz beruhten. Eine Durchsicht der Akten von 78 Frauen des Konstanzer Gesundheitsamtes mit den Buchstaben A - E ergab 34 Zwangssterilisationen durch Dr. Welsch. Hochgerechnet auf die Gesamt­zahl der 391 Akten von Frauen wĂ€ren dies etwa 170 Zwangssterilisationen.

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In mindestens einem Fall war sie mit einer Zwangs­abtreibung verknĂŒpft, die nachtrĂ€glich in das Erbgesundheitsgesetz eingefĂŒgt worden war. Und Dr. Welsch steht sogar auf einer Liste von KrankenhĂ€usern und Ärzten in Deutschland, die auch Sterilisationen durch Röntgen- oder Radiumbestrahlung durchfĂŒhren konnten. Ob er das praktiziert hat, ist nicht bekannt. Bei den MĂ€nnern sind vom Gesundheitsamt Konstanz 590 Akten erhalten. Vom Erbgesundheitsgericht Konstanz, das fĂŒr die Amtsgerichtsbezirke Konstanz, Radolfzell, Singen und Überlingen zustĂ€ndig war, sind die Akten von 609 MĂ€nnern und 499 Frauen erhalten.10)

Wie die französischen Ermittler 1945 auf die ZigeunerfĂ€lle gestoßen sind, ist nicht ganz klar, denn Georg Reinhardt erklĂ€rte nach dem Krieg, dass er keine Anzeige erstattet habe, aber von den Franzosen als Zeuge vernommen wurde. Da es sich bei den Farbigen und Zigeunern um Deutsche handelte und französische BĂŒrger nicht betroffen waren, war die französische Justiz nach 1947 an einem eigenen Strafverfahren nicht weiter interessiert, und die Besatzungsbehörden wiesen die badische Justiz an, die Ermittlungen weiter zu betreiben. Also beauftragte der badische General­staatsanwalt Karl Siegfried Bader die Staats­anwaltschaft Konstanz mit dem Fall. Sie stellte beim Leiter des Gesundheitsamtes und zwei weiteren Ärzten ein schuldhaftes und strafbares Verhalten fest. Da aber nicht mehr als eine sechsmonatige Haftstrafe zu erwarten sei, stellte sie das Verfahren im Januar 1950 ein. Bei Rechberg argumentierte die Staatsanwaltschaft, dass die Zeitspanne zwischen dem ersten und dem zweiten französischen Haftbefehl als Unter­suchungshaft wegen dieser Zwangssterilisationen zu betrachten sei.

 

Insgesamt hatte das Konstanzer Gesundheitsamt im Krieg mit sechs ZigeunerfĂ€llen zu tun, von denen hier noch zwei vorgestellt werden sollen. Im einen Fall hatte sich ein Ehepaar, beide "Zigeunermischlinge", 1942 scheiden lassen. Der Mann Karl B. (geb. 1914) wollte wieder heiraten, die neue Partnerin Lore H. war schwanger. Der Mann war Postarbeiter und lebte ebenfalls in einer stĂ€dtischen Baracke der Hinden­burgstraße. Das Gesundheitsamt lehnte Anfang 1943 die erforderliche Eheunbedenklichkeitsbescheinigung nach dem NĂŒrnberger Blutschutzgesetz ab, und zwar aus rassehygienischen GrĂŒnden, denn beide Personen waren eigentlich gesund. Um heiraten zu können, beantragte der Mann daraufhin die Sterilisation und die Frau die Abtreibung, eigentlich unvorstellbare GedankengĂ€nge. Mitte Juli 1943, als die Frau im 5. bis 6. Monat schwanger war, teilte das Reichs­kriminalpolizeiamt Berlin mit,               pfeil_r

dass der Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden in Berlin der Schwangerschaftsunterbrechung zugestimmt habe. Ob die Frau nun absichtlich Zeit verstreichen ließ, ist nicht ganz klar. Als die Frau schließlich Anfang August 1942 in der Konstanzer Frauenklinik erschien, hielt Dr. Welsch schriftlich fest, dass sie im 6. bis 7. Monat schwanger war, dass sie kerngesund war und dass die Leibesfrucht bereits an der Grenze der LebensfĂ€higkeit ange­kommen war. Er verweigerte die DurchfĂŒhrung. Sein Protokoll schickte die Kriminalpolizei nach Berlin. Damit endet die Akte. Man kann hier wohl vom gĂŒnstigsten Fall ausgehen, nĂ€mlich dass ein uneheliches Kind auf die Welt kam und das Paar nach dem Krieg heiraten, aber keine Kinder mehr bekommen konnte.11)

