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Familie SCHWARZHAUPT: Dokumente

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26.09.1944
Brief von Ruth Schwarzhaupts Cousine Maria ("Mariele") KLOPFER

Ruth SCHWARZHAUPT schreibt dazu (2014):
"Maria (Mariele) war ein sehr, sehr  lieber Mensch. Sie war die erste Person, die mir und meinem Bruder Max nach dem Abschied von den Eltern liebevoll begegnete. Ich werde ihr immer ein ehrendes Angedenken erhalten.

Maria kam viel später als ihr Mann nach New York, zusammen mit ihrer Mutter, unserer 'Tante Annerl', einer Halbschwester meines Vaters, die sie jahrzehntelang pflegte."

 

SCHWARZHAUPT_Ruth_Cousine_Maria_Klopfer_Genf_1945
Ruth SCHWARZHAUPT mit Cousine
Maria KLOPFER, Genf 1945

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[Transkript:]

 

Maria Klopfer, Geneva, Switzerland, Hotel Regina, 26.Sept.1944
Meine lieben Geschwister!

........    

......................... Nun moechte ich Euch aber etwas erzaehlen. Ihr
wisst, dass Albert und Hella zwei Kinder hier in der Schweiz hinterliessen,
und ich habe seit einigen Jahren stets mit den Kindern korrespondiert und
ich muss sagen, dass sie mir immer besser gefielen durch ihre bescheidene
Art. Sie sind natuerlich durch die Verhaeltnisse sehr herumgeworfen worden
haben aber das Glueck gehabt wenigstens Schweizerschulen zu besuchen, aber
leider als Max sechzehn Jahre war, musste er in ein Arbeitslager. Das wuerde ihm
nichts gemacht haben, wenn er dort wirklich etwas erlernen koennte, aber
das ist gar nicht moeglich. Er arbeitet momentan xxxx als zweit Juengster
im Steinbruch, Strassenbau aber ich will versuchen ihn fuer eine praktische Ausbildung doch frei zu bekommen, natuerlich mit Unterstuetzung wie er sie
bis jetzt vom Hilfswerk bekam. Nun sollte das Lager ueber die zehn Tage vor un-
seren Feiertagen, es ist ein juedisches, geraeumt werden und ich hoerte
durch Zufall aber nicht von ihm dass er so ungluecklich waere, da er nicht
wisse wohin. So habe ich mich entschlossen und habe den Buben eingeladen
fuer diese Zeit, was ich genehmigt bekam und ich kann Euch nur sagen, dass
er ein ganz patenter enorm bescheidener und intelligenter Bursche ist. Es
ist nur traurig, dass er nun fast 17 Jahre ist und leider bis jetzt nichts
erlernen konnte. Er bekam von den Behoerden die Bahn zu mir sehr ermaessigt
und wohnt in einer ganz einfachen Pension. Seine zwei besten Freunde die
zufaellig Genf zugewiesen sind als einstigen Aufenthaltsort habe ich auch
kennengelernt, sie sind zwar 22 Jahre bereits, aber ich muss sagen, dass er einen wirklich guten Umgang hat und jeder der den Buben kennt hat ihn gern
Etwas, was mich sehr auch fuer ihn eingenommen hat, ist dass er mit inniger
Zaertlichkeit an seinem Schwesterlein Ruthli haengt und ebenso wie mein Jost
zu ihr wie dieser zu Elli emporsieht. Ich habe schon weil er den Namen un-
seres Grossvaters traegt immer mich mit der Absicht getragen den Jungen
mal kommen zu lassen, aber wirklich ich musste so oft dieses finanzielle
Opfer scheuen, aber nun muss ich sagen dass ich derart befriedigt bin in dem
Buben so einen netten Menschen gefunden zu haben. Er weiß sich tadellos
zu benehmen und jedermann hat ihn schon wegen seiner Bescheidenheit gern.
Nun kam gestern für alle Kinder die Flüchtlinge in der Schweiz sind ein
Fragebogen auszufüllen, ich glaube durch das amerikanische Konsulat mit
der Bitte um Adressenangabe wer sich eventuell bei der Ankunft der Kinder
in Amerika ein wenig um sie kuemmern wurde. Natürlich haben die Kinder
doch garkeine Adressen, nicht einmal die ihrer Schwestern wissen sie ge-
nau und so habe ich mir erlaubt, Ihnen Deine lieber Fred zu geben. Erstens
bist Du Buerger und ich dachte mir, da doch unsere Grossvater Dein Gevatter
war und Max von ihm seinen Namen hat, Du ihm bestimmt gerne behilflich sein
wirst. Ich bin ganz ueberzeugt dass der Bub Dir einmal Ehre machen wird und
er so wie das Ruthli bestimmt ihren Weg machen, da sie prachtvoll erzogen

