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Melanie PICARD, geb. Guggenheim, 1885 – 1957

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1940 DEPORTIERT

1940/1941 GURS

1941/1942 MARSEILLE

ÜBERLEBT

SCHWEIZ/USA

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Schützenstr. 16 heute
(2018)

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Stolperstein für Melanie PICARD
verlegt am 9.7.2018
Foto: © Wolfram  Mikuteit

Sohn: Hans PICARD, Schwester: Anna WIELER, geb. Guggenheim

Melanie Picard wurde am 9.3.1885 in Konstanz als Tochter des aus Gailingen stammenden Salomon Guggenheim und seiner Frau Fanny, geb. Meyer, geboren. Mela, wie sie genannt wurde, wuchs mit ihren Geschwistern Ignaz, Anna und Hilda auf. Zeitlebens blieb ihr Schicksal eng mit dem ihrer Schwester Anna, verheiratete Wieler, die in der Schützenstraße 30 wohnte, verbunden.

 

1909 heiratete sie Ludwig Picard. Die Eheleute lebten in der Schützenstraße 16, wo Ludwig Picard eine Darm- und Gewürzgroßhandlung betrieb. Ein Jahr später kam ihr Sohn Hans zur Welt. Er blieb das einzige Kind. Mela wurde früh Witwe: Ihr Ehemann Ludwig starb bereits 1923 im Alter von 45 Jahren.

 

Melanie führte das Geschäft nach dem Tod ihres Mannes mit Unterstützung des langjährigen Buchhalters Moser weiter, der auch die Funktion eines Geschäftsführers innehatte. Später stieg ihr Sohn Hans in das Geschäft ein. Die Adresse lautete in den 1930er-Jahren Franz Seldte-Straße, da die Nationalsozialisten die Straße nach dem damaligen Reichsarbeitsminister umbenannt hatten.

 

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Meldekarte von Melanie Picard, geb. Guggenheim
Darauf ist mit Rot vermerkt, dass sie am 22.10.1940
"evakuiert", d.h. deportiert, wurde.

Quelle: Stadtarchiv Konstanz, Einwohnermeldekartei

 

 

Am 22. Oktober 1940 wurde Melanie Picard zusammen mit ihrem Sohn Hans, ihrer Schwester Anna und ihrem Schwager Berthold Wieler nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Die Wohnungseinrichtung wurde versteigert.

 

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Die Namen von Hans und Melanie PICARD auf der zum Gedenken an die Oktoberdeportation errichteten Stele in der Sigismundstraße

 

Im Lager Gurs war Melanie wie ihre Schwester im Ilôt (Block) K, Bâtiment (Baracke) 13 untergebracht.

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Karteikarte Melanie Picard im Lager Gurs

Quelle: Archives départementales des Pyrénées Atlantiques (cotes 72 W 66)

 

Unterstützt von Schweizer Verwandten stellte sie, gemeinsam mit ihrem Sohn Hans sowie Anna, Berthold und David Wieler, ein Gesuch auf Freilassung.

 

Im August 1941 kam Mela nach Marseille ins „Hôtel Bompard“, eine Art Durchgangslager für Frauen und Kinder. Von dort aus unternahm sie die für eine Emigration erforderlichen Schritte.

 

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Karteikarte Melanie Picard im „Hôtel Bompard“

Quelle: Archives départementales des Bouches-du-Rhône
(7 W 110)

 

„Als ich von Gurs kam, schlief ich 6 Wochen auf dem Zementboden einer Garage, dann in einem Saal mit 25 anderen Frauen und Mädchen, bis ich durch Krankheit eine Matratze in einem Zimmer bekam, die ich mit einer anderen fremden Frau zu teilen hatte; auch war noch eine Frau mit ihrem Kind, Junge von 10 Jahren, auf der zweiten Matratze. […] Das Essen war besser als in Gurs, allerdings ging man hungrig an den Tisch und stand so auch wieder auf. Hätte man nicht liebe Verwandte gehabt, wäre man verhungert, so halfen einem die Pakete, sich einigermaßen zu erhalten.“ [zitiert nach einem Schreiben der Konstanzer Rechtsanwälte Dr. Herbert Engelsing und Hans-Werner Zech vom 1.2.1956]

 

Ab und zu konnte Melanie ihren Sohn Hans, der ins Lager Les Milles verlegt worden war, noch sehen. Melanie Picard berichtete über diese Zeit:

 

„In Marseille waren wir unter Polizeigewalt, und zwar saßen Tag und Nacht 2 – 3 Schutzleute im Hause selbst, sodass niemand raus konnte, der nicht seinen Namen, seine Nr. vorweisen konnte; dann war das Haus oft gesperrt, sodass man gerade dann, wenn man Wichtiges zu erledigen hatte, nicht rausgelassen wurde, und das meist bei notwendigen Dingen, wie Konsulat zwecks Auswanderung, zum Arzt, etc., je nach Laune; die Polizisten sowie die Hausverwaltung waren Tyrannen, die ihre Launen an den Internierten ausließen. Wie oft stand mein geliebtes Kind an der Türe auf der Straße und ich konnte ihn nur durch einen Ritz im Außentor sehen und kaum verständlich sprechen, das Herz brach mir fast, wenn Hans einmal Urlaub bekam, unverhofften, wie damals, als er freiwillig half, Waldbrände mit Baumzweigen zu löschen, nächtelang, nur um dadurch Urlaub zu bekommen für einen Tag, um seine Mutter zu sehen und glücklich zu machen." [zitiert nach einem Schreiben der Konstanzer Rechtsanwälte Dr. Herbert Engelsing und Hans-Werner Zech vom 1.2.1956]

 

Dann aber trennten sich die Wege von Mutter und Sohn endgültig.

 

Melanie Picard blieb bis zum 28. August 1942 im „Hotel Bompard“ und konnte anschließend in die Schweiz ausreisen. Die genaueren Umstände sind nicht bekannt. Sie lebte danach zusammen mit ihrer Schwester Anna und deren Mann in Baden in der Dynamostrasse 1.

 

Nach dem Tod von Berthold Wieler emigrierten beide Frauen 1948 in die USA. Sie zogen nach Kalifornien, wo Annas Tochter Erika Rinaldy inzwischen lebte.

 

Melanie Picard starb 1957 in Los Angeles.

 

 

 

 

 

Recherche: Birgit Lockheimer (lockheimer@hotmail.de)

Patenschaft:  Dagmar Schmieder

Quellen:

1)Stadtarchiv Konstanz: Einwohnermeldekartei, Adressbücher, Manuskript Semi Moos

2)Staatsarchiv Freiburg: „Wiedergutmachungsakten“, Signatur STAF P 303/4 Nr. 590, STAF F 166/3 Nr. 4066, 4379, 6269, 7207, 7463, 7464, F 196/3 Nr. 5930

3)Archives départementales des Pyrénées-Atlantiques, cotes 72 W 66 et 72 W 296

4)Archives départementales des Bouches-du-Rhône, 142 W 32 Camp des Milles, internés: fichier de Li à R, 1940-1942, 7 W 110, Centre d’émigration de Bompard, fiches 1941-1942

5)Erich Bloch: Geschichte der Juden von Konstanz im 19. und 20. Jahrhundert. Eine Dokumentation, Konstanz 1971, 3. Auflage 1996