Tätigkeitsbericht 2017/2018
Initiative „Stolpersteine für Konstanz Gegen Vergessen und Intoleranz
Veranstaltungen 2017 / 2018: siehe Seite 12
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2005 wurde in Konstanz die Initiative „Stolpersteine für Konstanz Gegen Vergessen
und Intoleranz“ gegründet, mit dem primären Ziel Biografien Konstanzer Opfer des Na-
tionalsozialismus zu recherchieren und mit der Verlegung von Stolpersteinen an ihrem
letzten selbsterwählten Wohnsitz oder ihrer Wirkungsstätte namentlich und individuell
zu erinnern. Bereits 2006 konnten die ersten Stolpersteine in Konstanz verlegt werden.
Seitdem kamen jedes Jahr weitere Stolpersteine im Konstanzer Innenstadtgebiet, aber
auch in den Randbezirken und Vororten hinzu, die an jüdische Opfer, Euthanasieopfer,
politisch oder religiös Verfolgte, Deserteure, Homosexuelle oder Sinti und Roma erin-
nern. Bis September 2018 konnten durch die Initiative in Konstanz 222 und in Kreuzlin-
gen sowie Tägerwilen weitere 3 Stolpersteine verlegt werden.
Mit der Verlegung eines Stolpersteines kehrt der Name an den Ort zurück, wo der erin-
nerte Mensch seinen Lebensmittelpunkt hatte und so gibt man symbolisch dem Men-
schen ein Stück seiner Würde und seiner geraubten Heimat und Existenz zurück. Hinter
jedem einzelnen verlegten Stolperstein steht jedoch mehr als der Name und wenige in
den Stein gemeißelte biografische Eckdaten. Grundlage jeder Stolpersteinverlegung ist
eine umfassend und gründlich recherchierte Biografie, die das Leben des Menschen,
seine Familiengeschichte, nach Möglichkeit auch anhand persönlicher Aufzeichnungen
und Fotografien, nachzeichnen soll und so vor dem Vergessen bewahren. Gleichzeitig
erfolgt immer eine Suche nach Angehörigen, nicht nur, um weitere Informationen zu
recherchieren, sondern vielmehr um oftmals unterbrochene Familienbanden zusam-
menzuführen, um verloren gegangene Erinnerungen zurück- und weiterzugeben und
um die Angehörigen zur Stolpersteinverlegung einzuladen.
Damit diese Erinnerungsarbeit nachhaltig bleibt, die Konstanzer Bevölkerung erreichen
und involvieren kann und vor allem auch den Bezug zur Gegenwart immer wieder er-
neuern kann, hat die Initiative „Stolpersteine für Konstanz Gegen Vergessen und Into-
leranz“ in den letzten Jahren verschiedene Maßnahmen getroffen und Aufgaben über-
nommen, die ohne die finanzielle und ideelle Unterstützung durch die Stadt Konstanz
nicht möglich gewesen wären.
In dem vorliegenden Tätigkeitsbericht soll eine grobe Übersicht über unsere Aktivitäten
im Förderzeitraum 2017/2018 vorgestellt werden. Aus Gründen der Lesbarkeit kann die
Beschreibung nicht vollständig sein, sondern beschränkt sich auf die im Folgenden ge-
nannten Haupttätigkeitsfelder im genannten Förderzeitraum. Die Unterteilung erfolgt nur
der Übersicht halber, in unserer praktischen Arbeit sind die genannten Tätigkeitsfelder
nicht klar voneinander zu trennen und überschneiden sich in vielen Bereichen.
