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Stolpersteine Konstanz

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Jakob ERLANGER, 1865 - 1945

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1865: geb. am 10. Januar, Buchau

 

1940: Deportation nach Gurs

 

1945: tot am 20. Januar, Villefranche-de-Rouerge / Frankeich

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Bodanstr. 40
(fr√ľher Saarlandstr. 40)
heute (2015)

Foto: W. Mikuteit

 

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Stolperstein f√ľr Jakob ERLANGER
verlegt am 13.09.2015

 

Jakob Erlanger stammte aus Buchau am Federsee in Oberschwaben. Er hatte sieben Geschwister. Seine Eltern waren Samuel Raphael Erlanger und Judith, geb. Erlanger.

Jakob Erlanger war verheiratet mit Cäcilie, geb. Rosenfeld (1875-1931). Cäcilie war eine Schwester des Konstanzer Textilunter­nehmers Jakob Rosenfeld. Das Ehepaar hatte einen Sohn mit Namen Richard (geb. am 3.Dezember 1897 in Meersburg).

Richard Erlanger war verheiratet mit einer Tochter von Jakob Rosenfeld, die ebenfalls  C√§cilie (gest. am 2. Juli 1921) hie√ü. Richard Erlanger fiel im Ersten Weltkrieg am 24.11.1917 in den K√§mpfen an der italienischen Front am Monte Fontana Secca.

In Buchau gab es Mitte des 19. Jahrhunderts ein bl√ľhendes j√ľdisches Gemeinwesen mit Synagoge (1839), Mikwe, Friedhof und Volksschule. Etwa ein Drittel der Einwohner waren Juden. Die Vorfahren von Albert Einstein, des Entdeckers der Relativit√§ts¬≠theorie, stammten aus Buchau.

1864 erfolgte im K√∂nigreich W√ľrttemberg durch Gesetz die v√∂llige Gleichstellung der Juden mit den √ľbrigen Staats¬≠angeh√∂rigen. Bis dahin lebten die j√ľdischen Familien √ľberwiegend vom Gro√ü- und Kleinhandel mit Waren aller Art; seit der zweiten H√§lfte des 19. Jahrhunderts bauten sie die ersten Buchauer Industriebetriebe auf, vor allem in der Textilbranche.

Synagoge Buchau

Synagoge Buchau

 

Nach der Jahrhundertwende √ľbernahmen Jakob Erlanger und sein Bruder Adolf Siegfried (1863-1924) von ihren Onkeln Jakob und Adolf Koblenzer die Mechanische Baumwoll¬≠weberei in Meersburg, die rohe und gef√§rbte Stoffe herstellte. Diese Weberei war 1846 von Gottlieb Honegger gegr√ľndet und nach dessen Konkurs 1872 von den Br√ľdern Koblenzer √ľbernommen worden. 1902 brannte die Baumwoll¬≠weberei ab.

1908 nahm Jakob Erlanger die badische Staats¬≠b√ľrger¬≠schaft an.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg errichteten die Erlanger-Br√ľder im Osten von Meersburg an der Stra√üe nach Hagnau eine neue Produktionsst√§tte nach modernsten Grunds√§tzen. 1914 arbeiteten in der Fabrik etwa 300 M√§nner und 200 Frauen an 414 Webst√ľhlen.

 

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Die Fabrik der Erlanger-Br√ľder, Mitte 1950er Jahre
(jetzt bekannter als "Hämmerle-Fabrik", bzw. als
Spielort des "Sommertheaters Meersburg "

 

 

Hämmerle Fabrik - Sommertheater

Sommerheater Meersburg in der "Hämmerle-Fabrik"
Mitte 1990er-Jahre

 

 

Nach dem Ersten Weltkrieg verschlechterte sich die Auftragslage f√ľr die Meersburger Baumwollweberei drastisch. Hinzu kam, dass der einzige Sohn von Jakob Erlanger, Richard Erlanger, 1917 an der italienischen Front den Tod gefunden hat. Auch die beiden T√∂chter seines Bruders und Mitinhabers Adolf Erlanger, Liese, verheiratet mit dem Arzt Dr. Martin Hagelberg aus Konstanz, und Anni, verheiratet mit Rechtsanwalt Dr. Theodor Weil aus Kreuzlingen, zeigten kein Interesse an der Fabrik. Beide T√∂chter √ľberlebten √ľbrigens den Holocaust in Pal√§stina bzw. der Schweiz.

