Stolpersteine Konstanz

Tagebuchauszug 13. März 1933

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Der 13. März 1933
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Seit der denkwürdigen "Verfassungsrede" des Reichsinnenministers von Gayl am 11. August 32 war ich zwar intellektuell auf das Ende meiner Laufbahn vorbereitet und kleidete mich, da ich mit wehenden Fahnen untergehen wollte, in der Folgezeit äußerst sorgfältig mit den Resten meiner einst maßgeschneiderten Garderobe, trug sehr häufig Lackschuhe und führte stets ein paar weiße Glacé-Handschuhe mit mir.

Aber was nützt alle intellektuelle Voraussicht: man trägt sie nicht stündlich bei sich wie ein Taschentuch und richtet sich kaum nach ihr. So hatte ich meine erste Wohnung aufgegeben, warum, weiß ich nicht genau. Vielleicht weil sie für die Praxis meines Vaters und meines mit ihm assoziierten Bruders Hans wirklich nicht günstig lag; vielleicht weil wir die Gemeinschaft mit dem Bureau aufgeben wollten. Sei dem, wie dem wolle: wir zogen in eine kleine Wohnung in einer Vorortstraße – und kamen von dem Regen in die Traufe. Die Witwe, bei der wir uns einlogiert hatten, war eine von der Art, die buchstäblich den Fuß in die Türe setzt und wütend wurde, als wir das nicht duldeten. Wir wollten sie ehestens wieder verlassen, und da mein Bruder sich mit Heiratsabsichten trug, mieteten er und ich eine Villa, die schön über der Stadt auf der Höhe von Allmannsdorf gelegen war – und die wir nie bezogen.

Es gab Zusammenstöße mit einzelnen Mit-Lehrern am Gymnasium, und einen, der sich besonders über meine Ansichten ärgerte und entsprechend äußerte, ermahnte ich zur Geduld: bald werde mein Platz am Konferenztisch leer sein. Er war wie ich Assessor, und ich traf ihn nach 45 als Dolmetscher der Franzosen und später als Lehrer wieder, wobei wir uns tunlichst gemieden. Noch ehe er pensioniert werden konnte, starb er an einem Herzübel und wurde wie herkömmlich als "einer der Besten" begraben.

Damals lagen nur wenige Tage zwischen der Anrempelei durch ihn und dem „Volkstrauertag" am Sonntag, dem 12. März. Es war Anordnung ergangen, alle Dienstgebäude schwarz-weiß-rot zu beflaggen. Ich setzte mich in der Sonntagsruhe hin, um unter Bezugnahme auf meinen der Weimarer Verfassung geleisteten Treueid gegen diese Verfassungsverletzung zu protestieren. So etwas schreibt sich nur zögernd nieder. Da hockt etwas Unbedingtes, Unabwendbares in einem, das die Stunde der Entscheidung, der Bewährung und der Bewahrung des eigenen Ichs gekommen weiß, und ein zagendes Ich, das nur allzugerne auswiche und unscheinbar im Strome der Menge schwömme. Aber schließlich war der Protest formuliert, in Reinschrift gebracht und in die Tasche geschoben.

Am Montag, den 13. März, war ich vor dem Unterrichtsbeginn auf dem Weg zu Direktor Breithaupt, um ihm das Protestschreiben zur Weiterleitung an das Unterrichtsministerium zu geben. Auf der Treppe traf ich den „Chaisendächler", einen gutmütigen, etwas asthmatischen Mann, der als Hausmeister tätig war und manchmal etwas vor dem Direktor und vieles meist vor den Lehrern wußte. Und der sagte mir, er müsse an eben diesem Montag die Hakenkreuzfahne auf dem Türmlein, das das Gymnasium krönt, hissen. So habe es das Bezirksamt angeordnet.

Ich hatte in den drei ersten Morgenstunden an diesem Montag Unterricht in einer Untersekunda, einer Untertertia und einer Quarta. Ich erklärte den Schülern, warum ich ihnen an diesem Tage letztmals Unterricht erteile, setzte Ihnen meine Beweggründe auseinander, unter denen eine der wichtigsten meine Achtung vor dem Lehrberuf und dem sich aus dieser Achtung ergebenden Zwang zu entsprechendem Verhalten war. Das Unterrichten müsse sich in einer freien Atmosphäre vollziehen, und das werde inskünftig nicht mehr möglich sein. Meine Schüler verstanden mich durchaus, und die Untertertianer versicherten mir, sie wollten mit mir zusammen das Schulgebäude verlassen. – Das freu[t]e mich; aber sie könnten es nicht tun, da sie noch nicht Herr über solch' weitreichende Schlüsse seien.