Haupttätigkeitsfelder Initiative „Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen
und Intoleranz“:
1. „Stolpersteinrecherchen“ und Verlegung von Stolpersteinen
2. Kontakte zu Überlebenden und Angehörigen
3. Bildungsarbeit mit Schulen aus Konstanz und dem Umland
4. Nachhaltige Dokumentation und Internetauftritt
5. Organisation von Gedenkveranstaltungen
6. Weitere Veranstaltungen, Ausstellungen und Kooperationen
1 „Stolpersteinrecherchen“ und Verlegung von Stolpersteinen
Eine unserer Hauptaufgaben ist weiterhin die Recherche von Biografien Konstanzer
Opfer des Nationalsozialismus. Die Zahl der jährlich in Konstanz verlegten Stolpersteine
spiegelt dabei nicht die Zahl der von uns vollständig recherchierten Biografien wider,
sondern richtet sich nach den verfügbaren Kapazitäten des Künstlers Gunter Demnig,
der nach wie vor in den allermeisten Fällen die inzwischen von einem Künstlerkollegen
in Berlin handgefertigten Stolpersteine persönlich verlegt. In einem sehr engen Zeitplan
verlegt Gunter Demnig oftmals in zwei oder mehr Orten am gleichen Tag Stolpersteine,
weshalb die Anzahl der vorgegebenen Verlegestellen notwendigerweise limitiert sein
muss.
Die einzelnen Recherchen sind sehr zeitaufwändig und werden mit höchster Sorgfalt
und unter Berücksichtigung objektiver Kriterien von Mitgliedern der Konstanzer Stolper-
steininitiative durchgeführt. Die Auswahl der zu recherchierenden Personen ergibt sich
dabei mitunter zufällig. Sei es durch die Erwähnung eines Namens in Archivalien, die
bei der Recherche anderer Biografien bearbeitet werden, sei es durch den Wunsch,
auch die Familiengeschichten und somit auch Schicksale von Angehörigen zu recher-
chieren. Innerhalb der Initiative hat sich zum großen Teil eine Spezialisierung auf be-
stimmte Opfergruppen ergeben, was die Recherchearbeit vereinfacht. Auch wenn im-
mer mehr Archive einzelne Datenbanken online zur Verfügung stellen, sind für einzelne
Stolpersteinrecherchen oft wiederholte Archivbesuche notwendig und hier werden we-
der Zeitaufwand noch Entfernungen gescheut. (Beispiel: Recherche der Biografien von
Selma und Irene Fuchs, für die Dr. Uwe Brügmann in ein Archiv nach London reiste).
Neben dem hohen ehrenamtlich geleisteten Zeitaufwand, fallen somit auch immer wie-
der Reisekosten und Gebühren für die Arbeit in Archiven an.
Am 3. Mai 2017 konnten 11, am 9. Juli 2018 weitere 15 neue Stolpersteine in Konstanz
verlegt werden. Die Kosten für die Stolpersteine selber übernehmen dabei Paten und
Patinnen, die damit auch die freiwillige Aufgabe übernehmen, diesen Stein zu pflegen.
Im Vorfeld der Stolpersteininitiative veröffentlicht der Südkurier ausgewählte Biografien
und unterstützt uns damit auch in der Ankündigung der Stolpersteinverlegung. Letztere
wird von uns würdig gestaltet. So konnten wir in den letzten Jahren an verschiedenen
Verlegestellen auch musikalische Beiträge anbieten, teilweise beteiligten sich Schul-
klassen durch Musizieren oder das Verlesen von Texten bzw. der Blumenniederlegung
an den Verlegungen selber. Durch persönliche Anschreiben eingeladene Anwohner
nehmen dabei ebenso teil, wie Konstanzer Bürgerinnen und Bürger, die aus unseren
Flyern oder der Zeitung von der Stolpersteinverlegung gehört haben. Aktiv laden wir
auch Schulklassen ein, zahlreiche Lehrer sind in den Letzten Jahren unseren Einladun-
gen gefolgt und Schüler und Schülerinnen zeigten sich von der Verlegung und den Be-
gegnungen mit Angehörigen sehr beeindruckt.
Inzwischen schon traditionell findet am Abend der Stolpersteinverlegung dann die sym-
bolische Übergabe der neu verlegten Stolpersteine in die Hände der Stadt Konstanz
statt. Gefolgt wird die Steinübergabe dann immer von einem Vortrag. So war 2017 die
Referentin Janka Kluge (Landessprecherin der VVN-BdA Baden-Württemberg) mit ei-
nem Vortrag zu „Erinnerungskultur im Wandel der Zeit“ zu Gast. In diesem Jahr konnte
der Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalso-
zialistischer Gewaltverbrechen, Jens Rommel, als Referent für den Vortrag „Hitlers letz-
te Helfer? Aktuelle Ermittlungen zu nationalsozialistischen Verbrechen“ gewonnen wer-
den.
