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Die Synagogen-Brandstiftung 1938

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Die Synagogen-Brandstiftung 1938

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Die Synagogen-Brandstiftung 1938

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Jürgen Klöckler, Selbstbehauptung durch Selbstgleichschaltung. Die Konstanzer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus (Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen, Band 43). Herausgegeben vom Stadtarchiv Konstanz
© Jan Thorbecke Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2012
(Auszüge)

 

In vielen Städten hatten sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November wegen des Jahrestages [des Hitler-Putsches von 1923] Angehörige der SS versammelt, um der Toten-Gedenkfeier und der Vereidigung von SS-Bewerbern beizuwohnen. [In Konstanz fand diese Feier im Innenhof des historischen Rathauses statt.] Die Innenfassaden des historischen Gebäudes wurden am 9. November abends beleuchtet, der Rathaushof mit dem »Schlageter-Ehrenmal«  entsprechend geschmückt. … Sämtliche SS-Angehörige aus der Stadt und der näheren Umgebung nahmen an der feierlichen Aufnahme von SS-Bewerbern teil; sie schworen dem »Führer unverbrüchliche Treue bis in den Tod.« Die Vereidigung, durchgeführt von SS-Oberführer Walter Stein, dauerte bis weit nach Mitternacht. …

In den frühen Morgenstunden, nach Abschluss des Appells im Rathaushof somit weit nach Mitternacht, machte sich SS-Oberführer Stein mit seinem Stellvertreter und Stabsführer beim SS-Abschnitt XXIX, SS-Standartenführer Alfons Graf und einigen weiteren SS-Männern zur nahe gelegenen Synagoge auf, mit der telefonischen Anweisung [aus Stuttgart] versehen, das Gebäude in Brand zu setzen. …

Die Brandstifter [hatten] weder Brandbeschleuniger, Benzin oder ähnliche Brennstoffe bei sich. Recht dilettantisch und zuerst erfolglos versuchte die hastig in Räuberzivil gekleidete Konstanzer SS (vermutlich in Ziviloberbekleidung mit schwarzen Hosen und Reiterstiefeln), die Synagoge anzu­zünden. Zuerst trachteten die SS-Männer danach, die hinteren beiden Türen der Synagoge in Brand zu setzen, was allerdings misslang. Dann wurde ein Schlosser herbeigeholt, der freilich an den nach dem Synagogenbrand von 1936 eingebauten neuen Sicherheitsschlössern scheiterte. Schließlich wurden die beiden rückwärtigen Türen eingeschlagen und an verschiedenen Stellen Feuer gelegt. Einziges Resultat der dilettantischen Zerstörungsbemühungen war der Umstand, dass der gesamte Innenraum stark qualmte – ein weiteres Betreten schien nicht möglich.

Gegen 3.00 Uhr morgens alarmierte ein Nachbar, der offensichtlich die Brandstifter beobachtet hatte, die Feuerwehr.  … Der Löschzug selbst erschien wenige Minuten später an der Brandstelle und sah sich einer Absperrung der nicht uniformierten SS gegenüber. Sofort übernahm der ebenfalls in zivil gekleidete SS-Oberführer Stein vor der Synagoge das Kommando, baute sich auf und drohte den Feuerwehrleuten unmissverständlich: »Hier befehle ich«. Als Zeichen von Autorität eine Reiterpeitsche schwingend soll er lauthals gebrüllt haben: »Die Bude muss weg!« Keinen Konflikt wagend, gab die Feuerwehr nach und verletzte ihren eigenen Auftrag in unerhörter Weise. Stein schickte die Löschmannschaft zurück ins Gerätehaus am Stefansplatz, doch einzelne Feuer­wehrleute kamen »aus reiner Neugierde« nach kurzer Zeit wieder zurück. Angesichts der fruchtlosen Bemühungen der Brandstifter erkundigte sich der SS-Oberführer jetzt bei den zurückgekehrten Feuer­wehrmänner nach brennbaren Flüssigkeiten. Stein soll ihnen wörtlich zugerufen haben: »Wir brauchen Benzin und kein Wasser, außerdem Gasmasken und Sauerstoffgeräte«. …

 