[Seite 2]

sind. Ich denke dass wir die Enkel von unserem Grossvater sogar die Pflicht
haben, diesen armen Kindern, wenn es geht weiter zu helfen, denn wieviel hat-
ten all die Schwarzhaupts in dieser entsetzliche Zeit erleiden. Ich habe
wirklich das Gefühl als ob nach all der Misere, die auf diesem Namen er-
kaempft wurde, gerade auf diesen beiden Waisenkindern eine Broche*) liegt die
den Namen Achwarzhaupt [sic] wieder Glueck bringen moechte. Wie wenig sind uns
geblieben, denen wir noch helfen koennen, also wollen wir es tun, gerne
und zum Segen dass sie auch eine Zukunft vor sich haben.
Ich gebe Euch wegen Nachfragen auch die Daten der Kinder:
Ruth Schwarzh. geb. 10 Mai, 31 in Muenchen, Max 29.Oct. 27 auch in Muenchen,
beide seit Februar 16, 39 in der Schweiz, zustaendig zuerst Kanton Luzern, beide haben jetzt toleranzbewilligung von Basel.
So nun genug davon, Max haette ja am meisten Lust zu einem kaufmaennischen
Beruf und er wird jetzt alles daransetzen auch die englische Sprache zu
erlernen, was ja bis jetzt leider unmoeglich war. Nun muss ich aber
schliessen, denn in zwei Stunden geht unser hoechster Feiertag an und ich will auch dass Mutterl nicht zu lange über alles nachdenkt, denn leider
ist sie garnicht wohl.Ich habe ihr den Buben gar nicht gezeigt, sie kann
ja so garnichts vertragen. Vater haelt wie immer seinen Gottesdienst zu-
hause, erfasste zwar nicht, freut sich aber schon aufs Anbeissen.
Nun meine liebene Geschwister nehmt mir meine lange Epistel nicht uebel
aber wir wollen schon zum Dank dass Gott uns das Haerteste ersparte an
den paar uebrigen armen Verwandten Gutes tun. Ich umarme euch in herz-
licher Lieber.
Wie immer mit vielen innigen Gedanken und tausend Kuessen, Euer

[Mariele]

*)"Broche": jiddisch "Segen"

Quellle: Privatarchiv Ruth Schwarzhaupt

 

26.09.1944
Brief von Maria KLOPFER an
Familie SCHWARZHAUPT

SCHWARZHAUPT_Ruth_Cousine_Maria_Klopfer_Genf_1945
Ruth SCHWARZHAUPT mit Cousine
Maria KLOPFER, Genf 1945

 

 

 

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[Transkript:]
 
Nr. 158  Maria Klopfer,  Geneva,  Hotel Regina,   26.September,1944

 

Meine innigstgeliebte kleine Familie!

Es ist heute Erev-Yom-Kippur und wenn so ernste Feiertage sich naehern, ist noch mehr bei seiner geliebten Familie. Wie es in unserer Religion heisst, soll heute besiegelt werden, was das kommende Jahr bringen wird. Natuerlich steht, wenn wir an uns selbst denken, der sehnlichste Gedanke eines gesun-den Wiedersehens, einer Wiedervereinigung oben an und unsere ganze Hoffnung ruht auf einem baldigen Frieden.- Es ist mir sehr arg dass zur Zeit auch
von den Kindern weniger Post kommen kann, sie wussten ja doch auch immer wie es Euch ergeht und die Ereignisse bei meinen Geschwistern beschaeftigen mich nach wie vor stark. Es ist mir ganz unmoeglich mit dem lieben Aenzerl da-rueber zu sprechen, zur Zeit ist sie ja wieder so garnichts, es koennen
auch die starken Herbststuerme mit daran Schuld haben, und Feiertage brin-gen halt so manche Erinnerung. Ich bilde mir ein, dass Du, lieber Toby, auch noch immer fastest, ich tue es auch, wenn es mir auch viel schwerer faellt als meinem Mutterl. Vater wird wie immer andaechtig seine Gebete sagen, aber dazwischen verlangt sein Magen sein Recht und er wird mit gleicher Andacht seine Mahlzeiten einnehmen. Erinnerst Du Dich, lieber Toby, wie er frueher
bei Deiner leiben Mutter am Karlsplatz und spaeter im Excelsior sich ein wenig ausruhte? Du, mein liebes Ile, wirst jetzt wenn wieder alle Maenner zuhause sein werden, viel zu tun haben und der allerkleinste, suesse Mann so stelle ich es mir vor, wird Dir auf Schritt und Tritt nachlaufen und dabei Dir doch auch schon ein wenig helfen, denn er hat Dir sicher manches abge- schaut und Du wirst ihn recht selbststaendig erziehen. Opa und Erwin werden schon dann wieder ihr moeglichstes tun um ihn zu verziehen, oder ist Erwin ein strengerer Vati? Ich bekam jetzt den ersten Brief von Rudi, sie sind uebergluecklich wieder in ihr altes Heim eingezogen zu sein, wenn ihnen auch manches abhandengekommen ist. Aber die Hauptsache, alle sind gerettet, Erich und Lilo haben ein kleines Maederl bekommen, aber diese sind durch die Ent-bindung noch weiter fort, hoffen aber auch bald zu den Geschwistern zu kom-men. Ich glaube durch die amerikanischen Flugzeuge konnten sie Euch schnelle Nachricht geben, als wir hier in der Schweiz wenigstens haben sie es ver-sucht. Ich habe gestern an Rudi die Neuigkeot von den Verheiratungen mei-
ner Geschwister mitgeteilt, und ich bin auf seine Auffassung gespannt. Ich habe ueber die Feiertage aus dem Lager den Buben von Albert und Hella selig eingeladen und ich bin so gluecklich dass ich mich dazu entschlossen habe, denn das ist ein derart lieber, bescheidener, armer Bub, der sich so sehnte einmal jemanden von der Familie zu sprechen. Er ist noch nicht ganz 17 Jahre und ist entsetzlich im Leben herumgeworfen worden, hat sich aber wo immer
es ihm moeglich war, selbst erzogen und ist ein tadelloser, anstaendiger Bub. Es ist zu schade, dass er nun schon so lange im Lager und nichts rich-tig erlernen konnte, aber ich glaube wirklich etwas zu erreichen, dass er herauskommt und ein Handwerk erlernen kann. Es ist ja alles so schwer, aber es ist eigentlich unsere Pflicht wenn man Menschen die so viel mitmachten und man sie herausholen kann, zu helfen. Er wohnt natuerlich in einer ganz billigen Pension in seinem Urlaub und ich konnte es auch erreichen, dass die Bahn von seinem Lager hier herund zurueck fast nichts mich kostete. Er hat eine drei Jahre juengere Schwester und haengt mit der gleichen Bewunderung an ihr, wie unser Jost. Ich bin ganz bestimmt, dass beide Kinder eines Tages ihr Leben selbst machen, dass beide verlaessige Menschen werden, ja schon
in ihrem Charakter es sind. Ich bin wirklich froh, diesen Bub kennen ge-lernt zu haben, und es kommt mir wirklich vor als ob auf diesen zwei Kindern ein Heil ruhen wuerde um all das schwere Unglueck das so viel der Schwarz-haupt getroffen hat zu suehnen.- Ich schreibe auch noch an meine Geschwister denn sie brauchen um nach USA zu komen jetzt schon Adressen fuer das rothe Kreuz und das Konsulat, und ich halte gerade Fritz am besten da er Buerger ist und gerade unser Großvater sein Gevatter war. Bitte gebt beiliegenden Brief an meine Geschwister, ich bin sicher dass sie alle etwas fuer diese Kinder einmal tun werden und dass dies gute Fruechte bringen wird.-Der Herbst ist schon sehr unfreundlich und da denkt man doppelt an all die Menschen
die kein Heim haben und so wollen wir den jungen Kippur vor allem zu einem

 
Gebet zur Erloesung der armen Menschheit von den Grauen des Krieges vereinen dass auch all die Schwergeprueften endlich wieder ein Dach ueber sich haben eine scholle auf der sie das Recht haben werden ihr Heim aufzuschlagen.

-Ich mache hetzt Schluss denn ich moechte doch noch den Brief an die Ge-schwister schreiben. Bleibt meine lieben guten allerliebsten Menschen
gesund und auf ein baldiges Wiedersehen.

                          Eure

 

Quellle: Privatarchiv Ruth Schwarzhaupt