Stolpersteine Konstanz

Willy SCHÜRMANN-HORSTER

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Willy SCHÜRMANN-HORSTER

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Willy SCHÜRMANN-HORSTER

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Arnulf Moser

Von der „Roten Kapelle" zum Provinztheater

Der Schauspieler Wilhelm Schürmann-Horster
 
aus: Hier wird gespielt! 400 Jahre Theater Konstanz
Herausgegeben von David Bruder, Brigitte Leipold, Christoph Nix
mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags "Theater der Zeit"

Das Leben des Schauspielers Willy Schürmann-Horster (1900–1943) ist bis auf die zwölf Monate seines Aufenthalts in Konstanz eigentlich ganz gut bekannt. Nach Schulzeit und Besuch der Schauspielschule von Luise Dumont in Düsseldorf spielte und inszenierte er ab 1920 im Rheinland politisch-revolutionäres Theater mit zeitgenössi­schen Autoren wie Maxim Gorki, Ernst Toller, Georg Kaiser, Erich Mühsam, Bertolt Brecht und Friedrich Wolf, aber auch Georg Büchner. Daneben befasste er sich stets mit den Klassikern.Vorübergehend war er 1923 sogar Mitglied der KPD. Seine Theater­gruppen trugen Namen wie Jungaktivistenbund (1920), Junge Aktion, Freie Volksbühne, Notgemeinschaft Düsseldorfer Schauspieler und besonders erfoigreich die Truppe im Westen, ein 1930 entstandenes Schauspielerkollektiv. Nach der Machtergreifung war er noch kurze Zeit als Regisl­seur des Kabaretts Klimperkasten in Düssel­dorf tätig und hatte bis 1935 ein Theaterengagement in Bad Godesberg. Im Frühjahr 1935 stand er mit einer großen Gruppe von fast 70 Kommulnisten wegen Vorbereitung zum Hochverrat vor Gericht, dem Oberlandesgericht Hamm, wurde aber freigel­sprochen.

Der Künstlername Horster stammt vermutlich von einem Mitangeklagten Horster, der während des Prozesses Selbstmord begangen hatte. Ein Freund aus dieser Zeit, der kommunistische Gewerkschafter Rudi Goguel, von Anfang 1946 bis 1948 vorüber­gehend Redakteur beim Konstanzer Südkurier, als die Redaktion nach dem französischen Parteien­system ausgerichtet wurde, beschrieb ihn so: „Willy, groß, mager, ein wenig schielend, mit einer eigenwilligen Künstlermähne, war der typische Bühnenmann – stets geistreich, oft kritisch und immer energiegeladen."

Ab 1937 lebte Schürmann-Horster in Berlin, meist arbeitslos; er verschickte viele Bewerbungen, auch an Rundfunkanstalten und Filmgesellschaften, sprach in den Vernehmungen der Gestapo von freier Mitarbeit bei Tobis, UFA und Bavaria. Unter anderem schrieb er ein Drehbuch „Till Eulenspiegel" und beschäftigte sich mit theatertheoretischen Fragen und den deutschen Klassikern. Um ihn bildete sich ein Kreis von etwa zwanzig Künstlern, Intellektuellen, aber auch Arbeitern und Handwer­kern, ein Diskussionskreis im geistigen Widerstand, der in Privatwohnungen über Kulturpolitik und die politische Lage diskutierte. Schürmann-Horster galt als Wortführer dieser Gruppe. Es entstanden Verbindungen zu der Gruppe  um den Offizier im Reichsluftfahrtministerium Harro Schulze-Boysen und den Nationalökonom im Reichswirtschafts um den Offizier im Reichsluftfahrtministerium Harro Schulze-Boysen und den Nationalökonom im Reichswirtschaftsministerum Dr. Arvid Harnack, eine lockere Organisation mit vielfältigen Aktivitäten.

foto_schuermann_3Wilhelm SCHÜRMANN-HORSTER

 

