Stolpersteine Konstanz

Thekla MEINRATH, geb. Neuburger,  1885  -  1967

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Thekla MEINRATH, geb. Neuburger,  1885  -  1967

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Thekla MEINRATH, geb. Neuburger,  1885  -  1967

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geb. 9.4.1885, Konstanz

Flucht 1933

Palästina

gest. 1967, Israel

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Lutherplatz 3
heute (Juli 2016)

Foto: © Wolfram  Mikuteit

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Stolperstein für Thekla MEINRATH
verlegt am 03.07.2016

Bruder: Rudolf NEUBURGER. Söhne: Theodor MEINRATH, Wolf MEINRATH

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Thekla MEINRATH
(Foto wohl um 1910)

 

Thekla Meinrath, geb. Neuburger, wurde am 9. April 1885 in Konstanz als Tochter von Ludwig Neuburger und Julie Neuburger, geb. Picard, geboren und wuchs am Bodanplatz 4 zusammen mit ihren beiden Brüdern Moritz und Rudolf auf.

 

Luwig NEUBURGER

Luwig NEUBURGER

Ihr Vater, Ludwig Neuburger, der am 24. Juni 1843 in Gailingen als 8. Kind des Vieh­händlers Moses Josef Neubur­ger geboren wurde(1), war bereits als junger Mann 1861 nach Amerika gegangen und hatte sich dort mit großem Geschäftssinn und Fleiß vom Hilfsarbeiter zum erfolgreichen Tuchhändler hochge­arbeitet.

Als er 1875 aus den USA zurückkam, zog er nach Konstanz, wo er noch im gleichen Jahr die aus Wangen stammende Julie Picard (geb. 28. März 1853) heiratete.

 

NEUBURGER_Julie_geb._Picard_Mutter_von_Thekla_MEINRATH_klTheklas Mutter Julie war die Tochter von Isak Picard, einem sehr religiösen und frommen Juden aus Wangen, der um theologische Fragen zu diskutieren unter Christen und Juden sehr angesehen war. Das Ehepaar Neuburger bekam drei Kinder: Moritz, Rudolf und die einzige Tochter Thekla.

Ludwig Neuburger, der in Konstanz zunächst ein Stoffgeschäft hatte, wechselte später in das Bank­geschäft und hatte auch hier sehr großen Erfolg. Seine Bank gab Handwerkern und jungen Kaufleuten die entscheidenden Kredite, die viele rechtsrhei­nische Neubauten in der damaligen Wilhelmstraße (heute Theodor-Heuss-Straße) und in der Zogel­mannstraße ermöglichten. Dennoch wuchsen die Kinder in bescheidenen Verhältnissen auf.

 

Thekla, die nach ihrer Konstanzer Schulzeit selber auch in der Bank ihres Vaters gearbeitet und dabei nach eigener Aussage von diesem Kennt­nisse erworben hatte, die ihr im späteren Leben sehr weitergeholfen haben, heiratete noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs den angesehenen Kinderarzt Dr. Gustav Gershon Meinrath.

 

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Dr. Gustav MEINRATH, Ehemann von Thekla MEINRATH
(Bild vor 1918)

 

Dr. Gustav Gershon Meinrath, am 6. Januar 1878 in Neustadt am Rubenberge (bei Hannover) geboren(2), hatte sich 1907 in Konstanz als erster Kinderarzt niedergelassen.

Die Praxis führte er im Haus am Lutherplatz 3, wo die Familie auch wohnte.

 

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Haus Lutherplatz 3, damals
(Foto etwa Ende der 1920er Jahre)

 

Er war ein sehr angesehener und fachlich geschätz­ter Arzt mit einer modernen Praxis. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs setzte er sich als Regimentsarzt, der zunächst in Konstanz seinen Dienst versehen durfte, sich dafür ein, dass dort ein ordent­liches Wöchnerinnen- und Säuglingsheim eingerich­tet wurde. Hier sollten vor allem die Frauen der Soldaten und ihre Säuglinge bestmöglich versorgt werden. Er wurde ehrenamtlicher ärztlicher Leiter des Kinderheims Rosenau und neben seinem fachärzt­lichen Einsatz unterrichtete er dort im Rahmen der von ihm neu ausgerichteten Ausbildung der Pflegerinnen.

 

Thekla und Gustav Meinrath bekamen zwei Söhne, Theodor David Meinrath, der am 4. September 1907 in Konstanz geboren wurde, und Wolf Meinrath, der am 15. November 1912 in Konstanz geboren wurde.

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Thekla MEINRATH mit Sohn Wolf
(Foto um 1913)

 

 

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Wolf MEINRATH, 3. Reihe ganz rechts (dunkles Hemd)
Klassenbild Konstanzer Gymnasium
(jetzt: Suso-Gymnasium)
 
(Anfang 1920er Jahre)

Gustav Meinrath wurde nach seiner Tätigkeit als Regimentsarzt schließlich im März 1917 an die Front einberufen. Im Jahr 1918 wurde er im Feldartillerie­regiment 14 durch Granatsplitter schwer verletzt und starb am 20. Mai 1918 an den Folgen einer Operation, in der die Granatsplitter entfernt werden sollten.

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Todesanzeige und Nachruf für Gustav MEINRATH
1918

 

Mit 33 Jahren wurde Thekla so zur Kriegswitwe, ihre beiden Kinder waren damals zehn und fünf Jahre alt. Für den verstorbenen Kriegshelden gab es in Freiburg sogar ein Ehrenbegräbnis, anders als in der jüdischen Tradition üblich, wurde der Leichnam eingeäschert.

Gustav Meinraths Name ist im Inneren der Trauerhalle des Konstanzer Hauptfriedhofs auf einer der Gedenk­tafeln für die gefallenen Konstan­zer Soldaten des Ersten Weltkrieges verewigt.

 

 

Thekla, eine starke und sehr selbständige Frau, engagierte sich nach dem Ersten Weltkrieg in der Kriegs­fürsorge für Witwen und Hinterbliebene. Ihr Mann, der zum einen ein großer Patriot gewesen war, war gleichzeitig ein großer Anhänger der Lehren von Theodor Herzl, der für die Ansiedlung der Juden in Palästina und die Errichtung eines eigenen Staates warb.

Diese Leidenschaft übertrug sich nach seinem Tod auch auf Thekla, umso mehr als antisemitische Stimmen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg immer stärker hervorbrachen. So gründete sie gemeinsam mit Felix Guggenheim und ihrem Cousin Leo Picard(3) die „Blau-Weiß-Gruppe“. Diese Jugend­vereinigung für Mädchen und Jungen sollte bei den jungen Menschen Interesse für Palästina wecken. Zusätzlich gab es zahlreiche sportliche Aktivitäten und Wanderungen. Thekla Meinrath zog in den 20er Jahren mit ihren beiden Söhnen sogar vorübergehend nach Berlin, um dort Hebräisch zu erlernen.

 

Darüber hinaus kümmerte sich Thekla intensiv um ihren Bruder Rudolf Neuburger, der bereits seit etwa 1907 zunehmend an psychischen Problemen litt. So zahlte sie nicht nur mehrere Jahre die kostspieligen Behandlungen in unterschiedlichen sehr angesehenen Sanatorien, sondern kümmerte sich auch selber um sein Wohlergehen. Immer wieder holte sie ihren Bruder, soweit dessen Zustand es erlaubte, für oft auch mehrjährige Aufenthalte in ihr Haus am Lutherplatz, was von ihm auch als sein eigentliches Zuhause empfunden und beschrieben worden ist. Dies umso mehr, als ihr Bruder Moritz bereits früh in die USA emigriert war und ihre Eltern 1922 bzw. 1925 verstorben waren.(4)

 

 

Auch wenn Thekla aus Überzeugung Zionistin war und vermutlich eine Auswanderung nach Palästina lang­fristig geplant hatte, war der Zeitpunkt und die End­gültigkeit dieser Entscheidung aufgrund der politi­schen Entwicklung in ihrer Heimat 1933 doch zur Notwendigkeit geworden.

Zurück ließ sie nicht nur das Haus sondern auch ihren geliebten Bruder Rudolf, der am 22. Oktober 1940 vom Israelitischen Altersheim in Gailingen aus in das südfranzösische Lager Gurs deportiert wurde und von dort in das Lager Rivesaltes kam, wo er am 22. Februar 1942 im Alter von 58 Jahren den Tod fand.

 

Auch ihre beiden Söhne Theodor und Wolf emigrierten nach Palästina. Wolf, Schüler des Konstanzer Gymna­siums, der seit 1930 in Berlin Medizin studierte, musste sein Medizinstudium aufgrund der Macht­ergreifung aufgeben und folgte seiner Ehefrau Hetty Meinrath 1934 nach Palästina. Theodor emigrierte später von Palästina in die USA.

 

Nicht in Konstanz zurückgelassen hatte Thekla die Asche ihres 1918 verstorbenen Mannes Dr. Gustav Gershon Meinrath, die sie mit nach Palästina nahm. Zunächst kam Thekla in das Kibbuz Yagur. 1939 wurde sie auf ihren Antrag als selbständiges Mitglied im Kibbuz Beit HaShita aufgenommen, in dem auch bereits ihr Sohn Wolf, der sich inzwischen Zeev (Hebräisch: Wolf) nannte, lebte.

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Kibbuz BeitHashita

 

Am 2. Juni 1940 bekam sie die palästinensische Staatsbürgerschaft.