Beim zweiten Fall ging es um den Bahnarbeiter und GĂ€rtner Karl R. (geb. 1904) in Konstanz. Er lebte in der Barackensiedlung Weierhofstraße in wilder Ehe mit der arischen Frau Klara D., sie hatten drei Kinder. Als sie 1939 heiraten wollten, wurde er von der Rassenhygienischen Forschungsstelle des Reichs­gesundheitsamtes als Zigeunermischling eingestuft. Das Gesundheitsamt Konstanz stimmte einer Ehe­schließung zu, weil die Ehe in diesem Fall das kleinere Übel sei, statt immer neue uneheliche Kinder in die Welt zu setzen. Doch das Reichsinnen­ministerium lehnte Ende 1941 eine Befreiung von den Ehehindernissen des Blutschutzgesetzes ab. Es machte die Eheschließung von einer „freiwilligen“ Sterilisation des Mannes abhĂ€ngig. Damit sei die „Erzeugung weiterer unerwĂŒnschter Zigeuner­mischlinge verhĂŒtet“, und es sei ein „sozialer Erfolg, das Paar könnte fĂŒr seine nun einmal vorhandenen Kinder sorgen, ohne dem Staat zur Last zu fallen“. Der Mann stimmte zu, vor dem Vollzug im MĂ€rz 1942 zeugte er noch das vierte Kind, und im Juni 1942 konnten sie heiraten. Es bestand nun noch das Problem der EhelicherklĂ€rung der drei  Kinder, die vor dieser Eheschließung geboren wurden und die zwar Deutsche, aber nicht voll arisch waren. Die Eheleute gaben dafĂŒr im April 1943 beim Gesundheitsamt Konstanz eine ErklĂ€rung ab, dass sie ihre mittlerweile vier Kinder im Alter von 0 bis 7 Jahren ab dem 12. Lebensjahr sterilisieren lassen wĂŒrden. Daraufhin wurden die Kinder Ende 1942 vom Amtsgericht Konstanz fĂŒr ehelich erklĂ€rt und konnten den Namen des Vaters fĂŒhren. Und der gleiche Mann, der 1939 amtlich als Zigeunermischling eingestuft worden war, erhielt jetzt von der gleichen Rassenhygienischen Forschungsstelle in Berlin gewissermaßen als Belohnung im Februar 1943 eine neue gutachterliche Äußerung, dass er als Nichtzigeuner zu gelten habe. Die rassenpolitischen Gutachten ĂŒber ihn und seine Kinder wurden mit einem UngĂŒltigkeitsvermerk versehen, und bei der Ehefrau wurde der Vermerk "ist Angehöriger einer Zigeuner-Mischlingsfamilie" gestrichen.

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Das Ganze brachte dem Mann insbesondere auch durch die Kinder alle steuerlichen Vorteile, die man den Nichtariern in den Jahren zuvor genommen hatte. Das ist Drittes Reich in höchster Verblen­dung.12)

Das zweite französische Ermittlungsverfahren gegen Rechberg blieb in französischer Hand. In den Vernehmungen erklĂ€rte er sich fĂŒr unschuldig. Zu seiner Verteidigung wies er auch darauf hin, dass er sich im Konstanzer GefĂ€ngnis fĂŒr den Donaueschinger Pfarrer und Kunsthistoriker Dr. Heinrich Feurstein eingesetzt habe, dessen ÜberfĂŒhrung in das KZ Dachau wegen Kritik an der Euthanasie habe er aber nicht verhindern können. Der Prozess fand schließlich im November 1948 vor dem französischen Gericht 1. Instanz in Freiburg statt, wo er wegen Beihilfe zu Totschlag und Misshandlung im KZ angeklagt wurde. Er wurde wegen der unklaren Zeugenaussagen freigesprochen, ebenso der Leiter der Konstanzer Staatsanwaltschaft im Dritten Reich, Dr. Gerhard Weiß.13)