2 Kontakte zu Überlebenden und Angehörigen
Die Suche nach Angehörigen und vor allem das Herausfinden aktueller Kontaktadres-
sen hat für uns eine hohe Priorität. Trotz Internet bleibt es eine der großen Herausforde-
rungen unserer Stolpersteinrecherchen, ist meistens langwierig und erfordert Ausdauer
und Hartnäckigkeit. Auch die erste Kontaktaufnahme ist nicht immer einfach und ver-
langt ein hohes Maß an Sensibilität. Umso erfreulicher war es für die Initiative, dass es
uns sowohl 2017 als auch 2018 wieder gelungen ist, zahlreiche Angehörige, die teilwei-
se weite Anreisewege hatten, zu den Verlegungen einzuladen. Insbesondere im Falle
der jüdischen Familie Thanhauser kam es dabei in diesem Jahr zu einer beeindrucken-
den und berührenden ersten Begegnung von Familienangehörigen, die aufgrund der
nationalsozialistischen Verfolgung und Flucht in verschiedene Kontinente den Kontakt
verloren hatten.
Um den Familienangehörigen diese Reisen zu ermöglichen, ist in einigen Fällen die
Gewährung eines Reisezuschusses unbedingt notwendig. Neben der Stolpersteinverle-
gung selber organisieren wir für die Angehörigen immer ein Rahmenprogramm, das
nicht nur eine Stadttour auf den Spuren der eigenen Familie beinhaltet, sondern auch
eine gemeinsame Begegnung mit den Mitgliedern der Stolpersteininitiative und den Pa-
ten der Stolpersteine selber.
Für die meisten Angehörige hat die Stolpersteinverlegung einen hohen emotionalen
Stellenwert, vielfach ist Angehörigen die Verfolgungsgeschichte nur lückenhaft bekannt.
Mitglieder der Initiative Stolpersteine unterstützen die Angehörigen in dieser Zeit durch
eine enge Begleitung und es sind in den letzten Jahren viele Freundschaften entstan-
den. Als Beispiel mag aufgeführt werden, dass sich Angehörige mehrere ehemaliger
jüdischer Konstanzer als Reaktion auf die Ankündigung der Gedenkstunde zum 80.
Jahrestag der Reichspogromnacht, die durch die Stadt Konstanz diesen Sommer ver-
schickt wurde, direkt an Mitglieder der Initiative Stolpersteine wanden, um weitere In-
formationen einzuholen, vor allem aber auch mit der Bitte um Hilfe, bei der Entschei-
dung, dafür nach Konstanz anzureisen oder nicht. Dies spricht für das große Vertrauen,
dass der Initiative Stolpersteine aber darüber hinaus auch der Stadt Konstanz von den
Angehörigen heute entgegengebracht wird.
So wird auch die persönliche Betreuung anreisender Angehöriger in diesem November
von Mitgliedern der Initiative Stolpersteine übernommen.
Aus der vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Angehörigen und der Initiative Stol-
persteine hat sich im letzten Jahr ein großes Ausstellungsprojekt entwickelt. Auf Anre-
gung und Anfrage der Angehörigen Liliana Löwenstein, für deren Familie im Oktober
2016 in der Blarerstraße 4 Stolpersteine verlegt wurden, erstellte die Konstanzer Initiati-
ve die Ausstellung „Ein Name. Ein Schicksal. Ein Mensch“, die am 30. Oktober 2017
begleitend zur ersten Stolpersteinverlegung außerhalb Europas an der Pestalozzi-
Schule in Buenos Aires eröffnet wurde. Die Ausstellung, die von der Deutschen Bot-
schaft in Buenos Aires finanziert wurde, erfuhr auch medial große Resonanz. Die Aus-
stellung ist als Wanderausstellung angelegt und ist derzeit an verschiedenen Schulen in
Argentinien unterwegs. Um eine Nachhaltigkeit zu gewährleisten gibt es eine begleiten-
de Homepage, die unter www.undestino.net zu finden ist.
