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Stolpersteine Konstanz

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Samuel SEEWALD,   1870 – 1945

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geb. 20.9.1870, Gambach

 

DEPORTIERT 1940

GURS

FLUCHT 1941

PORTUGAL

USA

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Bodanstrasse 4 heute
(2019)
 

Foto: Maik Schluroff

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Stolperstein fĂŒr Samuel SEEWALD
verlegt am 1.11.2019

Ehefrau: Klara SEEWALD,   Kinder:  Meta SEEWALD (*1905), Walter SEEWALD

Samuel Seewald wurde am 20. September 1870 in Gambach geboren, einer Gemeinde in der NĂ€he der Stadt MĂŒnzenberg in der hessischen Wetterau. In Gambach gab es 1870 eine kleine jĂŒdische Gemeinde; von den 1400 Einwohnern waren 70 Juden. An jĂŒdischen Einrichtungen gab es eine Mikwe (jĂŒdisches Ritualbad), eine Synagoge, eine Schule und einen Friedhof. Die jĂŒdischen FamilienvorstĂ€nde waren als HĂ€ndler und Kaufleute sowie im Vieh-, Getreide und Landes­produkten­handel tĂ€tig. Die jĂŒdische Gemeinde gehörte zum liberalen Provinzrabbinat Gießen.

 

1903 kam Samuel Seewald nach Konstanz und eröffnete ein GeschĂ€ft fĂŒr Aussteuer- und Textilwaren. Wo er den Beruf des Textilkaufmannes erlernt hat, ist nicht bekannt. Sein GeschĂ€ft befand sich zunĂ€chst an der wenig reprĂ€sentativen Oberen Laube, spĂ€ter  in der MĂŒnzgasse und schließlich am Bodanplatz 2. 1909 wurde das mittelalterliche Haus am Bodanplatz abgerissen und durch ein reprĂ€sentatives Wohn- und GeschĂ€ftshaus ersetzt, geplant vom renommierten Konstanzer ArchitekturbĂŒro Ganter & Picard. Sein GeschĂ€ft lag jetzt im kommerziellen Zentrum von Konstanz und  hatte ab 1935 als Adresse Saarlandstraße 18 (bis 1933 Bodan­straße).

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Adressbuch Konstanz von 1920,
Eintrag Samuel SEEWALD,
noch mit dem alten Straßennamen "Bodanstraße 4"
 
Das Telefonsymbol steht fĂŒr den Telefonanschluss 134

 

 

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Adressbuch Konstanz von 1935
Eintrag Samuel SEEWALD:
Die Bodanstraße ist  umbenannt in Hugenbergstraße, der Bodanplatz in "Hugenbergplatz"
 
1935 erneute Umbenennung: in "Saarlandstraße"

 

Straßenumbenennungen in Konstanz in der Nazizeit

 

Das GeschĂ€ft war auf zwei Etagen untergebracht und hatte ein großes Schaufenster zur Rosgartenstraße hin, wo auch der Eingang zum GeschĂ€ft war. In der oberen Etage befanden sich BĂŒro und Lager. Das GeschĂ€ft von Seewald lag direkt neben dem TextilgeschĂ€ft „Merkur“ der BrĂŒder Isi und Hermann Simon.

 

1904 heiratete Samuel Seewald Klara, geb. Weil. Seine Frau war  gebĂŒrtige Konstanzerin. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: Meta (9.4.1905 - 4.5.1994) und Walter Josef (10.11.1912 – 4.12.1970). Wie alle wehrfĂ€higen Juden wurde auch Samuel Seewald, trotz seines relativ hohen Alters, im Ersten Weltkrieg eingezogen. Laut Mobil­machungs­aushang von 1914 waren "alle nach dem 2. August 1869 geborenen Reservisten gestellungs­pflichtig“, und dazu gehörte auch Seewald. Von Oktober 1916 bis November 1918 war er Soldat, ob an der Front oder in der Etappe, ist nicht geklĂ€rt.

 

Das GeschĂ€ft von Samuel Seewald war ein Familien­unternehmen. Wenn er auf Reisen in der Schweiz und im sĂŒddeutschen Raum unterwegs war, und das war recht hĂ€ufig, fĂŒhrte seine Frau Klara das GeschĂ€ft. Ihre Kinder Walter und Meta mit ihrem Mann Martin Löwenstein arbeiteten ebenfalls im GeschĂ€ft mit. Zum Personal gehörten auch noch zwei LehrmĂ€dchen. Das GeschĂ€ft ging gut, viele Beamte und besser Verdienende waren unter seinen Kunden. Als die Nazis am 1. April 1933 zum reichsweiten Boykott  jĂŒdischer GeschĂ€fte aufriefen, wurde auch an das Schaufenster von Seewalds GeschĂ€ft ein Plakat mit der Aufschrift „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ angebracht. Viele Konstanzer machten jetzt einen Bogen um das GeschĂ€ft. 1938 musste er wegen KĂŒndigung der GeschĂ€ftsrĂ€ume das Warenlager unter Wert verkaufen und sein GeschĂ€ft aufgeben.

 

Samuel Seewalds Schwiegersohn Martin Löwenstein (14.7.1901-22.7.1988) erkannte rechtzeitig die Zeichen der Zeit und emigrierte mit seiner Frau Meta im September 1938 nach Chicago in die USA; sie nannten sich jetzt Livingston.

