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Stolpersteine Konstanz

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ehemalige Synagoge Konstanz,  1883 - 1938

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28.09.1883: Einweihung

01.11.1936: Brandstiftung

10.11.1938: verbrannt, gesprengt

 

haus_sigismundstr.19

Sigismundstr. 19 heute
(2010)

stein_SYNAGOGE

Stolperstein f√ľr die ehemalige Konstanzer Synagoge
verlegt am 27.06.2014

 

Die Konstanzer Synagoge wurde nach den Plänen des Architekten und Stadtbaumeisters Holzmann aus Konstanz errichtet. Die Einweihung fand am 28.09.1883 statt, zahlreiche Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden und der christlichen Kirchen waren anwesend.

synagoge_konstanz_1883

Synagoge Konstanz 1883
Quelle: Franz Josef Ziwes (Hg.):
Badische Synagogen. 1997, S. 34

 

Erste Brandstiftung

In der Nacht zum 1. November 1936 fand in Konstanz der fr√ľheste Versuch im Dritten Reich statt, ein j√ľdisches Gotteshaus durch Brandstiftung zu zerst√∂ren. Durch ein kleines Fenster an der R√ľckfront drangen unbekannte T√§ter ein und setzten einen Teil der Inneneinrichtung in Brand.

"An f√ľnf Stellen stapelten die T√§ter im Inneren Thora-Rollen, liturgische Gew√§nder und Holzteile aufeinander und entz√ľndeten sie. Kronleuchter, Gebetsteppiche und mehrere f√ľr den religi√∂sen Ritus bestimmte Zylinderh√ľte wurden stark besch√§digt oder v√∂llig zerst√∂rt" (Engelsing, S. 150). Das Feuer griff schnell um sich. Als die Feuerwehr, alarmiert durch einen Passanten, wenige Minuten nach f√ľnf Uhr morgens eintraf, hatte das Feuer den Innen¬≠raum erfasst und vor allem an der Orgel gro√üe Sch√§den angerichtet.

Der Toraschrein, die Orgel und vier F√§cher im Synagogengest√ľhl, in denen die Gebetsm√§ntel und Gebetsb√ľcher aufbewahrt wurden, verbrannten. Durch die Hitze wurden der Verputz an den Innen¬≠w√§nden und das Gest√ľhl besch√§digt.

"Am Tag nach dem Brand wandte sich der Synago¬≠genrat an das Kommando der Feuerwehr, um f√ľr das 'rasche Eingreifen und ihre so tatkr√§ftige opfer¬≠willige Hilfe' den 'innigsten Dank' auszusprechen. Der hilfs¬≠bereiten Mitwirkung der Wehr sei es zu danken, da√ü einer weiteren Zerst√∂rung der Synagoge Einhalt geboten werden konnte, schrieb Synagogenrat Dr. Bloch." (a.a.O., S. 151).

Anders als beim zweiten Synagogenbrand 1938 erstattete die J√ľdische Gemeinde Anzeige. Trotz umfangreicher Ermittlungen (Kriminal-Sekret√§r Tscheulin) wurden keine T√§ter gefa√üt (a.a.O., S. 151ff).

 

 

Brandstiftung und Zerstörung 1938

(siehe dazu auch die ausf√ľhrliche Darstellung von
J√ľrgen Kl√∂ckler auf der Folgeseite)

 

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge von SS-M√§nnern in Brand gesteckt und der Feuerwehr wurde nicht gestattet, den Brand zu l√∂schen. Da die Synagoge nicht wirklich brannte, wurde sie mit Hilfe der SS-Standarte¬†2 ‚ÄěGermania‚Äú aus Radolfzell gesprengt.

An diesem Tag, dem 10.¬†November 1938, wurden etwa 60 (j√ľdische) Konstanzer fr√ľhmorgens zwischen 5.00 und 6.00 Uhr durch  Kriminalpolizei und Gestapo verhaftet. Die M√§nner wurden in die Gestapo-Dienststelle gebracht. Dort wurden viele brutal misshandelt.

Gegen Abend wurden einige der √§lteren M√§nner entlassen, die √ľbrigen Inhaftierten wurden in einem Sonderzug von Konstanz aus in das KZ Dachau verschleppt. Hans THANHAUSER wurde dort am 15.07.1939 ermordet. "Die meisten Verhafteten kehrten seelisch und k√∂rperlich gebrochen nach einer Haftzeit von vier Wochen bis zu drei Monaten zur√ľck. Sie mussten sich schriftlich verpflichten, auf Ersatzan¬≠spr√ľche gegen das Deutsche Reich zu verzichten und innerhalb weniger Monate auszuwan¬≠dern" (Kl√∂ckler, S, 325f).

Ein Mitgefangener erinnert sich an die Haftzeit: ¬ĽAus eleganten wohlgen√§hrten Pers√∂nlichkeiten waren ver√§ngstigte Elendsgestalten geworden, manche mit Verb√§nden am K√∂rper [...] Wo auch immer sie nach ihrer Entlassung erscheinen w√ľrden, mussten sie Aufsehen erregen: die K√∂pfe kahl geschoren, die Angst noch im Gesichtsausdruck und ihre Kleidung zu gro√ü, zu weit und durch die Desinfektion v√∂llig verknittert¬ę (ebda.)