Damit war der Weg frei fĂŒr das Entnazifizierungs­verfahren. Sowohl beim Konstanzer Untersuchungs­ausschuss fĂŒr die politische SĂ€uberung wie bei der Spruchkammer in Freiburg wurde festgestellt, dass das Erbgesundheitsgesetz in den NĂŒrnberger Prozessen, gemeint ist wohl der NĂŒrnberger Ärzteprozess, als nicht spezifisch nationalsozialistisch bezeichnet wurde. Außerdem habe es keine politischen Zwangs­sterilisationen gegeben. Die vorhin geschilderten FĂ€lle waren hier also offensichtlich gar nicht bekannt. Man wusste nur von einem vielleicht politischen Fall, nĂ€mlich der Zwangssterilisation des Sohnes eines jĂŒdischen Rechtsanwalts aus Konstanz. Aber dieser litt an Epilepsie, also war es nicht politisch. Rechberg wurde im April 1949 als MitlĂ€ufer eingestuft. Die einzige Sanktion war der Verlust des passiven Wahlrechts fĂŒr eine begrenzte Zeit.

Sofort nach dem Freispruch in Freiburg beantragte Rechberg die Rehabilitierung und die Wiedereinstellung in den öffentlichen Dienst. Er schrieb an den badischen StaatsprĂ€sidenten Leo Wohleb und verlangte seine alte Stelle zurĂŒck. TatsĂ€chlich gab es im Dezember 1949 eine Entscheidung des badischen Innenministeriums in Freiburg, dass er seine frĂŒhere Stelle als Leiter des Gesundheitsamtes Konstanz wieder erhalten solle, nach heutigen Vorstellungen eigentlich unbegreiflich. Die Stelle war allerdings nicht frei. Vom Januar 1950 existiert eine Entscheidung des Innenministeriums, dass er die Leitung des Gesundheitsamtes Freiburg ĂŒber­nehmen solle. Diese Stelle war aber auch nicht frei, und beide Amtsinhaber waren nicht bereit, ihren Platz einfach zu rĂ€umen. Deshalb wurde er im FrĂŒhjahr 1950 der wieder                   pfeil_r

eröffneten Anstalt Reichenau, jetzt Psychiatrisches Landeskrankenhaus, zugewiesen, und bereits im Sommer wurde er stellvertretender Direktor. In Reichenau befand sich von 1945 bis 1949 auf der MÀnnerseite das französische MilitÀrkrankenhaus Francis-Picaud, die Frauenseite stand im Winter leer, im Sommer waren dort bis zu 400 französische Kinder zur Erholung im sogenannten Aerium, also Luftheilbad, untergebracht.

Formal ist zu Rechberg zu sagen, dass er Facharzt fĂŒr Innere Medizin u n d Psychiatrie war, weil er wĂ€hrend seiner Assistentenzeit ein Jahr in der Anstalt Wiesloch tĂ€tig gewesen war. Als 1953 mit dem Tod von Direktor Arthur Kuhn die Vakanz eintrat, gab es auch Bedenken gegen eine Ernen­nung dieses Mannes zum neuen Direktor. Von fachlicher Seite kamen sie vom Freiburger Univer­sitĂ€tspsychiater Professor Hanns Ruffin, der darauf hinwies, dass man gerade mit RĂŒcksicht auf die benachbarte Schweiz eine fachlich ĂŒberragende Persönlichkeit brauche. Die deutsche Psychiatrie hatte im Dritten Reich einen schweren Schatten erhalten und musste jetzt wieder um die internationale Anerkennung kĂ€mpfen, und da war die Schweiz in der Tat der nĂ€chste oder erste Schritt. Politische Bedenken kamen von dem Konstanzer BĂŒrgermeister und CDU-Abgeordneten Hermann Schneider, der darauf hinwies, „dass die Bevölkerung noch nicht vergessen habe, wie er als Amtsarzt in Konstanz vor allem bei Untersuchungen von Frauen fĂŒr den Arbeitseinsatz so schroff vorgegangen sei“ und „dass von der Schweiz aus, vor allem im Grenz­gebiet, alles sehr genau beobachtet wĂŒrde“. Auch im Sozialpolitischen Ausschuss der Verfassunggebenden Landesversammlung Baden-WĂŒrttemberg wurden unter Hinweis auf Sterilisation und Euthanasie Bedenken geĂ€ußert. Dagegen setzte sich der Konstanzer OberbĂŒrgermeister Franz Knapp fĂŒr ihn wie fĂŒr viele andere Belastete ein.14)

