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Stolpersteine Konstanz

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Vinzenz KERLE  1884 - 1958

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1884: geb. 17.12., Konstanz

Im Widerstand / KPD

1935: Anklage "Hochverrat"

1935: KZ Kislau

1936: Flucht nach Frankreich

1939: zweimal verhaftet, GefÀngnis Konstanz

1939: 14.10., Entlassung

1945: OberbĂŒrgermeister von Konstanz

Überlebt

 

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Fischerstraße 28
heute (2016)

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Stolperstein fĂŒr Vinzenz KERLE
verlegt am 13.09.2015

 

Vinzenz Kerle wurde am 17.12.1884 in Konstanz geboren. Seine Eltern waren Andreas Kerle, gebĂŒrtig aus Meßkirch, und Theresa, geb. Spiri, vom DĂŒrrain­hof bei Kaltbrunn, Kreis Konstanz. Er hatte vier Geschwister.

In Konstanz besuchte er die Volks­schule und die Handelsschule und machte bei der Firma August Rahn eine kaufmÀnnische Ausbildung. Seinen MilitÀrdienst leistete er von 1903 bis 1905 in Konstanz ab.

Danach verbrachte Kerle mehrere Jahre im Ausland, unter anderem in Paris und in London. Bei Kriegsausbruch 1914 war er in London. Mit einem Frachtdampfer setzte er am 3.8.1914 nach Amster­dam ĂŒber. In Rotterdam meldete er sich beim deutschen Konsul, der ihn nach Wesel am Niederrhein schickte, wo er Soldat im Infanterie-Regiment Nr. 56 wurde. Von 1914 bis 1918 war er an der Westfront eingesetzt. Nach dem Krieg war Kerle vorĂŒbergehend arbeitslos und wohnte bei seiner Mutter.

Vinzenz Kerle war verheiratet mit Ida, geb. Schrand, aus MĂŒnster in Westfalen; das Ehepaar hatte zwei Söhne, Wolfram, geb. 7.4.1920, und Roland, geb. 25.6.1926, gefallen am 15.10.1944 an der Ostfront.

1920 wurde Kerle Mitglied der KPD. Von 1922 bis 1930 vertrat er die KPD im Konstanzer Stadtrat (BĂŒrgerschaftsausschuss). In seiner Eigenschaft als Stadtrat war er auch Leiter des Wohnungsamtes. Im Oktober 1925 kandidierte er fĂŒr die KPD im Wahlkreis I (Konstanz und Umgebung) bei der Landtagswahl, wurde aber nicht gewĂ€hlt. 1930 wurde Kerle aus der KPD ausgeschlossen, weil er mit der Übernahme des Gasthofes „Staader FĂ€hrhaus“ am 30. Juni 1928,  kein Arbeiter mehr sei, sondern selbstĂ€ndiger Unter­nehmer. Seine kommunistische Gesinnung hat er deswegen nicht aufgegeben.

Obwohl Kerle nicht mehr formell Mitglied der KPD war, wurde er dennoch wegen „hochverrĂ€terischer Bestrebungen“ am 5.8.1935 von der Gestapo  verhaftet und bis zum 24.12. 1935 in den GefĂ€ngnissen von Konstanz und Mannheim fest­gehalten. Einen Tag nach seiner Freilassung wurde er am ersten Weihnachtstag, am 25.12., erneut verhaftet und in das in Nordbaden ĂŒberstellt. Dort war er bis zum 25.3.1936 inhaftiert.  

 

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Vinzenz KERLE, 1935
Verhaftungsfoto der Gestapo vom 6.8.1935
Quelle: Staatsarchiv Freiburg

 

 

Kerle wurde von der Gestapo als ein „intelligenter, aber starrköpfiger und schwer zu belehrender Mensch“ beschrieben. Mangels Beweisen wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt; am 25.3.1936 wurde er entlassen.

Kerle wurde von der Gestapo als ein „intelligenter, aber starrköpfiger und schwer zu belehrender Mensch“ beschrieben. Nach seiner Entlassung konnte er das „Staader FĂ€hrhaus“ nicht weiter­fĂŒhren, weil er keinen Kredit mehr bekam. Am 25. MĂ€rz 1936 unterschrieb Kerle eine Loyali­tĂ€ts­erklĂ€rung, dass er sich „in der marxistischen Bewegung wie ĂŒberhaupt in jeder staatsfeindlichen Bewegung nicht mehr betĂ€tigen und sich dem neuen Staat gegenĂŒber loyal verhalten“ werde.

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"Personalbogen" Vinzenz KERLE
KZ Kislau

Quelle: Staatsarchiv Freiburg

 

 

 

Trotzdem fĂŒhlte sich Kerle seines Lebens nicht mehr sicher und floh 1936 ĂŒber die Schweiz nach Frankreich. In der Stadt Pontoise nordwestlich von Paris wurde er im Dezember 1938 von den Behörden festgenommen und nach Deutschland zurĂŒck­geschickt. Offensichtlich hatte er keinen Asylantrag gestellt.

Im Herbst 1939 wurde Kerle erneut zweimal im LandgerichtsgefĂ€ngnis Konstanz inhaftiert: vom 7. bis 19. September und vom 9. bis 14. Oktober. Der Grund fĂŒr die beiden Verhaftungen konnte nicht eruiert werden.