Eine anlässlich der Gedenkveranstaltung im November 2018 anreisende Familie aus
den USA wird zudem stellvertretend für die in diesem Jahr verstorbene Holocaustüber-
lebende Paula Goldlust aus Konstanz gemeinsam mit der Stolpersteininitiative eine
Schulveranstaltung mitgestalten. Dabei wird aus der Perspektive der zweiten und dritten
Generation nicht nur die Geschichte der überlebenden Eltern und Großeltern berichtet,
sondern auch ein Gespräch über jüdisches Leben heute und Umgang mit Antisemitis-
mus initiiert.
Dies leitet über zu einem weiteren Schwerpunkt unserer Arbeit:
3 Bildungsarbeit mit Schulen aus Konstanz und dem Umland
Bereits seit 2009 arbeitet die Initiative eng mit den weiterführenden Konstanzer Schulen
zusammen. Unsere Schüler- und Jugendarbeit haben wir in den letzten Jahren in unter-
schiedlichen außerschulischen Aktivitäten zur Gedenkarbeit immer weiter ausgebaut
und hat auch insbesondere in der aktuellen Phase der Neuorientierung von Erinne-
rungsarbeit höchste Priorität. Dabei versuchen wir ein breites Angebot mit unterschied-
lichen Schwerpunkten und unterschiedlichen Methoden anzubieten.
Gedenkstättenfahrten
In den vergangenen Jahren, konnten Konstanzer Schülerinnen und Schülern in Zu-
sammenarbeit mit dem „Zug der Erinnerung e. V. bzw. den „Falken“ zweimal Gedenk-
stättenfahrten nach Auschwitz sowie in die Vernichtungslager Sobibor und Treblinka
angeboten werden. An einem weiteren Erinnerungsprojekt, dem von der Baden-
Württembergischen Landesregierung und das Außenministerium geförderte Friedens-
camp „Campo della Pace“, einem Workcamp für junge Menschen aus Deutschland und
Italien im italienischen Gedenkort Sant’Anna di Stazzema, konnten durch die enge Zu-
sammenarbeit mit Mitgliedern der Konstanzer Stolpersteininitiative 2017 und 2018 be-
reits 4 junge Konstanzer teilnehmen.
Stolpersteinführungen für Schulklassen aus Konstanz und aus dem Thurgau
Regelmäßig führen wir für Konstanzer Schulen, und 2018 bereits zum dritten Mal in
Folge auch für Schweizer Schulklassen, Stolpersteinführungen durch. Junge Menschen
erhalten dadurch einen neuen und anschaulichen Zugang zur eigenen Geschichte bzw.
der Geschichte des Nachbarlandes. Insbesondere die Schwerpunktlegung auf individu-
elle Biografien trifft bei den Jugendlichen auf großes Interesse und führt zu einem ande-
ren Verständnis erlebter Geschichte.
Beteiligung an Stolpersteinverlegungen
Bei rund 20 der von uns verlegten Stolpersteinen erfolgte die Recherche unter unserer
Anleitung und Begleitung durch Schülerinnen und Schüler. Teil des Projekts war dabei
auch die Organisation der Stolpersteinverlegung selber. Darüber hinaus laden wir jedes
Jahr die Schulen ein, mit ihren Schülern einer Stolpersteinverlegung beizuwohnen
und/oder diese auch mitzugestalten. Bei der letztjährigen Stolpersteinverlegung für Wil-
helm Blanke im Hof des Alexander von Humboldt-Gymnasiums beteiligte sich in beein-
druckender Weise die ganze Schule. An einer weiteren Steinverlegung legten am sel-
ben Tag Schüler einer Berufsschule Blumen nieder. Auch bei der Stolpersteinverlegung
im Juli 2018 nahmen mehrere Schulklassen an ausgewählten Stolpersteinverlegungen
teil. In besonderer Erinnerung wird Schülern dabei die beeindruckende Stolpersteinver-
legung von Berta Amann (Euthanasieopfer) bleiben, bei der die Tochter der Ermordeten
als Zeitzeugin sprach und mit der Schüler hinterher ins Gespräch kamen.