Wenige Tage nach dem 10. November 1938 hielt ein Augenzeuge fest: ¬ĽDie in ihren Wohnungen Belas¬≠senen, deren Verlassen Ihnen zum Teil verboten worden ist, sind der Verzweiflung nahe. V√∂llige Ungewissheit √ľber das Schicksal der M√§nner und Angst vor der n√§chsten Zukunft beherrscht sie. Von Verwandten in anderen Orten erhalten sie Telefon¬≠anruf von Telegramme, ob sie zu ihnen zum Wohnen kommen k√∂nnten. ‚Äď Die wenigen, noch bestehenden j√ľdischen Gesch√§fte wurden von der Polizei geschlossen¬ę (ebd.)

In einem Tresorraum fand man den Kirchenschatz, darunter "wertvolle Talare, Kultgegenst√§nde, gold¬≠bestickte Tafeln und ein Baldachin, aber auch zwei Goldkronen, ein kleiner Goldturm, mehrere silberne Kultgegenst√§nde, Becher und ein Silbertablett. ... Die Gold- und Silberteile hatte aber die Gestapo bereits im Dezember 1938 in der Asservatenkammer der Krimi¬≠nalpolizei ohne Angabe von Gr√ľnden abge¬≠holt" (Engelsing, S. 156)

 

Schon am 10. November kam vom Chef der Ord¬≠nungspolizei, General Daluege, aus Berlin die Weisung, den Brandstiftungen praktisch keinen Einhalt zu gebieten und auch nicht zu ermitteln. Einer Weisung aus dem Justizministerium gem√§ss wurde das Verfahren im Mai 1939 eingestellt, die Straftaten blieben unges√ľhnt.

 

synagoge

Synagoge Konstanz
nach Brandstiftung und Sprengung November 1938

Quelle: Erich Bloch: Geschichte der Juden von Konstanz im 19. und 20. Jh. Konstanz 1971. 1996², S. 148

 

 

Der Ort der Zerst√∂rung blieb zun√§chst als Schotter¬≠feld unber√ľhrt.  "Im Februar 1943 erwarb die Stadt das Gel√§nde f√ľr 15.000 Reichsmark ... Gegen Kriegsende wurde dort ein Luftschutzdeckungs-Graben errichtet.

Nach Kriegsende lie√ü Rechtsrat Dr. h.c. Knapp auf Ansuchen der neuen j√ľdischen Gemeinde den Platz im Januar 1946 als Gedenkst√§tte herrichten, die bald darauf wieder von Unkraut √ľberwuchert war.

Zu dieser Zeit machte ein Auslands-Konstanzer ein gro√üz√ľgiges Angebot: William Graf, in Konstanz-Staad geborener Brauereifachmann im Aufsichtsrat der j√ľdisch-amerikanischen Firma Wallerstein in New York, bot bei seinem ersten Konstanz-Besuch nach Kriegs¬≠ende an, die zum Wiederaufbau der alten Synagoge erforderlichen Mittel zu beschaffen. ‚Ķ Auf dieses Angebot hin versammelte der Oberb√ľrgermeister f√ľnf oder sechs √úberlebende und zugewanderte Mitglieder der kleinen j√ľdischen Gemeinde, um sie von der M√∂glichkeit des Wiederaufbaus zu unterrichten. Nach dem m√ľndlichen Bericht William Grafs von dieser Sitzung ‚Ķ konnten sich die Mitglieder der j√ľdischen Gemeinde nicht √ľber das Angebot einigen: W√§hrend die √ľberlebenden Konstanzer Gemeindemitglieder erfreut reagierten, legten die religi√∂s traditionell ori¬≠entierten, aus Osteuropa zugewanderten √úberleben¬≠den Wert auf die Erbauung einer orthodoxen Syna¬≠goge. Diese sollte keine Orgel haben und baulich die Geschlechtertrennung deutlich hervorheben. Nachdem in dieser religi√∂s begr√ľndeten Auseinandersetzung keine Einigung gefunden werden konnte, zog Graf sein Angebot zur√ľck, weil er auf der unver√§nderten Wiederherstellung der traditionsreichen Konstanzer Synagoge bestanden hatte" (Engelsing, S. 157f).

Die Synagoge wurde nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut. In dem Gesch√§ftshaus Sigismund¬≠stra√üe¬†19 befinden sich allerdings seit 1964 j√ľdische Gebetsr√§ume mit einer Mikwe (j√ľdisches Tauchbad).

 

Die R√§ume sind die einzige j√ľdische Privat¬≠synagoge in Deutschland (siehe auch hier).

 

synagoge_konstanz_gebetsraum_2014

Gebetsraum im Haus Sigismundstr. 19
(2014)

Foto: Peter Stiefel, http://www.hagalil.com/2009/09/konstanz/

 

 

Recherche: Maik Schluroff

Patenschaft: Beate BRAVMANN-Muhlfelder

Quellen (u.a.):

Engelsing, Tobias: Im Verein mit dem Feuer. Die Sozialgeschichte der Freiwilligen Feuerwehr von 1830 bis 1950. Libelle-Verlag. ISBN 978-3-909081-16-5 (vergriffen).
Uni-Bibliothek: 7 gsq 321.20/e63
Vorher als Dissertation erschienen, Uni-Bibliothek: D 90/1616

Kl√∂ckler, J√ľrgen ‚ÄěSelbstbehauptung durch Gleichschaltung. Die Konstanzer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus‚Äú. Thorbecke: Ostfildern 2012, S. 315 - 328.

http://www.hagalil.com/archiv/2014/04/09/konstanz-11/ (Aufruf Mai 2014)