 

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Ansichtskarte Meersburg (ca. 1910)
Im Vordergrund die "Hämmerle-Fabrik"

Im Oktober 1923 musste die Fabrik in Meersburg mangels Auftr√§gen schlie√üen, 1925 wurde sie an die Augsburger Kammgarnspinnerei (Besitzer waren Raff & S√∂hne) verkauft. Im April 1933 wurde das Werk stillgelegt. Im Zuge der ‚ÄěArisierung‚Äú j√ľdischer Betriebe ging das Augsburger Werk im August 1934 schlie√ülich an die Vorarlberger Firma F.M. H√§mmerle √ľber. Endg√ľltig stillgelegt wurde die Fabrik dann im Jahre 1969. Die leere Fabrikhalle diente von 1985 bis 2002 dem Meersburger Sommertheater als Spielst√§tte.

Nach dem Verkauf der Fabrik nahm Jakob Erlanger im Juni 1925 seinen Wohnsitz in Kreuzlingen, dem Schweizer Nachbarort von Konstanz. Anfang September 1935 √ľbersiedelte er nach Konstanz und wohnte in der Robert-Wagner-Stra√üe 48 ‚Äď wie die ‚ÄěLaube‚Äú nach der Umbenennung zu Ehren des NS-Statthalters von Baden, Robert Wagner, seit 1934 hie√ü.

Dass Erlanger wenige Wochen vor Verabschiedung der N√ľrnberger Rassegesetze am 15. September 1935, durch die Juden zu Staatsb√ľrgern zweiter Klasse degradiert wurden, nach Konstanz √ľber¬≠siedelte, wo mittlerweile die Nazis regierten, zeigt seine politische Naivit√§t, aber auch, wie sehr sich Erlanger als Deutscher f√ľhlte. Trotz zahlreicher diskriminierender Gesetze und Ma√ünahmen gegen Juden wie die Entlassung j√ľdischer Beamter aus dem Staatsdienst (April 1933), ein Badeverbot oder der Boykott j√ľdischer Gesch√§fte in Konstanz glaubte Erlanger offensichtlich an eine Zukunft der Juden in Deutschland.

Am 31. März 1939 erfolgte der Umzug in die Saarlandstr. 40. Er wohnte bei Moritz Rothschild, dem Anfang 1940 die Emigration in die Schweiz gelang. Am 04.05.1939 erfolgte der behördlich angeordnete Umzug in die Döbelestr. 2, in ein sogenanntes "Judenhaus". Dieses Haus hatte einst (1904) Erlangers Schwager Jakob Koblenzer erbaut.

Judenh√§user waren im Beh√∂rden-Deutsch H√§user, die Juden geh√∂ren und in denen nur j√ľdische Mieter wohnen durften.

Im Juli 1939 bem√ľhte sich Jakob Erlanger vergeblich um die Ausreise in die USA. In Vorahnung seines k√ľnftigen Schicksals, vielleicht aber auch aus Altersgr√ľnden, machte Jakob Erlanger am 12. Februar 1940 sein Testament. Darin vermachte er sein nicht unbetr√§chtliches Verm√∂gen an Verwandte und Freunde, darunter auch an seine Haush√§lterin, die sich seit dem Tod seiner Frau 1921 r√ľhrend um ihn gek√ľmmert hatte. F√ľr sich selbst bestimmte er ein einfaches Grabmal aus Sandstein mit der Inschrift ‚ÄěJakob Erlanger 1865 - ‚Ķ‚Äú in lateinischen (deutschen) Buchstaben und ohne j√ľdische Symbole wie Davidstern oder Menorah (siebenarmiger Leuchter).