 

Der Begriff der politischen Zwangssterilisation spielte ĂŒbrigens auch in der Bundesrepublik noch eine Rolle, insofern als die ersten EntschĂ€digungen nur fĂŒr FĂ€lle von politisch-rassischer Verfolgung galten. Da es keine jĂŒdischen Zwangssterilisierten in Deutschland mehr gab, konnte diese Regelung eigentlich nur fĂŒr einzelne Sinti und Roma oder Farbige gelten. Doch der Musiker Georg Reinhardt scheiterte auch hier. .... Die Ehe wurde 1949, als er noch in der Hindenburgstraße wohnte, geschieden. ....

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Georg Reinhardt hatte mehrere EntschĂ€digungsantrĂ€ge gestellt, die alle vom Freiburger Landesamt fĂŒr Wiedergutmachung abgelehnt wurden. Er erhielt 1955 keine EntschĂ€digung wegen der doch eindeutig rassenpolitischen Sterilisation, weil das Amt argumentierte, die Sterilisation habe ja zu keinem weiteren Gesundheitsschaden gefĂŒhrt und auch seine Arbeitskraft nicht beeintrĂ€chtigt. Ent­schĂ€digung wegen der Haft in Hohenasperg wurde abgelehnt, weil sie kĂŒrzer als ein Monat war. EntschĂ€digung wegen der Dienstverpflichtung wurde abgelehnt, weil sie kĂŒrzer als drei Monate war. Und EntschĂ€digung wegen des Verlustes der Wohnungseinrichtung wurde schließlich 1962 abgelehnt, weil die Haft im Zigeunerlager Hohenasperg keine rassische Verfolgung gewesen sei, sondern eine militĂ€rische oder polizeiliche Maßnahme. Er hĂ€tte seine Sachen nicht ohne Aufsicht lassen dĂŒrfen. Das Wiedergutmachungsamt war hier in bester Gesellschaft mit dem Bundesgerichtshof, der 1956 ent­schieden hatte, dass alle Maßnahmen gegen die Zigeuner vor der Deportation nach Auschwitz keine rassenpolitische Verfolgung darstellten, sondern kriminalpolizeiliche PrĂ€ventivmaßnahmen gegen eine Gruppe, die durch asoziales Verhalten aufgefallen sei.

Empört wegen der Einstufung des Aufenthalts auf dem Hohenasperg als „militĂ€rische Maßnahme“ schrieb Georg Reinhardt am 26.8.1962 .... an das Landesamt fĂŒr Wiedergutmachung: „Die Behauptung des Landes­amtes, die Evakuierung hĂ€tte aus militĂ€rischen ErwĂ€gungen und nicht rassen­politischen GrĂŒnden stattgefunden, entspricht m.E. keinesfalls der Wahrheit. Da ich sowie alle meine Stammesangehörigen (Zigeuner) im damaligen Reich aus rassenpolitischen GrĂŒnden verfolgt wurden. Dieser Tatsache kann nichts entgegenstehen. Vom Sammellager Hohenasperg wurden ja damals die Transporte meiner Stammesangehörigen fĂŒr verschiedene KZ-Lager und sonstige Vernichtungs­stellen zusammen­gestellt. Dass ich davon verschont geblieben bin, habe ich meiner Frau zu verdanken, die deutsche Staatsangehörige ist. Selbst meine Frau nebst 7 Kindern befand sich damals im Lager Hohenasperg. Nach meiner RĂŒckkehr wurde ich sowie meine zwei Ă€ltesten Töchter sterilisiert. Ich trage deshalb heute noch schwere gesundheitliche SchĂ€den davon. Zur gleichen Zeit wurde mir durch die damalige Gestapo erklĂ€rt, dass ich mich außerhalb Konstanz nicht mehr bewegen dĂŒrfe. Ich musste damals schwere Arbeit verrichten trotz meines schlechten Gesund­heitszustandes. Von meinem Arbeitslohn musste ich auch noch sogenannte Judensteuer bezahlen.

