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Stolpersteine Konstanz

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Mathilde ALTHOFF, 1914 - 1940

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Geb.: 03.11.1914, Konstanz

 

eingewiesen 1921

Heilanstalt Mosbach

`verlegt` 17.9.1940

Grafeneck

ermordet 17.9.1940

`Aktion T4`

 

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Hüetlinstr. 33, mit Durchgang
zum Haus Hüetlinstr. 31

 
heute (2020)

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Stolperstein für Mathilde ALTHOFF
verlegt am 25.9.2020

 

Mathilde Althoff wurde am 3. November 1914 als uneheliche Tochter von Pauline Althoff und Karl Eismann  in Konstanz geboren. Ihre Mutter war von Beruf Haushälterin, ihr Vater Bauunternehmer. Als ihre Eltern am 11. Juni 1932 in Konstanz heirateten, war sie bereits elf Jahre in einer Heimunterbringung.

 

Mathilde wuchs zusammen mit vier weiteren Geschwistern in der Hüetlinstrasse 31 auf. Sie litt von klein auf an der sogenannten englischen Krankheit, einem Synonym für Rachitis, einer Erkrankung der wachsenden Knochen. Der Name beruht auf der erstmaligen Entdeckung der Krankheit Mitte des 16. Jahrhunderts in Großbritannien. Verbreitet war sie in ganz Europa und betraf vor allem Kinder aus ärmlichen Verhältnissen. Durch dauernde Mangelernährung fehlte das für den Knochenaufbau notwendige Vitamin D.

 

Die kleine Mathilde war gehbehindert und litt unter epileptischen Anfällen. Nach einem Aufenthalt im Konstanzer Krankenhaus wurde das Kind, im Alter von gerade sechs Jahren, am 21. Januar 1921 in die evangelische „Erziehungs- und Pflegeanstalt für Geistesschwache“ in Mosbach dauerhaft aufge­nommen.

 

In den folgenden Jahren brachte ihre Mutter drei weitere Kinder zur Welt. Die älteste Tochter Paula (geb. 1908) erinnerte sich später, dass die Mutter, die 1975 verstarb, infolge der anderen Kinder nicht mehr in der Lage war, die Pflege ihrer Tochter Mathilde zu übernehmen. Sie erinnerte sich auch, dass sie vor und während des Krieges bei gelegentlichen Besuchen im Elternhaus in Konstanz erfuhr, dass ihre Schwester Mathilde von Mosbach in eine andere Anstalt verlegt worden sei. Das war das letzte Lebenszeichen. Jahrzehntelang wusste sie nichts über den Verbleib und das Schicksal ihrer Schwester.

 

 

Im Jahr 1983 tauchte die Urne von Mathilde, zusammen mit 192 weiteren Urnen, im Keller des Konstanzer Krematoriums auf dem Hauptfriedhof wieder auf. Dort standen sie über 30 Jahre unbeachtet. Es ist davon auszugehen, dass die Eltern von Mathilde über den Tod ihrer Tochter damals in einem amtlichen Schreiben informiert wurden: mit falschem Todeszeitpunkt, Todesort, Todesurasche und dem Angebot, die Urne gebührenpflichtig zugesendet zu bekommen. Da, aus welchem Grund auch immer, die Althoffs darauf wahrscheinlich nicht reagierten, wurde die Urne kurzerhand dem Friedhof Konstanz zugestellt. Erst im Zuge der Ermittlungen der Kriminalpolizei Konstanz, im Frühjahr 1983, wurden alle Urnen an einer Gedenkstätte würdig bestattet. Dort findet man auf einem Stein dem Namen Althoff Mathilde mit dem Geburtsjahr 1914 und dem Todesjahr 1940.

 

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Gedenkstätte für 182  "Euthanasie"-Opfer
Konstanz, Hauptfriedhof

Bild: Maik Schluroff

 

 

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Gedenktafel für Mathilde ALTHOFF
an der Gedenkstätte auf dem Hauptfriedhof Konstanz.

Bild: Maik Schluroff

Rückblende: Mathilde lebte fast zwanzig Jahre in Mosbach, als dort Ende 1939 die Meldebogen eintrafen, in denen die Anstalten dem Reichsinnenministerium Angaben zu ihren Patienten machen mussten. So wurde auch die mittlerweile 25-jährige Frau erfasst. In drei Transporten innerhalb einer Woche (am  13., 17. und 20. September 1940) wurden 218 Bewohner/Innen der Anstalt Mosbach und des angegliederten Schwarzacher Hofes im Verlauf der Aktion T4 nach Grafeneck gebracht. Mathilde Althoff wurde am 17. September 1940 mit dem zweiten Transport, zusammen mit 68 weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern des Schwarzacher Hofes, mit den „Grauen Bussen“ abgeholt. In der Anstalt Mosbach wurden am gleichen Tag weitere 21 Personen in die Busse verladen. Es hatte sich bereits herumgesprochen, dass die Ankunft der Busse etwas Schreckliches bedeutete. Viele Heim­bewohner wehrten sich und begannen zu schreien.

 

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Zwei der berüchtigten "Grauen Busse", in denen Patienten von psychiatrischen Kliniken abgeholt und in Tötungsanstalten wie zum Beispiel Grafeneck  transportiert wurden.

© Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Abt. 3008/1, Nr. 1014)

 

Das Geschrei zog Kinder aus dem Dorf Unterschwarzach an. Ein Bürger, damals als 9-jähriger Junge dabei, berichtete im Jahr 1993: „Ich stand direkt vor der Tür des Busses … Es war auch eine Frau dabei, die die Kinder im Bus in Empfang genommen hat … Dann bekam jedes Kind an die Jacke oder Kleid irgendetwas angeheftet, wahrscheinlich eine Nummer. Es war ein großes Geschrei am Bus und in den Bauten, das man etwa 4-500 m weit hören konnte. Die Pfleglinge wollten nicht hinein … und wußten: Es gibt keine Rückkehr – und wenn sie es nur instinktmäßig erfaßt haben. Im Bus hielt das Geschrei noch eine kurze Zeit an und verstummte dann aber. Ich frage mich, ob sie etwas verabreicht gekriegt haben. Wir Kinder kannten die Busse mit den schwarzen Fenstern und jedes Kind hatte Angst davor. Eigentlich wußte jeder, daß es Totenbusse sind.“

Und ein Mitarbeiter der Anstalt erinnerte sich: „Jemand der Umstehenden frug einen Kraftfahrer, wohin die Kinder verlegt würden. Dieser gab die Antwort: „Nach Ewigheim!“

 

Wie Mathilde Althoff selbst diesen Tag durchlebt hat, lässt sich nur erahnen. Nachdem der Buskonvoi das Anstaltsgelände verlassen hatte, wurde sie zusammen mit den anderen Patienten in die ca. 160 km entfernte Tötungsanstalt Grafeneck gebracht und dort am selben Tag vergast und eingeäschert.

 

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In diesem Schuppen wurden in Grafeneck die Opfer vergast.

© Archiv Gedenkstätte Grafeneck

 

 

 

 

 

 

 

 

Recherche: Roland Didra

Patenschaft: Mirjam Wiehn

Quellen:

Stadtarchiv Konstanz Einwohnermeldekarte und Adressbücher

Archiv Johannes-Diakonie Mosbach

Hans-Werner Scheuing „ … als Menschenleben gegen Sachwerte gewogen wurden“ (S.283 ff).
2. Auflage Heidelberg 2004

Privatarchiv Didra