Am 22. Oktober 1940 wurde der 75j√§hrige Jakob Erlanger zusammen mit 108 Konstanzer Juden vom G√ľterbahn¬≠hof Konstanz-Petershausen nach verschleppt.

Sein Verm√∂gen wurde vom Staat  eingezogen und sein wertvolles Mobiliar, Teppiche und √Ėlbilder, darunter ein Bild des expressionistischen Malers Waldemar Flaig, √∂ffentlich versteigert. Diese Versteigerung, bei der das Eigentum der nach Gurs deportierten Juden unter den Hammer kam, fand am 6. und 7. Januar 1941 im Konzilsgeb√§ude statt.

Im Sommer 1942 wurden die meisten der Konstanzer Juden aus dem Lager Gurs nach Auschwitz in die Gaskammern geschickt. Jakob Erlanger entging diesem Schicksal. Wahrscheinlich kam er auf Grund des sogenannten Greisenpara¬≠graphen  der Vichy-Regierung vom 14. August 1942 frei. Dieser Paragraph sicherte Juden √ľber 60 Jahren zu, nicht in die Todeslager im Osten geschickt zu werden.

Wo sich Erlanger nach seiner Freilassung aus dem Lager Gurs aufhielt, ist nicht bekannt. Durch Geld- und Sachzuwendungen seines Neffen Benno Baum, dessen Mutter Babette (geb. 30. Mai 1856 in Buchau am Federsee) eine Schwester von Jakob Erlanger war, lebte er dann noch drei Jahre in ärmlichen Verhältnis­sen in Villefranche-de-Rouergue, wo verfolgte Juden aus vielen Ländern, besonders aus Polen, eine Zufluchtsstätte gefunden hatten.

erlanger_jakob_todesnachricht_kl

Totenschein Jakob ERLANGER vom 20.01.1945

√úbersetzung:

Jakob Erlanger, geb. am 10. Jan. 1865 in Buchau, Deutschland, ohne Beruf, Sohn des Ralph Erlanger und Judith Erlanger, Witwer der Rosenfeld Caecilie, Wohnort Buchau, Deutschland.

Erstellt am 20. Januar 1945 um 11 Uhr, erklärt Louis Gasc, 46 Jahre, Verwalter des Zivilhospiz,

vorgelesen, unterschrieben von uns, Ernest Pendaries, Stellvertreter des B√ľrgermeisters kraft √úbertragung des Amtes

 

 

Am 20.1.1945 starb Jakob Erlanger mit √ľber 80 Jahren an Altersschw√§che im st√§dtischen Krankenhaus von Villefranche-de-Rouergue.

 

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Städtisches Krankenhaus Villefranche-de-Rouerge, ca. 1910

 


Nachsatz: Villefranche-de-Rouergue ist in die Geschichte des Widerstandes gegen die Nazis eingegangen, weil sich hier am 17. September 1943 das mehrheitlich aus zwangs¬≠rekru¬≠tierten Bosniaken und Kroaten bestehende 13. Pionier¬≠bataillon der 13. SS-Waffen-Gebirgs-Division gegen die deutsche Kommandantur erhoben hatte. Nachdem sie die deutschen Offiziere get√∂tet hatten, √ľbernahmen sie f√ľr einen Tag die Kontrolle √ľber die Stadt.

 

 

 

 

 

 

Recherche: Uwe Br√ľgmann

Patenschaft: Dorothee Schmidt

Quellen und Literatur:

Stadtarchiv Konstanz, Akte S II 34/19

Staatsarchiv Freiburg, Akten F 196/1, 318, F 196/3, 4961, P 303/4, 689, F 166/3, 3605

Stadtarchiv Buchau

Toury, Jacob, J√ľdische Textilunternehmer in Baden-W√ľrttemberg 1683-1938. T√ľbingen: Mohr, 1984, S.97-98