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Trudy Rothschild: Deportation nach Button

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Geschrieben nach der Ankunft in Gurs, Oktober 1940, im Alter von 17 Jahren

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Das Lager GURS, Südwestfrankreich

Am 22. Oktober brach es herein das große Unglück der badischen und pfälzischen Juden. Morgens um 8 Uhr, ich lag ahnungslos im Bett, läutete es, und herein traten 4 Kriminalpolizisten. Auf das Weitere war ich gespannt, doch ich erfuhr es noch früh genug. Mein Atem stockte, als ich vernahm, daß wir von Haus und Hof verjagt werden. Mein erster Gedanke war, der Allmächtige wird uns weiterhelfen.

In einer halben Stunde, so hieß es, müssen wir reisefertig sein, pro Person darf man zwei Handkoffer mitnehmen. Ich packte rasch, so gut ich es in diesem Augenblick konnte, unsere Sachen. Nach einer halben Stunde, die ich nie vergessen werde, waren wir zum Abmarsch bereit. Nun wurden wir in ein Kriminalauto verladen, und weiter ging es zu unseren nächsten Glaubensgenossen. Eine Stunde später waren alle Juden von Konstanz im Petershauser Güterbahnhof versammelt. Auch diejenigen, welche ihr Judentum längst vergessen hatten, mußten in diesen schweren Stunden zurück zu ihrer Religion. Wir wußten alle nicht, wohin uns das Schicksal schlug, aber daß uns nichts Gutes bevorstand, war sicher.

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Auch der Schlamm macht den Deportierten zu schaffen

Alte, Junge, Kranke und Gesunde waren beisammen und warteten von morgens bis nachmittags mit Ungeduld auf die Weiterbeförderung. Um 5 Uhr wurden wir in einen großen franz. Zug verladen. (…). Die Bänke waren furchtbar schmutzig und die Toilette ohne Wasser und beinahe nicht zu benutzen. Da hatten wir aber noch keine Ahnung von dem, was uns bevorstand. (…)

Am 25. Morgens um 8 Uhr wurden wir ausgeladen. Wir wußten immer noch nicht, wohin es ging. Es schüttete in Strömen. Wir wurden auf offene Lastautos geladen und fuhren etwa 20 Minuten weiter. Es war eine richtige Todesfahrt. Ein Auto um das andere gesteckt voll mit armen, verstoßenen Menschen, fuhr hinein in das berühmt gewordene Camp du Gurs. (…) Hinter Stacheldraht wurden wir geführt. Der Boden lehmig, so daß man bis an die Knöchel einsank. Dann sah man nur Baracken, ganz ganz schlecht gebaut, nur aus Holz, mit lauter Lücken. Wir traten hinein in eine dieser Hütten. Mein Herz begann zu schreien. Hier sollen wir bleiben, nein, sagte ich, da halte ich es keinen Tag aus. (…)

 

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Innenansicht einer der Baracken in GURS

 

In einem Gedicht beschreibt die 17-Jährige die Lage in Gurs:

In einer Stunde mussten wir Haus und Hof verlassen

Da alle die Juden so sehr hassen.

Weit fort ging es mit dem Zug

Wohin schlägt uns das Schicksal, ein mancher frug.

Doch nur ne kurze Antwort konnte man uns geben

Ihr Juden werdet nun nicht mehr in Deutschland leben.

Auswandern dürft Ihr ohne Visen

Gott, sagten alle, wenn sie uns nur nach Amerika ließen.

Doch bald erfuhren wir, wohin es ging

Ein jeder dann zu jammern anfing.

Im Camp de Gurs sollen wir unsere Zukunft verbringen

Doch gegen Gottes Gesetz kann leider niemand ringen.

3 Tage ging es durch Frankreich mit der Bahn

Dann an einem Freitag kamen wir hier im Camp an.

Mit wehmütigem Herzen sahen wir uns um

Niemand konnte etwas reden, alle waren stumm.

 

Durch viele Baracken wurden wir geführt

Ein jeder war von diesem Elend gerührt.

Im Camp hausen, soweit haben wir es gebracht

Den ganzen Tag Finsternis, da glaube ich, dass kein Herze mehr lacht.

Alle 10 Plagen kommen hier zu Stande

In diesem schönen französischen Lande.

Dennoch dürfen wir nicht verzagen

Auch nicht in diesen schweren Tagen.

Bald schickt Gott eine schönere Zeit

Nach all diesem großen Leid.

Doch heute ist Chanukka, da wollen wir fröhlich sein

Essen und trinken ein gutes Glas Wein.

 

Trudy Rothschild (17 Jahre), Camp de Gurs,

an Chanukka 1940