Um weiteren Verfolgungen durch die Gestapo zu entgehen, meldete sich Kerle 1939, obwohl schon 55 Jahre alt, freiwillig zur Wehrmacht. Von 1940 bis 1945 war er bei einer Baukompanie in Polen, Norwegen und Frankreich am Atlantik (Ȋle de RĂ©) eingesetzt.

 

Vinzenz Kerle war ĂŒber 8 Monate in Haft.

Nach Kriegsende war Kerle wesentlich mitbeteiligt am Aufbau des antifaschistischen Widerstandsblocks in Konstanz. Der Wider­standsblock unter der Leitung des Apothekers und Altstadtrats Bruno Leiner war so etwas wie ein BĂŒrgerkomitee, der sich sowohl der Opfer des Naziregimes annahm als auch akribisch dokumentierte, wer in Konstanz der NSDAP (Gestapo und andere NS-Organisationen) angehört hatte. Der Widerstandsblock, der eine eigene Verwaltung aufbaute und Zeit lang mit der Stadtverwaltung konkurrierte, arbeitete eng mit der französischen Besatzungsmacht zusammen.

Obwohl Kerle nur ĂŒber wenig Verwaltungserfahrung verfĂŒgte, setzte ihn die französische MilitĂ€rverwal­tung unter General de Lattre am 17. Mai 1945 zum OberbĂŒrgermeister ein. Wegen seiner allseits bekann­ten kommunistischen Gesinnung, nicht zuletzt auch wegen seines untadeligen Verhaltens als deutscher Besatzungssoldat in Frankreich gegen den Franzosen und seiner französischen Sprach­kenntnisse, die er sich wĂ€hrend seines zweijĂ€hrigen Exils in Frankreichs angeeignet hatte, schien Kerle fĂŒr die Franzosen der richtige Mann fĂŒr den demo­kratischen Neubeginn in Konstanz zu sein.

Am 10. Juni verfĂŒgte Kerle ohne Absprache mit den Franzosen und der stĂ€dtischen Verwaltung die Registrierung aller ehemaligen NSDAP-Parteimitglieder auf dem Schottenplatz, was zu großer Unruhe in der Stadt fĂŒhrte.

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Registrierung ehemaliger NSDAP-Mitglieder,
Befehl von Vinzenz KERLE als OB, 1945

Quelle: Burchardt/Schott/Trapp

 

 

Die Stadtverwaltung unter Leitung von Rechtsrat Franz Knapp war mit Kerle jedoch unzu­frieden, da er ihrer Meinung zu eng mit dem anti­faschistischen Widerstandsblock zusammen­arbeitete. Da auch die Franzosen mit seiner AmtsfĂŒhrung nicht zufrieden waren, weil er sich zu wenig um die von ihnen angeordneten Requisitionen bei Konstanzer BĂŒrgern kĂŒmmerte, enthoben sie Kerle am 16. Juni 1945 kurzerhand von seinem Posten und setzten Hans Schneider von der katholischen Zentrumspartei als OberbĂŒrgermeister ein; dieser wurde ein halbes Jahr spĂ€ter, am 1.1.1946, durch den Sozialdemo­kraten Fritz Arnold ersetzt.

Dennoch wollten die Franzosen nicht auf die Dienste von Kerle verzichten. Einen Tag spĂ€ter, am 17. Juni 1945, machten sie ihn zum besoldeten Stadtrat und ĂŒbertrugen  ihm die Leitung der Technischen Werke.

Bei der Gemeinderatswahl am 15. September 1946 trat Kerle mit einer eigenen Liste an: „Vereinigung unabhĂ€ngiger Sozialisten zur demokratischen Erneuerung“. Die Liste umfasste sieben Kandidaten: Vinzenz Kerle stand auf Platz eins, Heinrich Haug, der wegen seiner KPD-Mitgliedschaft wĂ€hrend des Nationalsozialismus lĂ€nger als 8 Jahre im KZ inhaftiert war, auf Platz zwei der Liste. Aber weder Kerle noch Haug wurden in den Gemeinderat gewĂ€hlt.

Auch beruflich fasste Kerle wieder Fuß; von 1951 bis 1955 fĂŒhrte er das FĂ€hrhaus-Cafe in Meersburg.

 

Vinzenz Kerle ist am 25. Juni 1958 in Konstanz gestorben.

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Todesanzeige fĂŒ Vinzenz KERLE,
"SĂŒdkurier" 27.06.1958

 

 

Recherche: Uwe BrĂŒgmann

Patenschaft: Vera Hemm

Quellen:

Staatsarchiv Freiburg, Antrag auf HaftentschÀdigung, Signatur F 196/1, 728

ITS Arolsen

Stadtarchiv Konstanz, Akte S II/13632

Todesanzeige und kurze WĂŒrdigung im „SĂŒdkurier“ vom 27.6.1958

Lothar Burchardt, Dieter Schott, Werner Trapp, Konstanz im 20.Jahrhundert: die Jahre 1914 bis 1945. Konstanz: Stadler 1990

JĂŒrgen Klöckler, Selbstbehauptung durch Selbstgleichschaltung. Die Konstanzer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus.