Stolpersteine Konstanz

Jakob STOLL   1899  -  1960

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Jakob STOLL   1899  -  1960

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Jakob STOLL   1899  -  1960

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geb.21.06.1899, Thundorf/TG, Schweiz

verhaftet 1933

KZ Ankenbuck

Flucht 1937

Internationale Brigaden Spanien

1944 KZ Dachau

überlebt

 

haus_fürstenbergstr_14_Mai_2012

Fürstenbergstr. 14
heute (2012)

stein_stoll_jakobStolperstein für Jakob Stoll
verlegt am 18.05.2012

 

Jakob Stoll in den 1950er Jahren

Jakob Stoll in den 1950er Jahren

Jakob Stoll wurde am 21. Juni 1899 in Thundorf bei Frauenfeld im Kanton Thurgau, Schweiz, geboren. Er besuchte von 1906 bis 1914 die Volksschule und arbeite von 1914 bis 1917 in der Stickerei Feldmühle in Rorschach, im Kanton St. Gallen. Hier erlernte er den Beruf des Stickers.

Von 1917 bis 1919 diente er in der deutschen Armee. Von 1919 bis 1924 war er Lokomotivheizer. Verheiratet war er in erster Ehe mit Marie, geborene Stadelhofer, in zweiter Ehe mit Marta, geb. Sauter (gestorben am 31.10.1965).

Die weiteren Stationen seines Arbeitslebens waren: 1930 – 1933 Textilfabrik Stromeyer. 1933 Stickerei in Arbon; hier wurde er nach einem Generalstreik am 30.1.1933 entlassen.

Bei den Gemeinderatswahlen am 16. November 1930 wurde er für die KPD in den Gemeinderat von Wollma­tingen gewählt. Am 3. März 1933 wurde Stoll wegen illegaler Betätigung für die verbotene KPD verhaftet und in "Schutzhaft" genommen.

Am 5. Mai 1933 wurde er in das KZ Ankenbuck (zwischen Donaueschingen und Bad Dürrheim gelegen) eingeliefert und bis zum 21.12.1933 dort gefangen gehalten. Im August 1934 wurde er erneut verhaftet und wegen Verunglimpfung der Regierung vom Sondergericht Mannheim am 8.10.1934 zu 7 Monaten verurteilt. Stoll soll im Gasthof „Löwen" in Konstanz-Wollmatingen gesagt haben, „die SA betreibe Schießsport, um später ihre Klassenbrüder zu ermorden." Stoll trat seine Haftstrafe am 11. März 1935 an, die er im Bezirksgefängnis Konstanz verbüßte.

Aus dem Gefängnis entlassen, wurde Ende 1935 Stoll zur Arbeit zwangsverpflichtet. Schon im Februar 1935 hatten die Nazis das Arbeitsbuch eingeführt und damit alle Arbeiter der Kontrolle des NS-Staates unter­worfen. Bei einem Arbeitseinsatz im deutsch-schwei­zerischen Grenzgebiet gelang Jakob Stoll 1937 die Flucht. Sein Ziel war Spanien.

Nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Spanien zwischen der gewählten demokratischen Regierung und den Franco-Faschisten im Juli 1936 versuchten auch Kommunisten aus Konstanz nach Spanien zu gelangen. Wie es scheint, wollten Hermann Stoll, der Bruder von Jakob Stoll, Heinrich Haug und drei weitere Genossen aus Radolfzell nach Spanien, doch konnten sie ihr Vorhaben nicht umsetzen.

Der Fluchtweg von Jakob Stoll führte über die Schweiz nach Paris. Von Paris gelangte er  mit Hilfe französischer Kommunisten über die grüne Grenze nach Spanien. In Spanien kam er im August 1937 an.

In Albacete, dem Hauptquartier der XI. Internationa­len Brigade, wurde er militärisch ausgebildet. Er diente zunächst im Bataillon Thälmann, das aus 1500 Deutschen, Österreichern und Schweizern bestand. Später diente er im ebenfalls deutsch­sprachigen Bataillon Edgar André.

Dank seines „großen Muts und seiner militärischen Fähigkeiten" wurde Stoll in der 11. Brigade, in der er Soldat war, zum Sergeanten (Unteroffizier) beför­dert. Stoll besuchte eine Politkommissarschule und wurde als „guter und zuverlässiger und der Partei treu ergebener Genosse" beschrieben. 1938 wurde Stoll in die Kommunistische Partei Spaniens über­führt.