Die Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack, genannt „Rote Kapelle", war keine konspirative Organisation, sondern ein Geflecht von Beziehungen mit einem breiten Spektrum sozialer Herkunfts­bereiche und unterschiedlichen politischen und welt­anschaulichen Motivationen, etwa 130 Personen, darunter sehr viele Frauen. Auslöser für Wider­standsaktivitäten wurde die Sorge vor einem Krieg gegen die Sowjetunion. Leitende Gedanken für die Gruppe waren Ostorientierung und die Verständigung mit der Sowjetunion. Der Begriff „Rote Kapelle" wurde von der militärischen Abwehr auf sowjetische Agenten in Paris und Brüssel angewandt und von der Gestapo auf die Berliner Gruppe übertragen. Der Ver­such, militärische Informationen durch persönliche Kontakte in Berlin oder per Funk über den Agenten Leopold Trepper in Paris und Brüssel an die Sowjetunion weiterzuleiten, hat die Gruppe in der Nachkriegszeit noch lange Zeit als Landesverräter in Miss­kredit gebracht. Vor allem in Westdeutschland wurde während des Kalten Krieges der Vorwurf erhoben, die Gruppe sei wegen Spionage am Tod vieler deutscher Soldaten im Osten schuld. Umgekehrt galt die Gruppe in der DDR als Beweis für die Kontinuität des von der KPD gesteuerten Widerstandes, einzelne Personen wurden nachträglich als „Kundschafter der Sowjet­union" und mit sowjetischen Orden geehrt.

Im Frühjahr 1942 wurde die Gestapo durch ein Flugblatt „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk!" erstmals aufmerksam. Eine Sonder­kommission des Reichssicherheitshauptamtes wurde


schließlich auf die Gruppe angesetzt. Ob Schür­mann-Horster Harnack und Schulze-Boysen über­haupt persönlich kannte, ist nicht bekannt. Aus seiner Gruppe stand der Kommunist Hans Coppi mit Schulze-Boysen in Verbindung. An konkreten Aktionen wie Flugblättern, Kontakten zu Russen, Spionage oder Funkverkehr war Schürmann-Horster aber nicht beteiligt. Erhalten sind Vorträge und Manuskripte zum politischen und sozialen Enga­gement des Theaters, über Filmpolitik und über philosophische Probleme der künstlerischen Darstel­lung. Für den Theaterverlag Die Wende bearbeitete er Goethes „Egmont" und Schillers „Don Carlos".

In einer wohl nicht ganz ernst gemeinten Stimmung beschloss die Gruppe eines Abends im Oktober oder November 1940, von der Diskussionsrunde zur Aktion überzugehen. Schürmann-Horster bestimmte drei Personen als politischen Leiter, Organisations­leiter und Agitationspropagandaleiter, und es wurden freiwillige Beiträge eingesammelt. Diese Dreiergruppe war offensichtlich nach dem Vorbild der KPD im Untergrund gebildet worden. Bereits vierzehn Tage später war allen klar, dass ein solches Vorgehen viel zu gefährlich war und nicht weiter verfolgt werden sollte. Ab Anfang 1941 war Schürmann-Horster länger krank, hielt sich dann meistens außerhalb von Berlin auf und hat an keiner Sitzung mehr teilgenommen, aber jener Abend sollte der ganzen Gruppe zum Verhängnis werden. Schürmann-Horster heiratete im Oktober 1940 in zweiter Ehe die Volksschullehrerin Klara HARPRATH, die er seit 1923 aus der rheinländischen Theater­szene kannte. Im April 1941 kam ein Sohn zur Welt.

In Vorträgen nach dem Krieg sprach die Witwe, die in der DDR als Lehrerin und Pädagogik-Dozentin tätig war, von den zwei Jahrzehnten, die sie „mit ihm in enger Verbundenheit verbringen und erleben durfte, als seine Mitarbeiterin, als seine Kameradin, als Genossin, als Kampfgefährtin und später auch als seine Frau".