In der Großen Pause traf ich mich mit der ganzen Lehrerschaft im Konferenzzimmer. Es ging um die Welt bewegende Frage, wie die für Dienstag, den 14. März, angeordnete „Feier zum Sieg der nationalen Revolution" zu gestalten und auf welchen Zeitpunkt sie festzusetzen sei. „Weltbewegend" war die Frage im höchsten und zugleich im trivialsten Sinne des Wortes. Hier pochte wirklich ein riesenhaftes politisches Ereignis an die Türe, ein Ereignis, das – so schien mir – von jedem der anwesenden sogenannten Akademiker, etwa zwanzig an der Zahl, eine persönliche Entscheidung forderte. Sie saßen doch alle auf hohem moralischen Roß, nannten den kleinen Häscher, den sie auf einer lächerlichen Lüge ertappten, einen Lügner und ermahnten ihn zur Wahrhaftigkeit. Sie nannten ihn einen Verbrecher, wenn er in seines Herzens Angst oder aus Scham statt des Vaters eine schlechte Arbeit oder gar ein Zeugnis selber unterschrieb. Sie sahen ihn in der Strafanstalt enden, wenn er – ohne recht den moralisch-strafrecht­lichen Begriff des Diebstahls zu kennen – Mein und Dein verwechselt hatte. Sie hatten mit geschwellter Brust so oft von den erhabenen Vorbildern der Antike gesprochen, von geschichtlichen Vorgängen – und nun saßen sie stumm und etwas verlegen da, und ihr Ratschlag ging in dieser wirklich historischen Stunde einzig um die Frage, wann mit der Feier zu beginnen sei. Die Junggesellen waren für frühen Beginn: sie würden dann den Tag für sich haben. Die Familienväter waren für späteren Beginn: sie würden dann mit ihren Familien länger am Frühstückstisch verweilen können. So also sah es aus mit den deutschen Akademikern und der charakterbildenden Segnung des humanistischen Gymnasiums. Maulhelden waren sie ohne Rückgrat und der „menschen­bildende Humanismus" nichts anderes als rasch abbröckelnde Tünche.

Direktor Breithaupt wollte nach gefällter Entscheidung des jetzt in der Bedeutung reiner Nebensächlichkeit erscheinenden „weltbewegenden" Konferenzthemas die Versammlung schließen, als ich ihn bat, den Herren meine ihm gemachte Eröffnung mitzuteilen. – Es sei ihm sehr peinlich, sagen zu müssen, dass ich meinen Dienst niederlegen und die Schule nach der Konferenz verlassen würde.

Die Reaktion der "Akademiker" – war nicht im Hain des Akademos von Sokrates und seinen Schülern nach wahrer Erkenntnis der Dinge gestrebt worden, und hatte nicht Sokrates, der Lehrer, zur Bewahrheitung seiner Lehre den Schierlingsbecher getrunken? – war unterschiedlich. Wer so etwas nach links geäugelt hatte, wich jetzt linkisch von mir ab; wer rechts stand, verabschiedete sich mit einem gewissen Respekt von mir.

Nicht ganz leichten Herzens verließ ich die Schule, über der jetzt die Hakenkreuzfahne als Zeichen nicht nur der Unfreiheit sondern des Gesinnungszwanges, des Terrors und eines drohenden weltgeschicht­lichen Großkonfliktes stand. Es gab keine Möglichkeit mehr, im Sinne echter Humanität, im Sinne Lessings zu unterrichten. Man hätte nur weitermachen können, wenn man alles verbrannt hätte, was man zuvor angebetet hatte.

Ich mußte, um nach meiner Wohnung zu gelangen, den Salzberg hinauf­gehen. In mir trug ich das, was ich als reines Zeichen erstrebter deutscher Demokratie ansah: die Farben des Jahres 1848 – und vom Salzberg herunter marschierte unter – ja, kann man das, was eine marschierende Militärmusik produziert, eigentlich Klänge nennen? –, unter dem Lärm aller Instrumente und der „Stabführung" Bernhagens die Regimentsmusik. Bernhagen hatte für so etwas wie ein Demokrat gegolten und gelegentlich mit Streichmusikern gar nicht schlecht musiziert, freilich alles unter Beifügung von Glockentönen, für die er eine Schwäche hatte. Jetzt dirigierte er den Schmarren „Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot", und das trat so sicher und gekonnt auf, daß man wohl merkte, die Sache sei im sicheren Gehege des Kasernenhofes fleißig geübt worden zu einer Zeit, wo noch schwarz-rot-gold gegolten hatte. Ich musste diesem politisch-musikalischen Unzüchtler zeigen, was ich, der ich ihm wohlbekannt war, von ihm hielte. Und so verließ ich die rechte Straßenseite, auf der ich vom Gymnasium herkam, und wechselte kurz vor ihm zur linken Straßenseite über, so unerwartet für ihn und in einem so gänzlich zivilen Rhythmus, daß Bernhagen selber aus dem Tritt kam.