Nun möchte ich gerne fragen, aus welchen GrĂŒnden das geschah. Aus militĂ€rischen oder rassen­politischen? Ich glaube, dass man ĂŒber die Antwort nicht zu streiten braucht. Wollen Sie behaupten, dass wir Zigeuner damals aus militĂ€rischen GrĂŒnden verfolgt und vernichtet oder sterilisiert wurden. Außerdem stelle ich fest, dass in der Ablehnung meines Antrags meine vom damaligen Reich durchgefĂŒhrte Sterilisation gar nicht erwĂ€hnt wurde.                                                                                                                         pfeil_r

Auch in dieser Sache habe ich ja einen Antrag gestellt und ersuche um Ihre Stellungnahme. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich die Sache keinesfalls auf sich beruhen lasse und mich wenn nötig an andere Instanzen wenden werde. Sollte Ihrerseits die Angelegenheit nicht geregelt werden, so sehe ich mich gezwungen, die Sache meinem Rechtsanwalt zu ĂŒbergeben. Auch werde ich mich an die Vereinigung zur Wahrung der Menschenrechte wenden. Wenn das alles, wie Sie schreiben, aus militĂ€rischen ErwĂ€gungen geschah, so werde ich mich an eine militĂ€rische Instanz wenden.

Es ist traurig, dass seit meiner ersten Antragstellung im Jahre 1946 bis heute vergehen musste, um nur die Ablehnung meines Antrags mitzuteilen. In der Hoffnung auf baldige Erledigung meines Schreibens zeichne ich hochachtungsvoll Georg Reinhardt“

(beglaubigte Abschrift).

 

Eine Klage vor dem Landgericht Karlsruhe blieb aber ohne Erfolg.

 

Die Diskussion um die Fortdauer oder Aufhebung des Erbgesundheitsgesetzes nach dem Krieg, um die Anerkennung der Betroffenen als Opfer des Dritten Reiches und um ihre EntschĂ€digung sind ein eigenes umfangreiches und wenig rĂŒhmliches Thema fĂŒr sich. Bei den Sinti und Roma waren die WiderstĂ€nde besonders hoch. Die Vorbehalte in der Bevölkerung, bei Behörden und der Polizei bestanden weiterhin, die Gruppe war schlecht organisiert, es gab Zigeunerforscher aus dem Dritten Reich, die nach wie vor bei Gericht als Gutachter eingesetzt wurden. Das Erbgesundheitsgesetz wurde lange Jahre nicht als nationalsozialistisches Unrechtsgesetz betrachtet und wurde zunĂ€chst nur in der Sowjetischen Zone aufgehoben. Vielfach wurden die Opfer auf die Möglichkeit der RĂŒckgĂ€ngigmachung der Sterilisation verwiesen (Refertilisierung). EntschĂ€digungen gab es anfangs nur bei politisch-rassischen FĂ€llen, Verfahrensfehlern oder gesetzeswidriger DurchfĂŒhrung, aber nicht aus eugenischen GrĂŒnden nach dem Erbgesundheitsgesetz. Bis 1965 wurden bundesweit etwa 4.000 solche Verfahren durchgefĂŒhrt, wobei in drei Vierteln der FĂ€lle den KlĂ€gern bescheinigt wurde, dass ihre Zwangssterilisierung im Dritten Reich zu Recht erfolgt sei. Bis in die 70er Jahre galten Zwangssterilisationen als „wertneutrale Maßnahme“ und nicht “typisch nationalsozialistisch“. Durch das 5. Strafrechtsreformgesetz von 1974 wurde das Erbgesundheitsgesetz nicht aufgehoben, sondern außer Kraft gesetzt.