Ab 1941 versuchte Schürmann-Horster sich in die Provinz abzusetzen, wobei er sich nicht als Schau­spieler, sondern als Spielleiter für klassische Stücke bewarb. Zugleich verschickte er Schriftsätze über seine Theaterkonzeption an mehrere Reichsbehörden, die mit Theater zu tun hatten. Darin kritisierte er Pathos, Idealisierung des Heroischen, Übersteigerung des Abgründigen in den Aufführungen der Klassiker und schlug eine experimentelle Studiotruppe zur Neuentdeckung der Klassiker vor. Ihm ging es um die sozialen Konflikte, die Aktualisierung historischer Konflikte, die gesellschaftliche Wirkung des Theaters, weniger um die individuelle Charakteristik oder die Psychologisierung. Die Resonanz war gering.

Im November 1941 erhielt Schürmann-Horster etwas überraschend am Grenzlandtheater Konstanz eine Stelle als Dramaturg und Werbeleiter, sicher im Zusammenhang mit dem Intendantenwechsel im Sommer 1941. Das Theater stand zu diesem Zeitpunkt kriegsbedingt vor der Schließung; Intendant Reinhold Singe war nach Cottbus gegangen; und es waren fast keine männlichen Schauspieler mehr da. Doch Konstanz galt als Sonderfall wegen der Nähe zur Schweiz, wegen der „allgemein deutschen Aufgaben" sollte weitergespielt werden. Der neue Intendant Fritz Becker von der Badischen Landesbühne Karlsruhe brachte auch neue Schauspieler mit. Etwas herablas-


send erklärte Schürmann-Horster, er habe trotz künstlerischer Bedenken zugesagt, weil wegen der vielen Einberufungen jeder gebraucht werde. Die Verhandlungen zogen sich bis Mitte Oktober hin, ab 2. November 1941 war er in Konstanz tätig. Er wohnte im Bahnhofshotel, damals in der Bahnhof­straße 4, und bezahlte 5 RM täglich für Kost und Logis. Sein Gehalt betrug anfangs 300 RM, später 350 RM, ab Herbst 1942 450 RM. Der neue Intendant erhielt das Dreifache.

Über die Aufgaben Schürmann-Horsters sind wir durch die Stellenbeschreibung genau informiert, als für ihn ein Nachfolger gesucht werden sollte. Im Bereich Dramaturgie war er zuständig für die Prüfung eingehender Verlagswerke, die Unter­breitung von Spielplanvorschlägen und Pressetex­ten, die Gestaltung der Programmhefte, das Archiv und insbesondere die Reiseleitung bei auswärtigen Gastspielen. Im Bereich Werbeleitung ging es um die Ausarbeitung der Wochenspielpläne und des Bilder­werbedienstes, bei der Organisation um Verhand­lungen mit der Freizeitorganisation KdF („Kraft durch Freude" in der Deutschen Arbeitsfront) und mit anderen Besucherorganisationen, um die Bear­beitung von Bewerbungen und die allgemeine Kor­respondenz für den künstlerischen Betrieb. Gespielt hat er selber nicht, politisch aktiv war er auch nicht, er scheint sich in Konstanz aber sicher gefühlt zu haben. Im Scherz musste er sich allerdings als „Kulturbolschewik" bezeichnen lassen, d. h. von seiner Geisteshaltung oder seinen früheren Aktivitäten muss einiges nach Konstanz durchgesickert sein. Der verspätete Start mit dem neuen Intendanten im Oktober 1941 dürfte sehr improvisiert gewesen sein. Zwischen dem, was angekündigt wurde, und dem, was dann tatsächlich gespielt wurde, bestehen große Unterschiede.

Das Grenzlandtheater war damals ein Dreisparten­theater mit Oper und Operette, Ballett, Schauspiel und Komödie und gab fast täglich Gastspiele zwischen Singen und Lindau. Es fehlte vor allem an männlichen Schauspielern;

Die Konstanzer Bodensee-Rundschau hat deren Probleme einmal so dargestellt: Der Schauspieler, der an einem Abend den Prinzen von Homburg verkörperte, musste am nächsten Abend einen Frosch in der „Fledermaus" spielen, am folgenden Tag in einem Lustspiel mitwirken, dann eine komische Figur in einer Operette mimen und am folgenden Tag im Opernchor von „Rigoletto" mitsingen.