Jetzt war zu Hause guter Rat umso teurer, als ich nur ganz wenig Geld hatte. Meine Frau akzeptierte meinen Schritt aus der Erkenntnis, dass Phänomene wie Treue sich nicht gut nur auf den oder jenen Fall anwenden ließen, vielmehr global seien, und meine Eltern billigten meinen Schritt als etwas Selbstverständliches.

Schon am nächsten Tag, am 14. März, gab es neue Aufregung in der Familie. Mein Bruder Hans, der sich zur Mittagszeit auf dem Wege nach Hause befand, hatte in der Brotlaube plötzlich eine fremde Hand auf der Schulter, und der zugehörige Mann erklärte ihm, er sei verhaftet. Im Amtsgefängnis eröffneten sie ihm, er sei zu „seiner eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen worden". Er teilte dies Los und die Zelle mit dem sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Großhans1) mit dem er sich persönlich nicht sonderlich gut verstand, und dem mit dem EK 1 dekorierten, gehirnverletzten Oberleutnant Schenk. Da Hans ein sehr umgänglicher Mensch war, der von seinem Beruf her das Gefängnis schon oft von innen gesehen hatte und mit den Gefängnisbeamten gut bekannt war, war sein Empfang im Gefängnis nicht allzuschlecht.

Wenige Stunden nach seiner Inhaftierung besuchte ihn mein Vater, der sich mit löwengleicher Beharrlichkeit täglich eine Besuchserlaubnis bei seinem Sohne erzwang. Gewiss traf meinen Vater alles, was sich im Jahre 33 ereignete, hart. Aber nichts konnte ihn auch nur um Haaresbreite von seiner Überzeugung abbringen. Und als in diesen Tagen die SA sich vor dem Landgericht aufpflanzte und im Chor schrie, nur deutsche Anwälte hätten Zutritt, gab er ihnen die Frage zurück, ob sie Ihn etwa für einen Chinesen hielten.

Hans wurde auf eigene Rechnung verköstigt, und zwar durch das Hotel „Barbarossa". Da auch der Aufenthalt im Gefängnis nicht kostenlos war, kam uns zu allem anderen Hansens Schutzhaft recht teuer zu stehen. Natürlich hatte der Arme in den ersten Tagen der Freiheitsberaubung einen Zellenkoller und Herzbeschwerden. Mein entfernter Vetter Langendorff, seines Zeichens Internist und Chefarzt am Krankenhaus, hatte nicht den Mut, ihn im Gefängnis aufzusuchen, wohl aber der weit rechts stehende Arzt Mollweide, der Hans und uns über den Herzzustand meines Bruders beruhigte. Auf „Führers Geburtstag" wurde Hans aus der Haft entlassen. Ich hatte ihn einen oder zwei Tage vorher im Gefängnis besucht und mit ihm das Problem besprochen, wie er sich gegenüber der Forderung, inskünftig politische Abstinenz zu üben, verhalten sollte. Wir kamen zu dem Resultat, einem mit einer Pistole bewaffneten Räuber gegenüber zähle das von ihm erpreßte Versprechen nicht.

Als ich zu Beginn der Woche Direktor Breithaupt mein Protestschreiben wegen der schwarz-weiß-roten Beflaggung übergab und ihm die protest­weise Niederlegung meines Lehramtes ankündigte, bat ich ihn, unmittel­bar das Kultusministerium anzurufen und die Behörde von meinem Entschlusse zu verständigen. Zu meiner Überraschung verstrich die Woche ohne amtliche Reaktion auf meinen Schritt. Wohl aber schuf der letzte Tag dieser Woche, Samstag, der 18. März, eine neue, bedrohliche Situation.

Einer meiner mehr politisch nahestehenden Bekannten erschien ziemlich verstört bei mir und sprach von einem schändlichen Artikel gegen mich, der in der Bahnhofstraße im Fenster der Nazi-Zeitung „Bodensee-Rundschau" aushänge. Ich musste mir, wenn auch mit sehr widerstreben­den Gefühlen, dieses Pamphlet ansehen. Ich gestehe, dass mir die Lektüre ein leises Gruseln verursachte, und ich verstand, weswegen mein Bekannter gemeint hatte, ich müsse Deutschland sofort verlassen. Durch irgendjemand ließ ich mir ein Exemplar der Zeitung kaufen, deren Redakteur der schon erwähnte Neuscheler war, der auch den Artikel gegen mich verfaßt hatte: ... ...

Quelle: Privatarchiv Anselm Venedey