Erst 1980 richtete die Bundesregierung einen besonderen Fonds fĂŒr die „vergessenen Opfer“ ein, aus dem die Zwangssterilisierten einmalig 5.000 DM = 2.556,45 Euro erhalten konnten.

Davon profitierten gerade noch 13.800 Personen, darunter 1982 auch der Konstanzer Musiker Georg Reinhardt, der zuletzt im stĂ€dtischen Altersheim in der Luisenstraße lebte. Ab 2004 kamen noch kleine Rentenzahlungen hinzu, erst 100 Euro, dann 120 und ab 2011 neu 291 Euro. Diese Erhöhung stand im Zusammenhang mit der EntschĂ€digung fĂŒr jĂŒdische Zwangsarbeiter in Ghettos und erreichte Ende 2011 noch genau 480 Zwangssterilisierte und "Euthanasie"-GeschĂ€digte. Bereits am 28. Mai 1998 hatte der Bundestag alle BeschlĂŒsse der Erbgesundheitsgerichte aufgehoben.15) In der NĂŒrnberger ErklĂ€rung vom Mai 2012 bat die deutsche Ärzteschaft auf dem NĂŒrnberger Ärztetag die Opfer und ihre Nachkommen um Verzeihung fĂŒr die Taten deutscher Mediziner im Nationalsozialismus.

Quellen:

1 Moser, Arnulf: "SouverĂ€ner Herrscher der Insel". Reichenauer NS-BĂŒrgermeister Eugen Maier bei Entnazifizierung schuldig gesprochen, in: SĂŒdkurier Konstanz, 9.1.2007.

2 Staatsarchiv Freiburg, F 178/2 (Staatsanwaltschaft Konstanz), Bde. 12, 13, 83, 150, 151, 152, 154, 178, 203, 208, 217. Zu den GesundheitsĂ€mtern: Mack, CĂ©cile: Die badische Ärzteschaft im Nationalsozialismus, Frankfurt 2001, S. 124-140.

3 Kaiser, Edmond: La marche aux enfants, Lausanne 1979 und 1989, S. 100-143. Ferber, Georges: Ernstes und Heiteres aus ungemĂŒtlicher Zeit 1945 – Wie es von der anderen Seite aussah, in: Maurer, Helmut (Hg.): Die Grenzstadt Konstanz 1945, Konstanz 1988, S.27 f.

4 Pommerin, Reiner: „Sterilisierung der Rheinlandbastarde“. Das Schicksal einer farbigen deutschen Minderheit 1918-1937, DĂŒsseldorf 1979. Knust, Christine: KontinuitĂ€ten der Stigmatisierung von „Mischlingskindern“ und „Farbigen“ am Beispiel der „Rheinlandbastarde“, in: Westermann, Stefanie (Hg.): Medizin im Dienst der „Erbgesundheit“. BeitrĂ€ge zur Geschichte der Eugenik und der Rassenhygiene, Berlin 2009, S. 109-126. Sigmund, Anna Maria: "Das Geschlechtsleben bestimmen wir". SexualitĂ€t im Dritten Reich, MĂŒnchen 2009, S. 229-261, Kapitel: Die "Bastarde" vom Rhein. Kreisarchiv Konstanz, XVIII/2 (Medizinalwesen, Gesundheitspflege), Bd. 10 (Erfassung von Bastarden 1935-39).

5 Staatsarchiv Freiburg, B 898/3 (Gesundheitsamt Konstanz), Zugang 1982/77, Fall Nr. 36. F 178/2 (Staatsanwaltschaft Konstanz), Nr. 150, 154.

6 Benz, Wolfgang: Zigeunerlager, in: Benz, Wolfgang, und Distel, Barbara (Hg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 1: Die Organisation des Terrors, MĂŒnchen 2005, S.25-29. Fings, Karola: Zwangslager fĂŒr Sinti und Roma, in: Benz, Wolfgang, und Distel, Barbara (Hg.): Der Ort des Terrors, Bd. 9, MĂŒnchen 2009, S. 192-217. Dies.: "Rasse: Zigeuner". Sinti und Roma im Fadenkreuz von Kriminologie und Rassenhygiene 1933-1945, in: Uerlings, Herbert und Patrut, Julia-Karin (Hg.): "Zigeuner" und Nation. ReprĂ€sentation - Inklusion - Exklusion, Frankfurt 2008, S. 273-309. Sparing, Frank: NS-Verfolgung von „Zigeunern“ und „Wiedergutmachung“ nach 1945, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 22-23/2011, S. 8-15.