Schürmann-Horster schrieb sogar am 15. Mai 1942 in der Bodensee-Rundschau einen großen Artikel über seine Vorstellungen von der Aufführung der deutschen Klassiker, in diesem Fall „Wallenstein", nämlich statt schicksalhafter Tragik die Betonung der Rolle des menschlichen Bewusstseins und der Probleme der menschlichen Gesellschaft. Und er leistete sich einen Konflikt mit der Organisation KdF, die mit seinem Angebot nicht zufrieden war und ihm „berliner-jüdisches Geschäftsgebaren" vorhielt. Man warf ihm vor, für die Organisation KdF nur „abgespielte" Stücke anzubieten, die schon 25 Mal gespielt worden seien. Der Intendant stellte sich voll hinter ihn, übertrug ihm auch noch die Reiseleitung für die zahlreichen Gastspiele in der ganzen Region und sorgte für eine Gehaltserhöhung. Um die männlichen Schauspieler vor Einberufungen zu schützen, organisierte Schürmann-Horster im Sommer 1942 nach Beendigung der Theatersaison mit Erfolg eine zusätzliche Sommer­saison. Fast täglich spielte das Theater gleichzeitig in Lindau und Konstanz, im Wechsel am einen Ort Theater, am anderen Ort Oper oder Operette. Diese Sommeraktion war auch ein finanzieller Erfolg.

Schürmann-Horsters bester Freund, der Bühnenbild­ner Harald QUEDENFELDT, in dessen Familie er wie ein Pflegesohn aufgenommen worden war, kam Weih­nachten 1941 zu Besuch nach Konstanz und lieferte das Bühnenbild für die Operette „Die Fledermaus". Er hat den Krieg ebenfalls nicht überlebt. Nach dem Tod Schürmann-Horsters versuchte er unterzutauchen, wurde aber im Rheinland verhaftet und kam am 21. November 1944 in der Arrestzelle von Neuwied unter ungeklärten Umständen zu Tode.


In Konstanz wurden nur wenige „Blut-und-Boden-Stücke" aufgeführt. Für die Spielzeit 1942/43 war neben Klassikern wie „Die Räuber", „Torquato Tasso" und „Emilia Galotti" ein Schwerpunkt mit modernen Dramatikern geplant. Vorgesehen waren „Claudia Colonna" von Wilhelm von Scholz, die Uraufführung „Iwan IV." von Felix Kügele, „Der Jude von Malta" von Otto zur Leppen und „Mensch, aus Erde gemacht" von Friedrich Griese. Letzterer ist dem völkischen Spektrum zuzurechnen; dieses Stück wurde 1933 auch in Berlin mit Heinrich George gespielt. Diese Ankündigung in der Bodensee-Rundschau vom 9. Juli 1942 wurde in der Vorschau vom 26. September wiederholt. Doch was dann ausweislich der Rezensionen in der Zeitung tatsächlich gespielt wurde, sind teilweise andere Stücke, was auch die Probleme eines regulären Spielbetriebs im Krieg verdeutlicht. Im gedruckten Programmheft für die Saison 1942/43 ist Schür­mann-Horster als Dramaturg und Propagandaleiter aufgeführt.

Doch beginnen musste die Herbstsaison 1942 am 3. Oktober, dem 75. Geburtstag des Thurgauer Bauerndichters Alfred Huggenberger, mit einer Uraufführung von dessen Komödie „Heinrichs Braut­fahrt". Am gleichen Tag bekam Huggenberger im Konzil durch die Freiburger Universität den Erwin-von-Steinbach-Preis „zur Förderung der geistig-schöpferischen Kräfte im alemannischen Stammes­bereich" verliehen. Zu seinem 70. Geburtstag hatte Huggenberger 1937 bereits den Johann-Peter-Hebel-Preis erhalten. Die letzte Eintragung in Schürmann-Horsters Theaterkalender von 1942 lautet am 1. November: „Wilhelm von Scholz „Claudia Colonna"".

In Berlin lief die Verhaftungswelle gegen die Mitglieder der „Roten Kapelle" Ende August 1942 an. Über 100 Personen wurden nach und nach fest­genommen. In der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober wurde Schürmann-Horster bei der Rückkehr des Theaterschiffes von einer Vorstellung aus Überlingen verhaftet und kurz darauf nach Berlin gebracht.

