Stolpersteine Konstanz

Karl SIEGER, 1910 - 1960

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Karl SIEGER, 1910 - 1960

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Karl SIEGER, 1910 - 1960

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1910: geb. 18. August

1936: 26. Juli, Zwangssterilisation Krankenhaus Konstanz

1944: Februar, KZ Dachau

1944: Dezember, KZ Buchenwald

überlebt

 

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Tenbrinkstr. 1
heute (2015)

Foto: W. Mikuteit

 
 
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Stolperstein für Karl SIEGER
verlegt am 13.09.2015

 

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Karl Siegers Vater war Martin Sieger, der als Arbeiter bei der Stadt Konstanz beschäftigt war. Seine Mutter hieß Marie, geb. Schuler, und war Hausfrau.

Karl Sieger hatte eine schwere Kindheit, da sein Vater Alkoholiker war. Er hatte keine Berufsaus­bildung, sondern arbeitete mit Unterbrechungen mehrere Jahre als Austräger bei einer Molkerei in Kreuzlingen sowie als Hilfsarbeiter in verschiedenen Betrieben in Konstanz.

Von 1930 bis 1933 war er auf Wanderschaft in Bayern, Preußen und der Schweiz. Schon vor 1930 stand er unter Aufsicht der städtischen Trinkerfür­sorge. 1933 war er ein halbes Jahr beim Reichs­arbeitsdienst in Nauen, aus dem er wegen eines Leistenbruchs frühzeitig entlassen wurde. „Sieger hat sich im Lager einwandfrei geführt, auch waren seine Leistungen befriedigend“, so hieß es in seiner Beurteilung. Danach war er in Konstanz als Hilfsarbei­ter tätig, zuletzt 1936 beim Bau der Cherisy-Kaserne.

In den 30er Jahren kam Sieger wegen seiner Alkohol­probleme immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz. Aktenkundig sind mehrere mehrtägige Haftstrafen wegen Erpressung, Erregung öffentlichen Ärgernisses, Trunkenheit, Ruhestörung, Bettelei und Verdacht der Zuhälterei - weil er mit einer Prostituierten zusam­menlebte.

Wenige Monate nach der Machtübernahme erließen die Nationalsozialisten am 14. Juli 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Dieses Gesetz sah die Sterilisation von geistig oder körper­lich behinderten Menschen, von Patienten psychiatrischer Heil- und Pflegeanstalten sowie von Alkoholkranken vor. Für die Zwangssterilisation waren die Erbgesundheitsgerichte, die bei den örtlichen Amtsgerichten eingerichtet wurden, zuständig.

Seit Dezember 1933 gab es auch in Konstanz ein Erbgesundheitsgericht. Im „Dritten Reich“ wurden in Deutschland etwa 400.000 Menschen zwangs­sterilisiert; bei den Eingriffen starben etwa 5.500 Frauen und 600 Männer.

Es konnte nicht ausbleiben, dass Karl Sieger als verhaltensauffälliger Alkoholiker bald ins Visier des Erbgesundheitsgerichts Konstanz geriet. Anfang April 1936 wurde Karl Sieger von Dr. Rechberg, dem Leiter des Konstanzer Gesundheitsamtes, untersucht. Obwohl Karl Siegers Arbeitszeugnisse durchwegs gut waren, fällte Dr. Rechberg ein vernichtendes Urteil über ihn: „Insgesamt ergibt sich das Bild eines labilen, haltlosen Psychopathen, der überdies an einer schweren Trunksucht leidet. Von besonderer Bedeutung ist auch die gleichzeitige Belastung in der Familie (Vater Trinker, zwei Brüder offenbar schwachsinnig). Sieger ist somit erbkrank im Sinne des Gesetzes.“

Am 4. Mai 1936 fasste das Erbgesundheitsgericht beim Amtsgericht Konstanz unter dem Vorsitz von Amtsgerichtsrat Dr. Gerbel und den Beisitzern Dr. Kohler aus Überlingen und dem prakt. Arzt Dr. Freiherr Hofer von Lobenstein aus Konstanz folgendes Urteil: „Der ledige Hilfsarbeiter Karl Sieger … ist wegen angeborenen Schwachsinns und schweren Alkoholismus unfruchtbar zu machen.“ In der Begründung heißt es dann lapidar: „Der Schwachsinn ist erwiesen nicht nur durch seine mangelhaften Schulleistungen, sondern auch durch sein Versagen auf dem Gebiet des allgemeinen Lebenswissens und der sittlichen Allgemeinvorstellungen“.

 

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"... wegen angeborenen Schwachsinns"
Beschluss des Amtsgerichts Konstanz zur Zwangssterilisation

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Gegen diesen Beschluss des Konstanzer Erbgesund­heitsgerichts erhob Karl Sieger am 26. Mai 1936 Einspruch beim Erbgesundheitsobergericht Karlsruhe. In einem handschriftlichen und fast fehlerfreien Brief in gestochener Schönschrift und unterschrieben mit „Mit Deutschem Gruß, Heil Hitler“ bat er „inständig, mir Zeit zu lassen, um Ihnen zu beweisen, dass es auch ohne Alkohol geht, ersparen Sie mir die Schande.“ Das Erbgesundheitsobergericht Karlsruhe wies den Einspruch von Karl Sieger zurück. „Die mangelhaften Schulleistungen und die erheblichen Ausfälle bei der Intelligenzprüfung durch das Gesund­heitsamt Konstanz haben einen krankhaften geistigen Schwächezustand aufgezeigt, der medizinisch einwandfrei als „Schwachsinn“ zu beurteilen ist.“ Karl Siegers Zwangsterilisation war nun nicht mehr abzuwenden. Am 25. Juni 1936 wurde er ins Städtische Klinikum Konstanz aufgenommen, nachdem er selbst „um beschleunigte Durchführung“ des Eingriffs nachgesucht hatte. Am 26. Juli 1936 schließlich wurde Karl Sieger zwangssterilisiert.