Thekla MEINRATH Foto von ihrem Einbürgerungsantrag 1940

Thekla MEINRATH
Foto von ihrem
Einbürgerungsantrag
1940

In ihrem Tagebuch schrieb sie: „Die auf­kommende Nazi-Fahne erregte mich sehr. Hitler’s Zeitun­gen rie­fen zur Ver­nichtung des Juden­tums auf. Die Braun­hemden der Nazi-Partei strömten aus allen Ecken her­vor. Im Zug lasen Mit­fahrer laut vor: ‘Hast Du schon das Feuer an­gezündet um die Juden zu verbren­nen?‘. Ich fühlte, dass ich Deutsch­land schnells­tens verlassen musste, egal wie. Im selben Jahr … verließ ich mein Haus, dass ich sehr ordentlich zurückließ, die großzügige Wohnung und den über Jahre gepflegten Garten. Mein ganzer Besitz, den ich im Angesicht meines Schweißes erarbeitet hatte, blieb in meiner Heimatstadt zurück. Und ich ging nach Israel(5) als Tourist, mit 50 Pfund in meiner Tasche. (…)“

 

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1940: Thekla MEINRATH wird in Palästina eingebürgert (Vorderseite)

 

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1940: Thekla MEINRATH wird in Palästina eingebürgert (Rückseite)

 

 

 

Am 6. April 1967 starb Thekla Meinrath im Alter von 82 Jahren im Kibbuz Beit HaShita.

Sie wurde auf dem kibbuzeigenen Friedhof beerdigt. Mit in ihr Grab gaben ihre Kinder die Asche ihres im Ersten Weltkrieg verstorbenen Mannes, Dr. Gustav Meinrath, der so als überzeugter Zionist gemeinsam mit seiner Frau in Erez Israel seine letzte Ruhe fand.

 

 

 

 

 

 

Recherche: Schüler und Schülerinnen der Hegau-Boden­see-Seminargruppe „Spurensuche“: Jessica Böhme, Franziska Eble, Paul Ellsiepen, Linus Kulman, Tim Kuppel, Gaia Quintini, Jasmin Ye mit Petra Quintini und Manuel Boxler

 

Patenschaft: Mirjam Wiehn

Fussnoten:

(1)     Eine seiner älteren Schwestern, Fanny Neuburger, am 21.9.1837 in Gailingen geboren, war seit dem 10.5.1880 mit Wolf Levinger verheiratet. Das Ehepaar bekam unter anderem die Kinder Simon und Emanuel Levinger, die beide auch Ende des 19. Jahrhunderts nach Konstanz zogen und dort Jahrzehnte als angesehener jüdischer Metzger und angesehener Textilkaufmann selbständig und erfolgreich arbeiteten. Beide wurden noch im Alter von 73 Jahren, bzw. 74 Jahren zur Flucht aus Deutschland in die Emigration gezwungen. (Siehe auch deren Biografien). Simon und Emanuel Levinger waren somit die Cousins von Thekla Meinrath (und Rudolf Neuburger, Theklas Bruder).

(2)     Gustav Gershon Meinrath wurde am 6. Januar 1878 als Sohn von Isaak Wolf Meinrath und Johanna, geborene Koblenzer, in Neustadt am Rubenberge geboren.

(3)     Leo Picard, 1900 in Wangen geboren, hatte in Konstanz an der Oberrealschule das Abitur gemacht und an der Universität Freiburg 1923 promoviert. Bereits 1924 wanderte er nach Palästina aus. Er war später ein höchst angesehener Geologe und Wasserbauexperte, der über Israel hinaus auch für die UNESCO wichtige wissenschaftliche Aufgaben übernahm. Er war Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem und später Direktor des Geologischen Survey in Israel. Siehe auch in der Quellenangabe die Biographie von Prof. Dr. R. E. Wiehn. Leo PICARD starb 1997 in hohem Alter im Kibbuz Ginegar.

(4)     Ihr Vater, Ludwig Neuburger, starb am 26.2.1922 in Konstanz, ihre Mutter, Julie Neuburger, geb. Picard, am 28.4.1925.

(5)    Hier müsste es heißen: Palästina. Der Staat Israel wurde erst am 14. Mai 1948 durch David Ben Gurion ausgerufen.

 

Quellen:

Bloch, Erich (1971). Geschichte der Juden von Konstanz im 19. und 20. Jahrhundert. Eine Dokumentation. Konstanz: Rosgartenverlag.

Engelsing, Tobias (2015). Das Jüdische Konstanz. Blütezeit und Vernichtung. Konstanz: Südverlag

Wiehn, Erhard R. (Hrsg.) (1996). Vom Bodensee nach Erez Israel. Pionierarbeit für Geologie und Grundwasser seit 1924. Konstanz: Hartung-Gorre.

Berichte von den Angehörigen, insbesondere Doron Meinrath.

Bereitstellung der Familienfotos: Miri Meinrath und Doron Meinrath, Foto auf dem Friedhof Beit HaShita eigene Aufnahme.

Recherche zu Angehörigen und Stammbaum: www.geni.com und Datenbank des Jüdischen Museums Hohenems www.hohenemsgenealogie.at

Staatsarchiv Freiburg: StAF: P 303/4 Nr. 39, StAF F 166/3 Nr. 3528 und StAF F196/1 Nr. 3103