Die Ermittlungen gegen seine Gruppe waren bereits im Oktober vom Reichssicherheitshauptamt an die Staatspolizeileitstelle Berlin abgegeben worden. Die in Konstanz beschlagnahmten Bücher und Schriften ergaben nichts Nachteiliges; die in der Berliner Wohnung seiner Frau gefundenen marxistischen Schriften gehörten ihr. In den Vernehmungen musste Schürmann-Horster die Bildung einer Dreiergruppe einräumen, bezeichnete sie aber als nicht ganz ernst gemeinten Fehler, der auch ohne weitere Folgen geblieben sei. Er bezeichnete sich selber nicht als Marxisten, sondern als Materialisten.

Im Sommer 1942 war Schürmann-Horster noch einmal in Berlin gewesen. Dort soll er geäußert haben, er wolle auf legalem Weg als Kulturbolschewist weiter­wirken, um den Leuten zu beweisen, dass sie von der Kunst nichts verstünden. Der Untersuchungsbericht der Berliner Gestapo war zum Jahresende abgeschlos­sen. Der Haftbefehi durch das Amtsgericht Berlin wurde erst am 18. Januar 1943 ausgestellt, an diesem Tag wurde Schürmann-Horster in das Strafgefängnis Berlin-Plötzensee überführt. Das Gehalt wurde ab November 1942 zunächst nicht mehr ausbezahit. Der Intendant ging am Jahresende davon aus, dass Schürmann-Horster nie wieder nach Konstanz kommen werde. Gegenüber der Stadtverwaltung äußerte Becker, dass der Ausfall Schürmann-Horsters „sich sehr nachteilig für den Betrieb bemerkbar" mache. Zum 1. Februar 1943 wurde eine fristlose Kündigung ausgesprochen. Schürmann-Horster muss sich im Frühjahr 1943 noch Hoffnungen gemacht haben, glimpflich davonzukommen, denn er widersprach der vom Konstanzer Theater ausgesprochenen Kündigung und weigerte sich im Gefängnis, die aus Konstanz geschickten Arbeitspapiere entgegenzunehmen. Bei der ersten Sprecherlaubnis flüsterte er seiner Frau zu: ,,Macht ihr anderen es besser als ich." Und Anfang Januar 1943 sprach er in einem Brief noch von der Front des Widerstandes: ,,Aber ich habe es vorgezogen, der Not gehorchend, in Gedanken bei Euch zu sein, für Euch mit an der Front mit allen meinen Sinnen zu stehen und aufrecht kämpfen zu dürfen und damit für uns und unsere Heimat."


Wegen des Vorwurfs der Spionage für die Sowjetunion und wegen der Beteiligung von Wehr­machtsangehörigen wurden die meisten Mitglieder der „Roten Kapelle" vor dem Reichskriegsgericht abgeurteilt, wobei über fünfzig Todesureile verhängt wurden. Die ersten Hinrichtungen wurden Ende 1942 vollzogen. Dagegen folgte der Prozess gegen die Gruppe Schürmann-Horster erst am 20. und 21. August 1943 vor dem 2. Senat des Volksgerichts­hofs. Die Anklagepunkte lauteten auf Hochverrat, Verbreitung von illegalen Schriften und Begünsti­gung des Feindes. Außer Schürmann-Horster waren wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt: ein Architekt, ein kaufmännischer Angestellter, drei Arbeiter, zwei Stenotypistinnen, eine Bildhauerin, eine Tänzerin und ein Sprachleiter. Schürmann-Horster hatte einen Wahlverteidiger, der aber in dieser Prozesswelle nichts ausrichten konnte. Gegen die elf Angeklagten gab es folgende Urteile: drei Todesurteile, dreimal acht Jahre Zuchthaus, zweimal vier Jahre, einmal zwei Jahre, einmal ein Jahr und einen Freispruch.

In der Begründung des Todesurteils für Schürmann-Horster heißt es: „Bei den Besprechungen [...] war der Angeklagte der eifrige und geistig überlegene Wortführer und blieb es auch, als einige Zeit vor Kriegsausbruch nicht mehr allein künstlerische und andere kulturelle Fragen, sondern mehr und mehr Fragen der deutschen Außen- und Innenpolitik und später auch des Kriegsgeschehens zum Gegen­stand der Diskussionen gemacht wurden. Entsprechend der politischen Einstellung der Teil­nehmer wurden die Unterhaltungen unter der Leitung des Angeklagten im kommunistisch-marxis­tischen Sinne geführt. [...] Es war in der Haupt­sache die Schulungstätigkeit, durch die Schürmann dieTeilnehmer auf die illegale Arbeit vorbereitet und die hochverräterischen Ziele der illegalen KPD gefördert hat."

Zur Strafzumessung führte das Gericht aus: „Schürmann ist der typische kommunistische Schulungsleiter gewesen, er hat seine Zuhörer

geistig beherrscht, in der kommunistischen Betrach­tungsweise vertieft und sie für die praktische Ver­schwörerarbeit unablässig vorbereitet. Er ist darüber hinaus auch bereit gewesen, die Folgerungen aus seiner Tätigkeit zu ziehen, indem er den Dreierkopf eingesetzt hat und weitere Anordnungen für die illegale Arbeit gegeben hat. [...] Sein Wirken ist für die innere Geschlossenheit und Widerstandskraft des deutschen Volkes, die zur Erringung des Sieges und Erhaltung der Existenz der Gesamtheit im Kriege unangetastet bleiben müssen, besonders gefährlich gewesen. Dass er hernach von der weiteren Durch­führung der praktischen illegalen Arbeit abgelassen hat, kann die besonders schädliche Wirkung seiner lange Zeit hindurch ausgeübten geistigen Einfluß­nahme auf seine Zuhörer nicht mindern."

Nach der Verurteilung wurde Schürmann-Horster in eine Zelle zusammen mit dem Schauspieler Olaf Barutzki gelegt, der nach dem Krieg in der DDR als Rundfunkregisseur wirkte. Über seine Haftzeit hat dieser ein Buch geschrieben, das auch ein Kapitel zu Schürmann-Horster enthält. Er beschreibt seinen neuen Mithäftling so: „hager, sehr blass, eine hohe Stirn unter dem welligen, dunkeiblonden Haarschopf. Die schmalen Lippen und die Falten von den Nasenflügeln zum Mund zeugen von Energie. Sein Blick wirkt durch­schauend, die Dinge durchdringend, wissend auf eine ganz besondere Art. Er ist ein ausgesprochen geistiger Typ, mit unwahrscheinlicher Ausstrahlung." Die Gespräche über die Konstanzer Zeit gibt Barutzki so wieder, dass Schürmann-Horster nach Beginn der Verhaftungen in Berlin telefonisch gewarnt worden sei. Er habe einen Grenzschein im Kleinen Grenzverkehr besessen, da das Grenzland­theater auch in der Schweiz gespielt habe, so dass er sich elgentlich in die Schweiz hätte absetzen können. Es trifft aber nicht zu, dass das Konstanzer Theater im Krieg in der Schweiz gespielt hat. Und es ist sehr fraglich, ob die Schweiz in den Jahren 1941/42 einen kommunistischen Schauspieler als politischen Flüchtling aufgenommen hätte. Schürmann-Horster erklärte Barutzki, er habe die Gefahr unterschätzt, weil seine illegaleTatigkeit in Berlin noch in die Zeit vor dem deutschen Überfall auf die Sowjet­union stattgefunden habe.


Beim Reichsjustizministerium gingen zahlreiche Gna­dengesuche ein, und normalerweise verging zwischen Urteil und Vollstreckung noch eine beträchtliche Zeit. Ein Gesuch kam von einem seiner Brüder, dem Ingenieur Fritz Schürmann, der politisch offensichtlich auf der anderen Seite stand, weil er anführte, dass er als Student beim Hitlerputsch von 1923 Waffen transportiert habe. Am 30. August erhielt Schürmann-Horster noch einmal Besuch von Angehörigen und seinem Freund Harald QUEDENFELDT. Dieser berichtete: „Schürmann ist sehr gefaßt und ruhig. Er sagte uns, das Ganze sei ihm völlig unwirklich und ginge vorerst gar nicht in sein Bewußtsein ein." Am 31. August schrieb er noch einen Abschiedsbrief an Angehörige und Freunde. Danach hatte er noch in der Unter­suchungshaft „eine größere Anzahl literarischer Arbeiten angefertigt, die sich zur schriftlichen Nie­derlegung verdichteten und in Heim-Träumerei und Zukunftspläne verwandelten".

