Stolpersteine Konstanz

Ein Schüler erinnert sich

Inhaltsverzeichnis zeigen/verbergen

Ein Schüler erinnert sich

zurück weiter  

Ein Schüler erinnert sich

zurück weiter zum Drucken muss Javascript aktiviert sein Helfen Sie Fehler zu beseitigen!  

Ich bin sehr dafür, dass Venedey einen Stolperstein bekommt. Und wenn man diese Bautätigkeit in der Horizontalen dann fort­setzen will, wie einst für die Kathedralen über Generationen in die Vertikale weitergebaut wurde, dann wäre in den Zeiten nach 45 noch mancher erinnernswert. Jede Epoche stellt ihren Widerständigen andere Aufgaben.

.....

Ich bleibe diesem Direx dankbar, und verbinde – jenseits seines großformatigen Konterfei auf DFU-Wahlplakaten der Renate Riemeck und jenseits der Respektsperson, die unbeweglich am Schultor stehend durch ihre bloße körper­liche Präsenz einen Pausenhof mit Hunderten von Schülern bei Schneeballzeit unter Kontrolle hielt – zwei prägende Szenen:

Die zweite war eine der seltenen Deutsch­stunden, die er wohl unangemeldet übernahm (der jeweilige Lehrer in bebender Dienstfertig­keit) – er rief uns Sextanern in einer längeren freien Erzählung das Bild einer Löwenzahn­pflanze auf, die sich am Straßenrand durch den Asphalt den Weg ins Licht bahnt. Eine Botschaft von Brechtschem Format: das Harte unterliegt.

Die erste Szene aber hat mir als Zehnjährigem, ohne dass er das beabsichtigen konnte, die Autoritäten der Gesellschaft in ihrer Anmaßung und Doppelmoral vorgesetzt. Ich musste, weil mir als Kind eines Gewerkschaftlers eine Kinderheim-Verschickung angeboten war, ein paar Schultage freifragen, es war während der Osterferien. Wurde von der (unvergesslichen) Sekretärin „Fräulein Weigerle" nach Klopfen und Ankündigung ins Dienstzimmer des Direx eingelassen. Und da saß dieser zuvor nie gesehene, vage gefürchtete Mann in seinem Lehnstuhl, die Füße auf dem Schreibtisch. Und sein erster Satz in relativer Schärfe war: „Büble, nimm die Mütze ab!" Das hatte mir noch niemand gesagt. Ich nahm die Mütze ab. Er behielt seine Schuhe auf dem Schreibtisch. Seine Stimme war sonor und mild, er genehmigte die paar Tage und ich durfte nach Langeoog. Die Respektspersonen aber blieben danach mit ihren Schuhen auf einem Sockel, an den wir Achtundsechziger 10 Jahre später die Lunte legten.

Stolpersteine sollten ja auch nicht für eine neue Sorte mit Photoshop bearbeiteter, säkularer Heiliger vergeben werden; sondern für mutige Menschen, die in anderen Zeiten ihres Lebens mit ihren Widersprüchen lebten.

Quelle:

Leserbrief des Verlegers Ekkehard Faude, Leserbrief in SeeMoZ