Zeitzeugenveranstaltungen für Schulen
In den letzten Jahren wird es immer schwieriger Zeitzeugen und Zeitzeuginnen für
Schulbesuche zu gewinnen. Damit möglichst viele Schülerinnen und Schüler von den
nun immer seltener möglichen Besuchen profitieren können, haben wir im Jahr 2017
und 2018 in enger Zusammenarbeit mit dem Konstanzer Kulturamt die Zeitzeugenver-
anstaltungen statt als einzelne Schulbesuche als Veranstaltungen im Wolkensteinsaal
des Kulturzentrums organisiert, so dass diese Veranstaltungen von einer größtmögli-
chen Zahl von Schülern besucht werden konnte. Eingeladen wurden dabei alle weiter-
führenden Konstanzer Schulen sowie Schulen aus der Umgebung. Der Wolkensteinsaal
ist aufgrund seiner Teilnehmerkapazität, der zentralen Lage und nicht zuletzt der her-
vorragenden technischen Ausstattung und technischen Unterstützung durch die dort
beschäftigten Hausmeister für diese Veranstaltungen sehr geeignet und das erstmals
2016 erprobte Konzept, hat sich 2017 und 2018 bewährt und ist auch seitens der Schu-
len auf große und durchweg positive Resonanz gestoßen.
So konnte am 7. und 8. Juli 2017 jeweils eine Veranstaltung mit der Auschwitz-
überlebenden Eva Szepesi und ihrem 17jährigen Enkel organisiert werden. Bei der
Zeitzeugenveranstaltung wurde auch der von ihrem Enkel Leroy Schwarz im Rahmen
eines Schülerwettbewerbs produzierte Dokumentarfilm »Drei Frauen, drei Generatio-
nen. Anders sein disch sein« gezeigt. Im anschließenden Gespräch berichtete Eva
Szepesi selber aus ihren Erinnerungen und die Schüler hatte die Möglichkeit den
gleichaltrigen Leroy Schwarz zu seinen eigenen Erfahrungen als jüdischer Jugendlicher
in Deutschland zu befragen.
Auch in diesem Jahr, am 15. Mai 2018, konnten wir eine Zeitzeugenveranstaltung orga-
nisieren. Eingeladen war der Überlebende Argyris Sfountouris („Ich bleibe immer der
vierjährige Junge von damals“ Das SS-Massaker von Distomo und der Kampf eines
Überlebenden um Gerechtigkeit“). Auch dieses Angebot wurde von den Schulen sehr
gut angenommen und Schülerinnen und Schüler von 5 Schulen konnten bei dieser Ver-
anstaltung teilnehmen.
Bereits fest geplant ist für 2019 anlässlich des Jahrestags der Befreiung des Konzentra-
tionslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 (seit 1996 bundesweiter Gedenktag für die
Opfer des Nationalsozialismus) eine schulübergreifende Veranstaltung mit regionalem
Bezug. Nach der Filmvorführung des zeit- und regionalhistorischen Dokumentarfilms
Wie Dachau an den See kam ...“, ist ein Gespräch mit dem anwesenden Regisseur
Jürgen Weber und der Zeitzeugin Dr. Grete Leutz geplant und es wird viel Raum für
Fragen und eine anschließende Diskussion geben.
Zusammenarbeit bei Projekttagen
Auch 2017 und 2018 konnte in Zusammenarbeit der Stolpersteininitiative mit dem Ge-
schichtslehrer Manuel Boxler des Heinrich Suso-Gymnasiums wieder das Projekt „Spu-
rensuche“ während der dreitägigen Projekttage angeboten werden. Bei der Arbeit im
eigenen Schularchiv konnten sich die Schülerinnen und Schüler unter Anleitung von
Petra Quintini dabei selbständig auf Spuren jüdischer Schüler machen, aber auch In-
formationen zum Schulalltag während der Zeit des Nationalsozialismus recherchieren.
Eine kleine Ausstellung mit der Präsentation der Ergebnisse beim öffentlichen Schulfest
rundete das Projekt jeweils ab.
