Stolpersteine Konstanz

Bruno Wihelm SCHLEGEL   1904  -  1972

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Bruno Wihelm SCHLEGEL   1904  -  1972

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Bruno Wihelm SCHLEGEL   1904  -  1972

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geb. 11.02.1904, Düsseldorf

IM WIDERSTAND

VERHAFTET 1938

ZUCHTHAUS LUDWIGSBURG
ENTLASSEN 1941

ÜBERLEBT

haus_döbelestr_4Döbelestr. 4  heute
(2007)

stein_SCHLEGEL_brunoStolperstein für
Bruno Wilhelm SCHLEGEL
verlegt am 27.06.2014

 

foto_SCHLEGELBruno
Bruno Wilhelm SCHLEGEL
Mitte der 1950er Jahre

 

Bruno Wilhelm Schlegel wurde am 11.02.1904 in Düsseldorf geboren. Nach dem Besuch der Volksschule arbeitete er zunächst ein Jahr lang in Pommern in der Landwirtschaft. 1919 kehrte er nach Düsseldorf zurück und machte hier eine Schreinerlehre. Anschließend war er in Düsseldorf in verschiedenen Schreinereien tätig. Während der Weltwirtschaftskrise 1928 war er arbeitslos.

Im Frühjahr 1929 bewarb er sich auf ein Inserat in einer Fachzeitschrift, in der die Möbelschreinerei Jonasch in Kreuzlingen/Schweiz einen Schreiner suchte. Bruno Wilhelm Schlegel bekam die Stelle und nahm sich eine Wohnung in Konstanz. Jeden Tag fuhr er zur Arbeit nach Kreuzlingen – als „Grenzgänger“, wie so viele Konstanzer damals.

Im Juni 1929 heiratete er Hubertine Katharina Klein, die ihm aus Düsseldorf nachgefolgt war. Das Ehepaar hatte einen Sohn.

Schlegel war in keiner politischen Partei, stand aber sozialdemokratischem Gedankengut nahe. In Düssel­dorf war er Mitglied des Arbeiter-Schwimmvereins, in Konstanz des Arbeiter-Radfahrvereins. In Kreuzlingen war er im Schweizer Bau- und Holzarbeiterverband, Sektion Kreuzlingen, organisiert. Daneben war Bruno Wilhelm Schlegel Mitglied der NSV, der Nationalsozia­listischen Volkswohlfahrt, einer Massenorganisation von ca. 11 Millionen Mitgliedern, die unter anderem das Winterhilfswerk und die Kinderlandverschickung  organisierte.

In der Möbelschreinerei Jonasch arbeiteten außer ihm noch etliche deutsche Schreiner, so zum Beispiel Karl Durst und Josef Anselm, beide Grenzgänger wie er, und der in Kreuzlingen wohnende deutsche Schreiner Andreas Fleig und dessen Sohn. Alle drei standen der SPD bzw. der Gewerkschaftsbewegung nahe, die nach 1933 von den Nazis verboten worden waren. Über Andreas Fleig lernte Bruno Schlegel auch den Schweizer Metallarbeiter Ernst Bärtschi kennen, der viele politisch verfolgte Sozialdemokraten illegal über die Grenze in die Schweiz brachte. Diese Männer, alle entschiedene Gegner der NS-Ideologie, schmuggelten seit 1933 illegale Broschüren, die in St. Gallen gedruckt wurden, über die Grenze nach Konstanz. Neben diesen Broschüren brachten die Männer auch Informationsmaterial von SPD-Genossen, die politisches Asyl in St. Gallen gefunden hatten, über die Grenze.

Mit Hilfe eines Lockspitzels, des Gewerkschafters Hans Lutz aus Frankfurt, der unter der Folter die Namen der im Grenzgebiet operierenden Männer verriet und für seine demokratische Gesinnung zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, wurde Bruno Wilhelm Schlegel von der Gestapo am 10.05.1938 in Konstanz in seiner Wohnung in der Döbelestraße 4 verhaftet.

Im selben Haus wohnte auch der jüdische Rechts­anwalt Moritz BLOCH, der in der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 schwer misshandelt wurde; ihm glückte im Februar 1939 die Ausreise über Kreuzlingen nach Sao Paulo/Brasilien, wo er schon 1946 starb.

 

Der Prozess gegen Bruno Wilhelm Schlegel fand am 05.05.1939 vor dem Oberlandesgericht Stuttgart statt. Mitangeklagt waren Pauline Gutjahr und Josef Anselm. Die Anklage warf den dreien vor, „hauptsächlich in Konstanz (Baden) und Kreuzlingen (Schweiz), durch Betätigung für die illegale SPD … die Verfassung des Reichs zu ändern, wobei ihre Tat darauf gerichtet war, zur Vorbereitung des Hochverrats einen organisatorischen Zusammenhalt herzustellen und aufrecht zu halten und durch Verbreitung von Schriften die Massen zu beeinflussen…“ Konkret wurde Schlegel vorge­worfen, dass er jährlich mehrere Briefe politischen Inhalts von Durst oder Fleig als Grenzgänger nach Konstanz geschmuggelt und hier in den Briefkasten geworfen habe. Er sei auch darüber  informiert gewesen, dass Ernst Bärtschi politische Flüchtlinge mit seinem Boot über den See oder mittels schweizerischer Passierscheine auf dem Landweg in die Schweiz gebracht habe. Auch habe er seine Adresse in Konstanz als Deckadresse für politisch illegale Post zur Verfügung gestellt. Es hat allerdings den Anschein, als habe Schlegel immer wieder von Durst, Fleig oder Bärtschi überredet werden müssen, bei den illegalen Aktionen mitzumachen. Schlegel wurde zu 3 Jahren und 4 Monaten Zuchthaus verurteilt. Die beiden Mitangeklagten, Pauline Gutjahr und Josef Anselm, erhielten 4 bzw. 3 Jahre Zuchthaus.

Bruno Schlegel kam in das Zuchthaus Ludwigsburg, wo viele politische Häftlinge inhaftiert waren. Wegen guter Führung wurde er im Oktober 1941 vorzeitig entlassen.

1942 wurde er zunächst zur „Organisation Todt“ zwangsverpflichtet, ehe er 1943 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Er war Soldat in Frankreich, Griechenland und zuletzt auf der Kanalinsel Jersey, wo er in amerikanische  Kriegsgefangenschaft geriet.

1945 kam er frei und kehrte nach Konstanz zurück. Seit 1947 arbeitete er wieder in der Möbel­schreinerei Jonasch in Kreuzlingen.

 

Am 11.06.1972 starb Bruno Wilhelm Schlegel nach längerer Krankheit.

 

 

 

 

 

 

 

Recherche: Uwe Brügmann

Patenschaft: Berthold Schlegel

Quellen:

Staatsarchiv Freiburg, F 196/1, 712, Anklageschrift (ohne Urteil) vom OLG Stuttgart vom 28.2.1939 gegen Josef Anselm, Pauline Gutjahr und Bruno Schlegel

Auskünfte von Berthold Schlegel, Sohn von Bruno Wilhelm Schlegel

ITS Arolsen

Staatsarchiv Ludwigsburg, Urteil gegen Anselm, Gutjahr und Schlegel in der Akte mit der Signatur E 356 d V Bü 2463-2464.