 

Auch fĂŒr ihren minderjĂ€hrigen 16-jĂ€hrigen Sohn Walter sah das Ehepaar Seewald keine Zukunft mehr in Deutschland. Da die Vorbereitung fĂŒr die Emigration wahrscheinlich Monate dauerte, hatten die Seewalds wohl schon lĂ€ngere Zeit vor der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 die nötigen Schritte eingeleitet. Am 12. November, zwei Tage nach der Pogromnacht, wurde ihr Sohn Walter verhaftet und als „FunktionshĂ€ftling“ in das KZ Dachau eingeliefert. Zusammen mit ihm wurden noch weitere 60 Konstanzer Juden nach Dachau deportiert. Am 2. Dezember kam er wieder frei. Am 20. Dezember 1938 konnte er in die USA ausreisen. Es ist anzunehmen, dass sein Schwager Martin Löwenstein das Affidavit (finanzielle BĂŒrgschaft) fĂŒr ihn besorgt hat. So fand er denn auch Aufnahme bei seinem Schwager und seiner Schwester Meta in Chicago.

Viel zu spĂ€t kĂŒmmerte sich Samuel Seewald um seine eigene Emigration. Wie seine Kinder wollte auch er in die USA auswandern. Auf seiner Einwohnermeldekarte befindet sich ein Eintrag von Ende Juli 1939, der lautet: „Möchte nach Amerika auswandern. Hat hohe Nummer. Kann noch Jahre dauern.“ Ein Gesetz aus dem Jahre 1924 (Johnson Act) erlaubte die jĂ€hrliche Einwanderung  von nur 25.000 Juden in die USA. Angesichts der Massenauswanderung von Juden aus Deutschland nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 war diese Zahl natĂŒrlich schnell erreicht. Anfang Juli 1940 musste das Ehepaar Seewald seine angestammte Wohnung in der Bodanstraße 4 verlassen und in ein sogenanntes Juden­haus in der Bodanstraße 25 umziehen. Juden­hĂ€user waren im Nazi-Behördendeutsch HĂ€user, die Juden gehörten und in denen nur Juden wohnen durften.

 

Am 20. Oktober 1940 wurden Samuel Seewald mit seiner Frau Klara, zusammen mit 108 anderen Konstanzer Juden, in ein Lager nach im SĂŒdwesten Frankreichs deportiert.

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Karteikarte von Samuel SEEWALD im Lager Gurs

 

Samuel Seewald war zu diesem Zeitpunkt bereits 70 Jahre alt. Offensichtlich hatte ihm die tagelange und beschwer­liche Fahrt nach Gurs so zugesetzt, dass er schon nach wenigen Tagen in die Krankenstation des Lagers verlegt wurde, da auf seiner Personalkarte “Hopital“, also Spital, d.h. Krankenstation, vermerkt ist.

 

 

Anfang MĂ€rz  1941 wurde er in das MĂ€nnerlager „Les Milles“, eine aufgelassene Ziegelei in Aix-en-Provence, verlegt.

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Lager "Les Milles" war in einer ehemaligen Ziegelei.

 

Ende MĂ€rz 1941 erhielten er und seine Frau Klara die Erlaubnis, in die Vereinigten Staaten auszureisen. Die nötigen Einreisepapiere, speziell das Affidavit, eine beglaubigte BĂŒrgschaftserklĂ€rung fĂŒr politisch und rassisch verfolgte Emigranten, hatte ihr Schwiegersohn Martin Livingston in Chicago beschafft.

 

Anfang April 1941 sahen sich die Eheleute Seewald in Marseille wieder. Aber erst Ende August 1941 wurden beide offiziell aus dem Gewahrsam der französischen Behörden entlassen. Samuel Seewald war 10 Monate und 16 Tage in Frankreich inhaftiert.

Von Marseille aus fuhren sie mit der Bahn nach Lissabon. Anfang Dezember 1941 verließen sie per Schiff den Hafen von Lissabon und fuhren nach Havanna/Kuba. Von dort  aus war fĂŒr den 11. Dezember die Weiterreise mit der S.S. Florida nach Miami geplant, die sie jedoch nicht wahrnahmen.

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Klara und Samuel SEEWALD auf der Passagierliste der "S.S. Florida" von Havanna/Kuba nach Miami/Florida, Abfahrt 11.12.194
Ein handschriftlicher Zusatz besagt, dass die SEEWALDs und zwei weitere Passagiere nicht auf dem Schiff waren.

 

Vielmehr fuhren sie am 20. Dezember 1941 per Schiff, mit der S.S. Mexico, von Havanna nach New York, wo sie am 23. Dezember eintrafen.

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Klara und Samuel SEEWALD auf der Passagierliste der "S.S. Mexico"" von Havanna/Kuba nach Miami/Florida, Abfahrt 20.12.194, Ankunft in New York am 23.12.1941

 

Von New York ging es auf dem Landweg nach Chicago, wo ihr Schwiegersohn Martin und Tochter Meta Livingston sie schon erwarteten.

 

 

Nach dem Krieg weilte ihr Sohn Walter als amerikanischer Soldat kurze Zeit in Konstanz, um Nachforschungen ĂŒber den Verbleib des elterlichen Hausrats anzustellen. Er hatte keinen Erfolg; dieser wurde am 6. und 7. Januar 1941 im Konzil öffentlich versteigert - wie auch der Besitz aller anderen nach Gurs deportierten Juden. Samuel Seewald hat seine Heimatstadt Konstanz nie wieder gesehen - ganz sicher aber wird der Sohn seinem Vater von Konstanz erzĂ€hlt haben.

 

Samuel Seewald starb am 11. Juni 1945 in Chicago, Illinois

 

 

 

Recherche: Uwe BrĂŒgmann

Patenschaft: Dr. Ronald HĂŒbner

Quellen:

Archives départementales des Pyrénées-Atlantiques, Pau, Frankreich

Stadtarchiv Konstanz

Staatsarchiv Freiburg, EntschÀdigungsakten F 196/1 3114, F 166/3 6495, P303,4 2554

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