In diesem Jahr führte ein Zufallsfund während dieses Kurzprojekts zu einer doch recht
spektakulären Entdeckung. Im Foyer des historischen Schulhauses hängen die Tafeln
mit den während den beiden Weltkriegen gefallenen Schülern und Lehrern. Im März
2018, also über 70 Jahre nach Kriegsende, deckte die Projektgruppe auf, dass in der
Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges alle Namen der jüdischen Gefal-
lenen fehlten. Entdeckungen wie diese machen Schülerinnen und Schüler neugierig auf
weitere und vertiefende Recherchearbeit. So wird im Schuljahr 2018/2019 bereits zum
dritten Mal das Hegau-Bodensee-Seminar „Spurensuche“ stattfinden.
HBS-Seminar
Im Rahmen des Hegau-Bodensee-Seminars (HBS) werden von zahlreichen weiterfüh-
renden Schulen Projekt-AGs angeboten, die schulübergreifend von Schülerinnen und
Schülern der Gymnasien aus Konstanz, aber auch aus dem Hegau besucht werden
können. In zwei vergangenen Seminaren „Spurensuche“, die von Petra Quintini (Initiati-
ve Stolpersteine für Konstanz) in Zusammenarbeit mit Manuel Boxler (Heinrich Suso-
Gymnasium Konstanz) durchgeführt wurden, konnten gemeinsam mit den teilnehmen-
den Schülern insgesamt rund 20 Biografien recherchiert werden, für die Stolpersteine in
Konstanz verlegt wurden. Im aktuellen Schuljahr 2018/2019 findet das HBS-Seminar
„Spurensuche“ nun unter Beteiligung der Initiative Stolpersteine zum dritten Mal statt.
Mahnmalprojekt Neckarzimmern ein Gedenkstein für den Petershauser Bahnhof
Derzeit in Vorbereitung ist die Fortführung des Gedenksteinprojekts Neckarzimmern,
ein Projekt, das von der Arbeitsstelle Frieden des Evangelischen Kinder- und Jugend-
werks der Evangelischen Landeskirche Baden bereits vor über zehn Jahren initiiert
wurde. Das Jugendprojekt, das an die Deportation der badischen und saarpfälzischen
Juden am 22. Oktober 1940 erinnert, lässt Jugendgruppen oder Schulklassen zwei Ge-
denksteine gestalten. Der eine Stein wird Teil des zentralen Mahnmals in Neckarzim-
mern, das Gegenstück, der zweite Stein, soll in der eigenen Gemeinde an einem an-
gemessenen Ort verlegt werden. Konstanzer Ellenriederschüler verlegten bereits 2008
einen von ihnen gestalteten Stein in Neckarzimmern, allerdings wurde damals kein Ge-
genstück in Konstanz verlegt. Dies war zeitlichen und finanziellen Gründen geschuldet
und der Tatsache, dass mit dem Gedenkobelisken in der Sigismundstraße / Bahnhof-
straße bereits 2005 ein an die Oktoberdeportation erinnerndes Mahnmal errichtet wur-
de. 2013 und erneut diesen Frühsommer hat die Initiative Stolpersteine Gespräche mit
den damals beteiligten Lehrern und weiteren Kooperationspartnern initiiert und durchge-
führt. Hintergrund ist die Idee und der Wunsch anlässlich des 80. Jahrestags der Okto-
berdeportation einen durch junge Konstanzer gestalteten Gedenkstein an den Peters-
hauser Bahnhof zu verlegen, den Ort von dem aus die Konstanzer Juden nach Gurs
deportiert wurden.
Unter Leitung der Initiative Stolpersteine sollen frühzeitige Planungsgespräche ermögli-
chen, dass das Projekt eventuell als Kooperationsprojekt zwischen einer Schulklasse
des Ellenriedergymnasiums und Teilnehmenden eines HBS-Seminars im Schuljahr
2019/2020 erfolgreich durchgeführt werden kann.
4 Nachhaltige Dokumentation, Internetauftritt und Öffentlichkeitsarbeit
Damit die vollständig recherchierten Biografien der Opfer auch für die Allgemeinheit
zugänglich gemacht werden können und somit auch in das „Gedächtnis“ der Region
eingehen, hat sich die Initiative Stolpersteine schon vor Jahren entschlossen, eine
Homepage freizuschalten, die in den letzten Jahren kontinuierlich ergänzt wurde und
regelmäßig aktualisiert wird. Nur so ist es möglich, neuste Rechercheergebnisse zeit-
nah zur Verfügung zu stellen und ausführlich zu dokumentieren. Die Homepage der
Initiative Stolpersteine bietet neben einer detaillierten Darstellung aller recherchierten
Opferbiografien und aktuellen Terminen auch eine ganze Reihe an Zusatzinformatio-
nen, die insbesondere von Schülerinnen und Schülern regelmäßig genutzt werden. Die
Pflege dieser Seite ist leider arbeits- und kostenintensiv.