7 Dunkel, Franziska u.a.:Hohenasperg. Ein deutsches GefĂ€ngnis, Stuttgart 2011. Krausnick, Michael: Abfahrt Karlsruhe. Die Deportation in den Völkermord, Karlsruhe 1990. Luchterhandt, Martin: Der Weg nach Birkenau. Entstehung und Verlauf der nationalsozialistischen Verfolgung der „Zigeuner“, LĂŒbeck 2000, S. 156-164.

8 Staatsarchiv Freiburg, B 899/3 (Gesundheitsamt Konstanz, Sonderakten Erb- und Rassenpflege), Zugang 1982/77, Zigeuner, Fall Nr.4. F 196/1 (Amt fĂŒr Wiedergutmachung Freiburg), Nr. 6793.

9 Zimmermann, Michael: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische „Lösung der Zigeunerfrage“, Hamburg 1996, S. 86-92, 172-175, 209-213, 359-362. Riechert, Hansjörg: Im Schatten von Auschwitz. Die nationalsozialistische Sterilisationspolitik gegenĂŒber Sinti und Roma, MĂŒnster 1995, S. 110 f., 117-119.

10 Staatsarchiv Freiburg, B 898/1 (Gesundheitsamt Konstanz, Akten Erbgesundheitsgesetz, MĂ€nner). B 898/2 (Frauen.). B 132/1, Erbgesundheitsgericht Konstanz (MĂ€nner), B 132/2 (Frauen). GĂŒtt, Arthur u.a.: Gesetz zur VerhĂŒtung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 nebst AusfĂŒhrungsverordnungen, 2. Aufl. MĂŒnchen 1936, S. 378.

11 Staatsarchiv Freiburg, B 898/3, ZigeunerfÀlle, Nr. 2.

12 Ebda., ZigeunerfÀlle, Nr. 6. Kreisarchiv Konstanz, Generalia, XXII/3 (Polizei), Bd.181.

13 Moisel, Claudia: Résistance und Repressalien. Die Kriegsverbrecherprozesse in der französischen Zone und in Frankreich, in: Frei, Norbert (Hg.): Transnationale Vergangenheitspolitik, Göttingen 2006, S. 247-282.

14 Personalakte Ferdinand Rechberg im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, EA 2/150 BĂŒ 1307 (Innenministerium).
Klöckler, JĂŒrgen: Ferdinand Rechberg. Biographische Anmerkungen zum Leiter des Konstanzer Gesundheitsamtes bis 1945 und nachmaligen Direktors des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Reichenau, in: Seelos, Hans-JĂŒrgen, und Hoffmann, Klaus (Hg.): Festschrift 100 Jahre Eröffnung des heutigen Zentrums fĂŒr Psychiatrie Reichenau 2013. Geschichte – Gegenwart – Zukunft, Bonn 2013 (im Druck).

15 Goschler, Constantin: Schuld und Schulden. Die Politik der Wiedergutmachung fĂŒr NS-Verfolgte, Göttingen 2005. Stengel, Katharina: Tradierte Feindbilder. Die EntschĂ€digung der Sinti und Roma in den fĂŒnfziger und sechziger Jahren, Frankfurt 2004. Franjic, Silvija: Die Wiedergutmachung fĂŒr die Opfer des Nationalsozialismus in Baden 1945-1967. Von der moralischen Verpflichtung zur rechtlichen PflichtĂŒbung, Frankfurt 2006, S. 337- 352. Westermann, Stefanie: Verschwiegenes Leid. Der Umgang mit den NS-Zwangssterilisierten in der Bundesrepublik Deutschland, Köln 2010. Bundestagsdrucksache 17/8729, 27.2.2012: EntschĂ€digungsleistungen fĂŒr „Euthanasie“-GeschĂ€digte (Antwort der Bundesregierung).