Unstrittig hat die Feuerwehr jedenfalls moderne Atemschutzgeräte, angeschafft nach dem ersten Synagogenbrand, mit einem Pkw der SS mit verdeckten Nummernschildern aus dem Gerätehaus am Stefansplatz herbeigeholt, wo zeitgleich SS-Standartenführer Graf nach Benzin suchte. Einer der Feuerwehrmänner, von Beruf Zimmermann, zeigte dem SS-Oberführer und seinen mit Atemschutz ausgestatteten Kameraden den Aufstieg auf den Dachboden, den er von dem Einsatz im November 1936 bereits kannte. Dort öffnete der Feuerwehr­mann die Dachfenster, um eine starke Sogwirkung zu erzielen. Als er auf der Leiter wieder nach unten kletterte, nahm er wahr, wie »Benzinkannen abgestellt und ausgeliefert« wurden. Plötzlich riss ihn eine starke Explosion von der Leiter, ohne dass er sich ernstlich verletzte. Jetzt erst schien die Synagoge – allerdings sehr zögerlich und weiterhin unter starkem Qualm – in Brand gesetzt zu sein. Stein schickte sämtliche anwesenden Feuerwehr­leute vermutlich gegen 6.00 Uhr früh nachhause.

Doch das massiv gemauerte jüdische Gotteshaus stand immer noch nicht in hellen Flammen, die Aktion drohte gar zu scheitern. Hilfesuchend wandte sich Stein an das im nahe gelegenen Radolfzell stationierte III. Bataillon der SS-Standarte »Germania«, das ihm dienstlich nicht unterstellt war, und forderte in »Amtshilfe« ein Sprengkommando an. … In Konstanz wurden nach Eintreffen von ebenfalls in Zivil gekleideten Teilen des Pionierzugs der Radolfzeller SS unter Hauptscharführer Morrisse … alle Straßenzüge abgesperrt und die Feuerwehr wurde zum Schutz der Nachbargebäude ein zweites Mal alarmiert. Der Alarm traf bei Tagesanbruch, gegen 7.30 Uhr, ein. Der ebenfalls in Zivil gekleidete SS-Standartenführer Graf … gab der Besatzung der bereits nach 5 Minuten eingetroffenen Magirus-Motorspritze die Anweisung, das Gebäude keinesfalls zu löschen. …

In der nächsten halben Stunde brachten drei aus Ekrasit bestehende Sprengladungen die Synagoge zum Teil zum Einsturz, das zerstörte Gebälk des Dachstuhls stand jetzt in hellen Flammen. In einem Augenzeugenbericht vom 12. November heißt es dazu: »SS-Leute drangen in die Synagoge ein, verließen sie jedoch schnell wieder. Gleich danach explodierten mehrere Bomben, und die Synagoge stand in Flammen. Die Fensterscheiben der benach­barten Wohnungen gingen in Trümmer.« …

Was geschah mit den jüdischen Einwohnern am 10. November 1938? Im Laufe des frühen Morgens, zwischen 5.00 und 6.00 Uhr, setz[t]en in der Stadt die Verhaftung sämtlicher jüdischer Männer (»etwa 60 an der Zahl«) und auch einiger Frauen durch Kriminalpolizei und Gestapo unter SS-Hauptsturm­führer Karl Heinrich Noa ein. Die Männer wurden in die Gestapo-Dienststelle verbracht und in den Kellern und den Büros des Gebäudes in der Mainaustraße festgehalten, gedemütigt und mitunter brutal geschlagen. … Verantwortlich für die brutale Behandlung war der neue, erst vor wenigen Tagen ins Amt eingeführte Gestapo-Leiter Karl Heinrich Noa …

… Die Gestapo-Dienststelle füllte sich im Laufe des Vormittags immer weiter mit Verhafteten, insgesamt eher 60 als die bisher in der Literatur genannten 120-150 Juden. Qualvolle Enge herrschte in den Kellern und Diensträumen in der Mainaustraße. Gegen Abend wurden einige ältere Juden … nach Hause entlassen. Noch am Abend des 10. November transportierte man die übrigen Inhaftierten in einem Sonderzug in das Konzentrationslager Dachau.

Quelle:

Jürgen Klöckler, „Selbstbehauptung durch Gleichschaltung. Die Konstanzer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus“. Thorbecke: Ostfildern 2012, S. 315 - 328.
 
Dort auch weitere Anmerkungen und Quellenbelege.

 

Wir danken dem Autor und dem Verlag Thorbecke für die Erlaubnis, diese Auszüge hier zu veröffentlichen.