Stolpersteine Konstanz

Rede zur Stolperstein-Verlegung für Berta Maurer am 14. Juli 2010
Hans-Dieter Schmidt, Konstanz

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Rede zur Stolperstein-Verlegung für Berta Maurer am 14. Juli 2010
Hans-Dieter Schmidt, Konstanz

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Rede zur Stolperstein-Verlegung für Berta Maurer am 14. Juli 2010
Hans-Dieter Schmidt, Konstanz

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Berta Maurer wurde am 9. November 1895 in Konstanz als Tochter eines Kapitäns geboren. Sie besuchte die Volksschule und die Schule Zoffingen und machte eine Lehre als Näherin. Im Jahre 1924 heiratete sie den Lokomotivführer Hermann Maurer, der drei Kinder in die Ehe mitbrachte.

Ab 1923 beschäftigte sie sich mit der Lehre der Zeugen Jehovas, damals 'Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher' genannt, trat im gleichen Jahr aus der katholischen Kirche aus und ließ sich taufen. Die Konstanzer Gruppe der Zeugen Jehovas bestand seit 1921 mit anfänglich 15 Personen. Sie fuhr nach Berlin zu einem Kongress im Sportpalast, wo Sie den damaligen Präsidenten der Zeugen Jehovas Joseph Franklin Rutherford erlebte.

Nach dem Verbot der Zeugen Jehovas in Baden am 15. Mai 1933 hielt sie sich zunächst zurück, doch ab Herbst 1934 wurde sie wieder aktiv. Ausschlaggebend war sicher der Internationale Kongress der Zeugen Jehovas in Basel vom 7. bis 9. September, auf dem Absprachen für illegale Treffen bzw. die Fortsetzung der Missionierung getroffen wurden und eine Protestnote gegen Hitler beschlossen wurde.

Am 7. Oktober fanden in Süddeutschland 'illegale' Versammlungen statt, und noch am gleichen Tag ging aus Deutschland und der ganzen Welt eine Flut von Protesttelegrammen mit gleich lautendem Text bei der Reichsregierung in Berlin ein. Auch Berta Maurer verschickte ein solches Telegramm - wie sie in ihren handschriftlichen Aufzeichnungen dokumen­tierte.
 
"Wir als Grenzstadtbewohner versammelten uns vorsichtshalber in der schweizerischen Nachbarstadt Kreuzlingen. Nach einem Gebet zu Jehova sandten auch wir der Hitlerregierung jenes telegrafische Protestschreiben mit der Erklärung 'DASS WIR WEITERHIN UM JEDEN PREIS GOTT SO DIENEN UND UNS VERSAMMELN WERDEN WIE ER ES GEBOTEN HAT'".

Ein überliefertes Telegramm hatte folgenden Inhalt:

'ADOLF HITLER REICHSKANZLER BERLIN

IHRE SCHLECHTE BEHANDLUNG DER ZEUGEN JEHOVAS EMPÖRT DIE GUTEN MENSCHEN UND ENTEHRT GOTTES NAMEN + HÖREN SIE AUF JEHOVAS ZEUGEN WEITER ZU VERFOLGEN SONST WIRD GOTT SIE UND IHRE NATIONALE PARTEI VERNICHTEN

JEHOVAS ZEUGEN' 

Am 2. September 1936 wurde sie von der Gestapo in Schutzhaft genommen, um zu verhindern, dass sie zu dem vom 4. bis 7. September in Luzern geplanten Mitteleuropäischen Kongress der Zeugen Jehovas fuhr. Dort wurde eine Resolution gegen das Naziregime verabschiedet, die die deutschen Mitglieder im Dezember in eine Flugblattaktion umsetzten, was letztlich zu einer Verhaftungswelle führte.

Am 5. Oktober wurde Berta Maurers Schutzhaft durch Untersuchungshaft im Konstanzer Gefängnis ersetzt. Das Sondergericht Mannheim verurteilte sie am 27. November 1936 zu zehn Monaten Gefängnis in der Strafanstalt Gotteszell.

Aufgrund eines Erlasses der Gestapo vom 22. April 1937 wurden Zeugen Jehovas nach Verbüßung der Gefängnisstrafe nicht auf freien Fuß gesetzt, sondern von der Gestapo erneut in Schutzhaft bzw. in ein KZ verbracht, was sogar zu Protesten der Justiz führte. Auch Berta Maurer blieb in den Händen der Gestapo. Zuvor hatte der katholische Gefängnisgeistliche versucht, sie zu einem schriftlichen Widerruf ihres Glaubens zu überreden. Die Gestapo brachte sie in das provisorische Frauen-KZ Moringen im Harz. Hier bildeten die Zeuginnen Jehovas die größte Häftlingsgruppe.

Von dort kam sie im Februar 1938 in das Frauen-KZ Lichtenburg bei Torgau (Sachsen). Hier gab es immer wieder Verhöre und Druck, den Glauben zu widerrufen. In ihren Erinnerungen erwähnte sie einen Vorfall, der sich am 1. Oktober abspielte. Die Zeuginnen Jehovas weigerten sich, im Hof eine Rede Hitlers im Zusammenhang mit dem deutschen Einmarsch in das Sudetenland anzuhören. Daraufhin wurden die Frauen mit kaltem Wasser aus Feuerwehrschläuchen die Treppen hinuntergetrieben und mussten durchnässt im Hof stehend über eine Stunde die Rede Hitlers anhören. Die Gestapo stellte im Oktober 1938 den Antrag, dass ihre Witwenrente gestrichen werde, weil „weder die Strafhaft noch die Schutzhaft eine Änderung ihrer Einstellung bewirkt" habe.

Im Mai 1939 wurde sie in das neu gegründete Frauen-KZ Ravensbrück verlegt, das sie mit aufbauen musste. Die Zeugen Jehovas, mit violettem Winkel gekennzeichnet und als 'Bibelwürmer' beschimpft, galten in den KZs als gutwillige Arbeitskräfte, die auch außerhalb der Lager eingesetzt werden konnten. Frauen wurden oft vom SS-Personal als Hausgehilfinnen, Gärtnerinnen, sogar als Kindermädchen eingesetzt.

Nur wenn sie sahen, dass ihre Arbeit direkt dem Kriegseinsatz diente, verweigerten Zeugen Jehovas die Arbeit und nahmen zusätzliche Strafen auf sich. Berta Maurer beschrieb in ihren Aufzeichnungen eine solche Aktion vom Dezember 1939. Sie weigerten sich, Beutel für die Soldaten zu nähen. Als Strafe mussten die 50 streikenden Näherinnen in den Arrestblock, die anderen 400 Zeuginnen Jehovas mehrere Tage in der Kälte auf dem Appellplatz stehen. Anschließend gab es noch Dunkelhaft.

Im Juni 1944 wurde Berta Maurer nach München zur Zentrale der SS-Organisation „Lebensborn" geschickt, der die Entbindungsanstalten für ledige Mütter unterstanden. Über die Kinder der "Herrenrasse" schrieb sie in ihren Erinnerungen: „Sie wiesen keinerlei Vorzüge auf."

Nach Kriegsende kehrte Berta Maurer nach Konstanz zurück. Insgesamt war sie über sieben Jahre in Haft und Konzentrationslagern. Sie war in der hiesigen Versammlung weiterhin als Zeugin Jehovas aktiv und besuchte Kongresse in Deutschland.

Sie starb 90jährig 1985.

Viele Zeugen Jehovas - darunter auch ich - erinnern sich an sie als eine glaubensstarke, unbeugsame, jedoch allen Menschen freundlich zugewandte Persönlichkeit.