Man muss wohl davon ausgehen, dass in diesem Falle die Gnadengesuche gar nicht mehr zur Kennt­nis genommen wurden. Die Strafanstalt Plötzensee war nämlich am 3. Sep­tember 1943 durch einen Luftangriff beschädigt worden. Einige Häftlinge konnten flüchten, und die Guillotine funktionierte nicht mehr. Im Berliner Justizapparat brach eine ge­wisse Panik aus, und so wurden zwischen dem 7. und 10. September in einer Massenhinrichtung an die 300 Häftlinge hingerichtet. Möglich war dies mit der Tötungsmaschinerie eines langen Galgens, mit dem man jeweils acht Häftlinge im Drei-Minuten-Abstand erhängen konnte. Schürmann-Horster wurde am 9.September um 20 Uhr hingerichtet.

Barutzki hat ein langes Gedicht „Septembermord. Plöt­zensee 1943 in memoriam Willy Schürmann-Horster" verfasst. Der Gefängnispfarrer von Plötzensee, Harald Poelchau, der über seine schrecklichen Erfahrungen im Krieg ein Buch ge­schrieben hat, schrieb der Witwe im August i946, dass er sich gut an Schürmann-Horster erinnern könne, da er ihn häufig besucht habe. „Ich habe mich gefreut, wie energisch und tapfer er diese Monate ertrug und wie er mit dem Bewußtsein starb, für eine ernsthafte und richtige Sache hingerichtet zu werden." Zum Zeitpunkt dieser Justizmorde in Berlin gestaltete der gefeierte NS-Lyriker Gerhard SCHUMANN (Reichskultursenator, SA-Oberführer, Chefdramaturg am Württembergischen Staatstheater) im Konstanzer Stadttheater eine Morgenfeier der HJ mit einer Lesung aus seinen Werken. Ende September wurde sein völkisches Drama „Gudruns Tod" in Konstanz aufgeführt.

Schürmann-Horster ­war kein Wderstandskämpfer im Sinne von aktiven Widerstandshandlungen, sondern ein intellektueller Gegner des Dritten Reiches, der seit seiner Jugendzeit konsequent seine Überzeugungen auf der Bühne, in Vorträgen und in Diskussionszirkeln vertreten hat. Man kann ihn als einen exemplarischen Fall sehen, wie jemand wegen seiner Überzeugungen in die Fänge des NS-Machtapparates gerät und schließlich einem Justizmord zum Opfer fällt.

Quellen und Literatur:

Bundesarchiv Berlin, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Sammlungen Nazijustiz, Rote Kapelle und Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Akademie der Künste Berlin, Archiv Darstellende Kunst, Nachlass Schürmann-Horster. Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin, Dokumentation Rote Kapelle. Stadtarchiv Konstanz. Akten Stadttheater.

Privatarchiv Veit Schürmann, Fürstenwalde.

Coppi, Hans (Hg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Berlin t994,

Helmich, Hans-Joachim: „Willy Schürmann-Horster: Schauspieler und Dramaturg im Widerstand gegen das Nazi-Regime", in: Spuren und Wege. Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, Düsseldorf 1997, S. 70 —84,

Moser, Arnulf: „Wilhelm Schürmann-Horster (1900 —1943) — ein politischer Schauspieler als Opfer des Nationalsozialismus", in: Schriften des Vereins für die Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung (125) 2007, S.141—152

Seelbach, Susanne: „TheaterHeute im Widerstand,Willy Schürmann-Horster und Harald Quedenfeldt", in: Cepl-Kaufmann, Gertrude (Hg.): Bilanz Düsseldorf 45. Kultur and Gesellschaft von 1933 bis in die Nachkriegszeit. Düsseldorf 1992, S.145 —157.