Nach dem Fall von Barcelona am 26. Januar 1939 floh Stoll nach Frankreich und wurde wie alle geflüchteten republikanischen Soldaten in Lagern interniert. Vom 9. Februar 1939 bis zum 29. April 1941 wurde Stoll in den Lagern Argelés-sur-Mer, Button und Le Vernet, das als das schlimmste Lager in Frankreich bezeichnet wurde, festgehalten. Der Schriftsteller Arthur Köstler, der ebenfalls dort interniert war, urteilte: "Le Vernet kann im Hinblick auf die Ernährung, Unterbringung und Hygiene zu den Konzentrationslagern der Nazis gezählt werden." In Gurs gehörte Stoll der illegalen Lagerleitung aus Gefangenen an.

Nach der Niederlage Frankreichs gegen Deutschland im Juni 1940 wurde Stoll von den Franzosen an die Deutschen ausgeliefert und am 1. Mai 1941 nach Karlsruhe überführt. Nach viermonatiger Unter­suchungshaft wurde er am 2. August 1941 in das Button eingeliefert. Seine Häftlings­nummer war 26836. 1944 wurde er in das Außenkommando des KZ Dachau, Oberraderach bei Friedrichshafen, versetzt, wo sich ein Zweigwerk der Heeres­ver­suchs­anstalt Peene­münde zur Produktion von flüssigem Sauerstoff und zur Endkontrolle von Antriebsaggregaten für die legendäre V2 Rakete befand. Nachdem das Werk in Raderach im August 1944 bombardiert und im September 1944 aufgelöst worden war, wurde Stoll am 25.9.1944 in das KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen, einem Außenlager des Button, verlegt. Mittelbau-Dora war die größte unter Tage gelegene Rüstungsfabrik des Zweiten Weltkrieges. Auch hier wurden Teile für die V2 Raketen produziert.

Beim Transport ins Button im April 1945 gelang ihm die Flucht. Er wurde von den Amerika­nern aufgegriffen und in ein Sanatorium in Halber­stadt eingeliefert, von wo er im August 1945 nach Konstanz entlassen wurde.

Jakob Stoll war 7 Jahre, 7 Monate und 23 Tage inhaftiert.

Nach dem Krieg war Stoll aktiv an der Neugründung der KPD in Konstanz beteiligt; die Gründungs­versammlung der Partei, an der auch die später berühmte Berliner Bildhauerin Ingeborg Hunzinger (Denkmal „Block der Frauen“ in der Berliner Rosen­straße) teilnahm, erfolgte im Februar 1946 im Kino „Capitol“. Einige Jahre lang war Stoll auch Vorsitzen­der der Ortsgruppe Konstanz der KPD.

Bei der ersten freien Gemeinderatswahl im September 1946 wurde Jakob Stoll neben Johanna Hemm  (vor 1933 Betriebsrätin bei der Textilfirma Straehl) für die KPD in den Stadtrat gewählt.

Vom 01.4.1946 bis zum 30.6.1949 war Stoll Geschäftsführer der städtischen Betreuungsstelle der Nazi-Opfer in Konstanz bei der Stadt Konstanz.

In den 50er Jahren betrieb das Ehepaar Stoll das Restaurant und Cafe Fürstenberg in der Fürsten­bergstraße 127, gegenüber der Cherisy-Kaserne.

Jakob Stoll starb am 23. März 1960 in Konstanz und wurde auf dem Wollmatinger Friedhof beigesetzt.

Seine Todesanzeige erschien im "Südkurier" vom 8. April 1960 und war von Marta Stoll und ihren beiden Kindern Else Sauter und Egon Stoll unterzeichnet.

 

Recherche: Uwe Brügmann

Patenschaft: Jürgen Weber

Quellen:

Stadtarchiv Konstanz, Akten zu Wollmatingen unter T II 349 und T II 903

Wiedergutmachungsakte im Staatsarchiv Freiburg, Signatur F 196/1, Nr. 181

Bundesarchiv Berlin, Akte RY 1/2/3/90

Generallandesarchiv Karlsruhe, Akte Stoll, 507 Nr. 12022

Das Bild stammt von Else Sauter, seiner Tochter aus zweiter Ehe.

Zur ehemaligen Heeresversuchsanstalt Raderach vgl. Raimund Hug-Biegelmann, Friedrichshafen und die Wunderwaffe V2. Das ehemalige Wehrmachtsgelände bei Raderach und die Luftschiffbau Zeppelin GmbH, in: Leben am See. Das Jahrbuch des Bodenseekreises, Bd. XI, 1994, S. 302 – 316.