Stolpersteine Konstanz

Trudy ROTHSCHILD,  Jg. 1923

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Trudy ROTHSCHILD,  Jg. 1923

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Trudy ROTHSCHILD,  Jg. 1923

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geb. 14.05.1923, in Konstanz

DEPORTIERT 1940

GURS

FLUCHT 1942

USA

ÜBERLEBT

 

Bild kleiner: anklickenTurnierstr. 15
heute (Sept. 2013)

stein_ROTHSCHILD_TrudyStolperstein für Trudy ROTHSCHILD
verlegt am 09.09.2013

Mutter: Klara ROTHSCHILD

foto_rothschild_trudy
Trudy ROTHSCHILD

Trudy Rothschild wird am 14.05.1923 als Tochter von Iwan Rothschild und Klara Rothschild, geb. Wertheimer, in Konstanz geboren. Trudele, wie sie als kleines Mädchen genannt wurde, verlor ihren Vater im Alter von 6 Jahren. Ihre frühe Kindheit verbrachte sie in der Bodanstraße 30, um 1935 zieht die Mutter mit der 12jährigen Tochter in die Turnierstraße 15 in eine, wie sie später berichtete, „schöne Wohnung" im 1. Stock.

Nach der Volksschule besuchte Trudy die Luisen­schule (höhere Mädchenschule), das heutige Ellenrieder-Gymnasium. In einem Interview, das Erhard Roy Wiehn 1986 mit ihr führte, berichtete sie über ihre Erfahrungen in der Schule:

"Ich habe sehr schlechte Erinnerungen, sehr schlechte Erinnerungen: ich war die einzige Jüdin im heutigen Ellenrieder-Gymnasium und habe sehr viel gelitten. Niemand wollte etwas mit mir zu tun haben (...) also 1935 (hat das angefangen) sagen wir mal: Einmal haben wir Geschichte gehabt, das Fach Geschichte und da war eine Lehrerin, die hat Gutschmidt geheißen, hat sie angefangen: "Diese Saujuden...", und was die machen sollen in Palästina! Da bin ich raus aus der Klasse und hab angefangen zu weinen, bin zu meiner Mutter und habe gesagt: 'ich geh nicht mehr in diese Klasse!'- Sagt sie:"Waaas?!"- Aber sie konnte es verstehen, ist dann zum Direktor gegangen und hat ihm gesagt "Mein Mann hat (im ersten Weltkrieg) freiwillig für Deutschland gekämpft, hat das Eiserne Kreuz bekommen!"- Das war der einzige Grund, warum ich in der Schule bleiben konnte. - "Und das muss meine Tochter jetzt mitmachen? Ich nehm' sie raus aus der Schule!" - Sagt er: "Nehmen Sie Ihre Tochter nicht heraus", - er war zufällig noch anständig-, "denn eine gute Schulbildung kann man nicht kaufen!"- Dann bin ich weiter in die Schule gegangen, aber nicht in Geschichte, ich hab einfach das Fach nicht mehr genommen, weil das Zeugnis, das sie mir ausgestellt haben, war sowieso extra miserabel! Wir haben eine Lehrerin gehabt, die hat Lehman geheißen, eine Turnlehrerin: Zuvor war sie noch anständig, aber nachher ist sie sooo ein Nazi geworden! Da hat sie uns Schwimmen gelernt und wollte, man sollte hoch vom Sprungbrett runterspringen, ich hab etwas Angst gehabt: Hat sie mir einen Stoß gegeben und hat mich reingeworfen! Hat sie ins Zeugnis geschrieben: "Die Jüdin Gertrud war zu feige ins Wasser zu springen!"- Unter diesen Zuständen musste ich in die Schule gehen, bis ich dann 1938 rausgeworfen wurde, '38 haben sie mich rausgeworfen"

Nachdem Trudy 1938 im Alter von 15 Jahren vom weiteren Schulbesuch ausgeschlossen wurde, besuchte sie Nähkurse im Kloster Zoffingen, doch auch dort erlebte sie den oft fanatischen Antisemitismus gleichaltriger Jugendlicher.

Im September 1939 wurde sie aufgrund des „Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden" mit ihrer Mutter gezwungen, die Wohnung in der Turnier­straße zu verlassen, um zur Untermiete zu Alfred Spiegel in die Erdgeschosswohnung in der Robert-Wagner-Straße 44 (heute Obere Laube) zu ziehen. Zu diesem Zeitpunkt waren Ausreisevisa für Amerika bereits beantragt, doch aufgrund der hohen Vormerknummer durfte die Familie nicht mit einer baldigen Ausreise rechnen. So wurde die 17jährige Trudy am 22.10.1940 gemeinsam mit ihrer Mutter und weiteren 108 Juden aus Konstanz nach , Südfrankreich deportiert. Unter den Konstanzern wurden außer Trudy noch zwei Kinder, Ruth ALEXANDER (3) und Paula GOLDLUST (12) und ein Jugendlicher Leo GOLDLUST (16) deportiert.