Darüber hinaus drucken wir jedes Jahr zur Stolpersteinverlegung ein informatives Falt-
blatt, das nicht nur die Kurzbiografien aller neu zu verlegenden Stolpersteine enthält,
sondern auch eine Übersichtskarte mit den Namen aller bisher verlegten Stolpersteine
und das detaillierte Rahmenprogramm zur Steinverlegung. Aufgrund der expliziten
Nachfrage von unterschiedlichen Seiten, haben wir in diesem Jahr auch ein informati-
ves Faltblatt zu den Aktivitäten der Konstanzer Stolpersteininitiative gedruckt, das einen
Überblick über unsere (Bildungs-)Angebote und Aktivitäten bietet und für die Kontakt-
aufnahme behilflich ist.
Bereits in zweiter Auflage ist in diesem Jahr das Büchlein „Rundgang Stolpersteine
Konstanz“ erschienen, das einen Stolpersteinrundgang im Innenstadtbereich beschreibt
und neben einer Auswahl an Stolpersteinbiografien auch weitere wichtige Informationen
enthält. Vertrieben wird der Rundgang über ausgewählte Konstanzer Buchläden und die
Tourist-Information.
Insbesondere vor Steinverlegungen aber auch als Einladung zu der jährlichen Mahnwa-
che am 9. November, verteilen wir alljährlich Anschreiben an Anwohner bzw. legen Fly-
er für mögliche Interessenten aus.
5 Organisation von Gedenkveranstaltungen
Bereits seit 2010 organisiert die Initiative Stolpersteine auch die jährlichen Gedenkver-
anstaltungen zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (27. Janu-
ar) und zum Jahrestag der Reichspogromnacht (9. November) sowie auch zum Jahres-
tag der Deportation der Konstanzer Juden (22. Oktober). Seit letztem Jahr gibt es für
die Organisation der Gedenktage wieder ein breiteres Plenum, zu dem auch Vertreter
der verschiedenen Jüdischen Gemeinden von dem Kulturamt der Stadt Konstanz einge-
laden werden. Dies ermöglicht, dass die Veranstaltungen auch bereits in der Planungs-
phase auf einen breiten Konsens aufbauen können.
Kommende Vorträge wurden 2017 und 2018 zu den Gedenktagen organisiert:
27. Januar 2017: Politischer Widerstand in Konstanz während des Nationalsozialismus.
Vortrag von Dr. Uwe Brügmann, Stolpersteininitiative Konstanz
9. November 2017: Wie kann Gedenkarbeit aussehen, wenn es (demnächst) keine
Zeitzeugen mehr gibt? Vortrag von Juniorprofessorin Dr. Christiane Bertram, Universität
Konstanz
27. Januar 2018: Ordnung und Vernichtung. Polizei im NS-Staat zwischen scheinbarer
Normalität und Massenmord. Vortrag von Dr. Dirk Götting (Polizeiakademie Nieder-
sachsen)
Darüber hinaus fand wie in den vergangenen Jahren auch jeweils am 22. Oktober ab
18.30 Uhr eine stille Gedenkfeier an der Stele für die deportierten Juden in der Bahn-
hofstraße statt. Dabei wird für jedes der 112 Opfer eine Kerze angezündet und der Na-
men verlesen. Mitgestaltet wird die Gedenkfeier in der Regel auch von Schülern, die
sich musizierend und durch kleine Textbeiträge bei der etwa halbstündigen Gedenkver-
anstaltung beteiligen. 2017 wurde diese Feier von Schülerinnen und Schülern des El-
lenrieder-Gymnasiums mitgestaltet, die gerade erst von einer Gedenkstättenfahrt aus
Südfrankreich zurückgekehrt waren. Auch wird die Gedenkfeier in Kooperation mit der
Synagogengemeinde ausgerichtet.