Über den weiteren Lebensweg von Karl Sieger gibt es nur wenige Anhaltspunkte. Im November 1939 diente er in Konstanz bei der Ersten Reserve-Kompanie. Von Anfang Januar 1941 gibt es eine Mitteilung der Truppenentlassungsstelle in Ulm, dass der Gefreite Sieger wegen Schwachsinns entlassen werden soll. Offensichtlich ist bekannt geworden, dass Sieger wegen angeblichen Schwachsinns zwangssterilisiert worden war. Außerdem hieß es hier, dass Karl Sieger beabsichtige, sich mit einer „nicht unfruchtbaren Frau“ zu verehelichen.

Mitte Januar 1941 wurde Sieger angewiesen, sich im Reserve-Lazarett Konstanz behandeln zu lassen. Offensichtlich hatte es Komplikationen infolge der Zwangssterilisation gegeben. Nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht heiratete Karl Sieger im November 1942 Frieda, geb. Schutzbach, aus Pforzheim. Die Ehe blieb kinderlos und wurde 1945 wieder geschieden.

Von Juli 1942 bis Anfang März 1943 war Karl Sieger bei der Organisation Todt (OT) zwangsverpflichtet, eine nach militärischem Vorbild organisierte Bautruppe für die Realisierung von Schutz- und Rüstungs­projekten.

 

Organisation Todt Armbinde

Armbinde für Arbeiter der "Organisation Todt" (OT)

 

Warum Karl Sieger im Februar 1944 verhaftet und im KZ Dachau inhaftiert wurde, lässt sich nicht klären. Als Grund für seine Verhaftung nannte er 1945 gegenüber den Amerikanern „Streit in der Familie“. Auf seiner Personalkarte im KZ stand: „Schutzhäft­ling, politisch, Arbeitszwang-Reich“, das heißt, dass er ohne Gerichtsurteil aus politischen Gründen und zudem als Arbeitsscheuer in das KZ eingeliefert wurde. Hatte sich Karl Sieger mit politischen Äußerungen gegen das NS-Regime hervorgetan? Hatte seine Frau ihn angezeigt? Wir kennen die Gründe für seine Verhaftung nicht.

Seine Häftlingsnummer in Dachau war 63996. Karl Sieger wurde zwei Monate im Außenlager Uttendorf-Weißsee (im heutigen Nationalpark Hohe Tauern/Salzburg) eingesetzt, wo er in hochalpiner Lage (2300 Meter) Zwangsarbeit beim Bau eines Kraftwerks leisten musste.

Den Häftlingen wurden rote Punkte auf ihre dünne Kleidung genäht, damit ihre Bewacher bei Flucht­versuchen besser auf sie zielen konnten.

Nach Einstellung dieser Arbeiten wurde er Mitte Dezember 1944 in das KZ Buchenwald verlegt; hier hatte er die Nummer 49501.

Mitte Januar 1945 wurde Karl Sieger in das Außenlager „Heinrich Kalb“ in Bad Salzungen (Thüringen) zu Spreng-, Aufräumungs- und Betonier­ungsarbeiten verlegt. In einem Kalischacht in 300 Metern Tiefe mussten Häftlinge eine Fertigungshalle für die Produktion von Rüstungsgütern der Firma BMW erstellen.

Anfang April 1945 erfolge die Rückverlegung in tagelangen Fußmärschen (ca. 150 km) ins Lager Buchenwald. Bei der Annäherung der amerikanischen Truppen vertrieben die Häftlinge am 11. April 1945 die SS-Wachen und befreiten sich selbst.

Den Amerikanern gegenüber gab Karl Sieger an, er sei Kommunist; ob sich das nun auf seine Gesinnung oder Parteizugehörigkeit bezog, lässt sich nicht klären.

Karl Sieger war nun ein freier Mann und kehrte nach Konstanz zurück. Die Stadt Konstanz bewilligte ihm und anderen ehemaligen KZ-Häftlingen als „Willkom­mens­geschenk“ eine kostenlose medizinische Untersuchung und eine Barzuwendung von 500 Reichsmark. Für seine Haft im KZ und Zwangsarbeit sowie seine Zwangssterilisation erhielt er jedoch keine Entschädigung. Nach dem Rechtverständnis der frühen 50er Jahre war er als angeblicher Asozialer zu Recht im KZ eingesperrt; für die Opfer der Zwangs­sterilisation richtete die Bundesregierung erst 1980 einen besonderen Fond ein, aus dem die Zwangs­sterilisierten einmalig 5000 DM erhielten.

Mitte der 50er Jahre übersiedelte Karl Sieger nach Meersburg, wo er Arbeit im Hotel „Wilder Mann“ fand und dort auch wohnte.

Am 21. März 1960 ist Karl Sieger in Konstanz gestorben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Recherche: Uwe Brügmann

Patenschaft:  Bürgergemeinschaft Petershausen

Quellen:

ITS Arolsen

Staatsarchiv Freiburg, Akten B 898/1, B 132/1, 455, F 196/1, 1895

Archiv KZ Dachau

Archiv KZ Buchenwald

Benz/Distel, Der Ort des Terrors, Band 2, München 2006, Das Außenkommando Bad Salzungen (Heinrich Kalb), S. 379-380