Kurz nach ihrer Ankunft in Gurs hat Trudy Rothschild in einem Aufsatz über diese Deportation eindrücklich berichtet.

„Am 22. Oktober brach es herein das große Unglück der badischen und pfälzischen Juden. Morgens um 8 Uhr, ich lag ahnungslos im Bett, läutete es, und herein traten 4 Kriminalpolizisten. Auf das Weitere war ich gespannt, doch ich erfuhr es noch früh genug. Mein Atem stockte, als ich vernahm, daß wir von Haus und Hof verjagt werden. Mein erster Gedanke war, der Allmächtige wird uns weiterhelfen.

In einer halben Stunde, so hieß es, müssen wir reisefertig sein, pro Person darf man zwei Handkoffer mitnehmen. Ich packte rasch, so gut ich es in diesem Augenblick konnte, unsere Sachen. Nach einer halben Stunde, die ich nie vergessen werde, waren wir zum Abmarsch bereit. Nun wurden wir in ein Kriminalauto verladen, und weiter ging es zu unseren nächsten Glaubensgenossen. Eine Stunde später waren alle Juden von Konstanz im Peters­hauser Güterbahnhof versammelt. Auch diejenigen, welche ihr Judentum längst vergessen hatten, mußten in diesen schweren Stunden zurück zu ihrer Religion. Wir wußten alle nicht, wohin uns das Schicksal schlug, aber daß uns nichts Gutes bevorstand, war sicher.

Alte, Junge, Kranke und Gesunde waren beisammen und warteten von morgens bis nachmittags mit Ungeduld auf die Weiterbeförderung. Um 5 Uhr wurden wir in einen großen franz. Zug verladen. 7 Personen waren in einem Coupé. Die Bänke waren furchtbar schmutzig und die Toilette ohne Wasser und beinahe nicht zu benutzen. Da hatten wir aber noch keine Ahnung von dem, was uns bevorstand. (…) am 24. Abends nach Oloron St. Marie. Der Zug blieb da stehen und wir übernachteten noch einmal darin. Am 25. morgens um 8 Uhr wurden wir ausgeladen. Wir wußten immer noch nicht, wohin es ging. Es schüttete in Strömen. Wir wurden auf offene Lastautos geladen und fuhren etwa 20 Minuten weiter. Es war eine richtige Todesfahrt. Ein Auto um das andere gesteckt voll mit armen, verstoßenen Menschen, fuhr hinein in das berühmt gewordene Camp de Gurs. (…) Hinter Stacheldraht wurden wir geführt. Der Boden lehmig, so daß man bis an die Knöchel einsank. Dann sah man nur Baracken, ganz ganz schlecht gebaut, nur aus Holz, mit lauter Lücken. Wir traten hinein in eine dieser Hütten. Mein Herz begann zu schreien. Hier sollen wir bleiben, nein, sagte ich, da halte ich es keinen Tag aus. (…)"

Im Lager Gurs kümmerte sich Trudy um ihre Mutter, die kurz nach der Ankunft im Lager schwer an Typhus erkrankte. Beide Frauen hatten die Hoffnung auf eine Ausreise aus dem Lager schon fast aufgegeben, als sie im März 1942 als zwei der letzten und wenigen jüdischen Internierten das Einreisevisum für die USA erhielten und am 05.03.1942 über Marseille nach Casablanca und New York eingeschifft wurden. Trudy blieb mit ihrer Mutter in New York, wo sie am 23.10.1946 heiratete.

 

 

 

 

Recherche:
Petra Quintini
mit Unterstützung der Schülerinnen:
Regula Amer, Franka Kenda, Gaia Quintini,
Johanna Schlegel, Pia Spitzhüttl und Christine Ullmann
 
Patenschaft: Ellenrieder Gymnasium Konstanz

Quellen:

Stadtarchiv Konstanz, Einwohnermeldekartei

Stadtarchiv Konstanz, Adressbücher der Stadt Konstanz

Bildmaterial Privatbesitz Y.A.

E. R. Wiehn (Hg.): Oktoberdeportation 1940 – Die sogenannte ‚Abschiebung‘ der badischen und saarpfälzischen Juden in das französische Internierungslager Gurs und andere Vorstationen von Auschwitz. 50 Jahre danach zum Gedenken. Konstanz, Hartung Gorre Velag, 1990

E. R. Wiehn (Hg.): Jüdische Rückblicke auf die deutsch-schweizerische Grenzregion am Bodensee im 20. Jahrhundert. Gespräche in Israel, Konstanz und Kreuzlingen. Hartung Gorre Velag, Konstanz, 2012

Erhard Roy Wiehn (Hg.): Jüdische Gemeinde Kreuzlingen - 70 Jahre - Geschichte, Erinnerungen, Dokumente 1939-2009. Hartung Gorre Verlag 2009, 208  S.