Jährlich am 9. November (in diesem Jahr aufgrund des Shabbats bereits am 8. Novem-
ber) beteiligt sich die Konstanzer Stolpersteininitiative außerdem an der bundesweiten
Mahnwache an den Stolpersteinen anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht.
Ab 18 Uhr werden an (fast) allen Verlegestellen die Stolpersteine gereinigt, Blumen nie-
dergelegt und eine Kerze angezündet. Zudem organisieren wir für die Dauer von etwa
30 Minuten eine Mahnwache. Hierfür bitten wir die Paten der Stolpersteine, aber auch
die Bürger und Bürgerinnen der Stadt Konstanz um Mithilfe, für die inzwischen 222 im
Stadtgebiet verlegten Stolpersteine. In jedem Jahr sind wir von der guten Beteiligung
und der Mithilfe von Bürgerinnen und Bürgern jeden Alters wieder überwältigt. Dadurch,
dass eine Aufgabe der Mahnwachen auch darin besteht, die Geschichten der Verfolg-
ten berichten zu können, wird das recherchierte Wissen so mit Hilfe vieler Konstanzer
an interessierte Passanten weitergegeben und im übertragenen Sinne das Gedächtnis
und die Erinnerung der Stadt Konstanz an die in der NS-Zeit verfolgten, erniedrigten,
deportierten und ermordete Bürger erneuert und erweitert.
6 Weitere Veranstaltungen, Ausstellungen und Kooperationen
Stolpersteinführungen
Mehrfach jährlich bietet die Konstanzer Stolpersteininitiative Stolpersteinrundgänge mit
Schwerpunktthemen (Geschichte der Juden in Konstanz, Euthanasieopfer, Politische
Opfer) als kostenlose Veranstaltungen an. Erstmals seit 2017 werden inzwischen auch
Stolperstein-Fahrrad-Rundwege angeboten, insbesondere damit bei den Führungen
auch die weiter entlegenen Stolpersteine berücksichtigt werden können. Stattgefunden
haben solche Stolperstein-Fahrrad-Rundwege bislang mit Erfolg für den Stadtteil Woll-
matingen und den Stadtteil Paradies.
Weitere Veranstaltungen
Auch über die oben bereits beschriebenen Gedenk- und Schulveranstaltungen hinaus,
organisiert die Initiative Stolpersteine unterjährig immer wieder Vorträge zu verschiede-
nen Themen der Gedenk- und Erinnerungsarbeit und kooperiert mit unterschiedlichen
Veranstaltern für Veranstaltungen und Ausstellungen (wie der VHS Landkreis Konstanz
e. V., dem Kulturamt der Stadt Konstanz, der G.C.J.Z., der DIG Konstanz-Bodensee).
Die Kooperationsveranstaltungen ermöglichen die Finanzierung auch kostenintensive-
rer Veranstaltungen oder Theaterprojekten. Dies waren unter anderem am
04. April 2017: Conrad Gröber: Erzbischof und förderndes Mitglied der SS. Vortrag mit
anschließender Diskussion von Dr. Wolfgang Proske.
25. April 2017: Die Akte Rosenburg“. Die Geschichte des Bundesjustizministeriums.
Vortrag von Prof. Christoph Safferling (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-
Nürnberg).
05. Mai 2017: Die grauen Busse ein unruhiges und unfertiges Denkmal. Vortrag von
Prof. Dr. Dr. h.c. Aleida Assmann (Universität Konstanz).
05. Mai bis 23. Juni 2017: Ausstellung: Über Mutter wird nicht gesprochen. Euthana-
siemorde an Freiburger Menschen.
12. Dezember 2017: Sweet Occupation. Lesung und Gespräch mit der israelischen Au-
torin Lizzie Doron.
18. März 2018: Wie hat das geschehen können? In Erinnerung an Fritz Ottenheimer.
Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. E. Roy Wiehn, initiiert und organisiert von der Stolperstein-
initiative anlässlich des Todes des ehemaligen Konstanzers Fritz Ottenheimer im Som-
mer 2017.