Stolpersteine Konstanz

Gisela GUGGENHEIM, geb. Billigheimer, 1883 - 1950

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Gisela GUGGENHEIM, geb. Billigheimer, 1883 - 1950

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Gisela GUGGENHEIM, geb. Billigheimer, 1883 - 1950

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geb. 25.02.1883, Karlsruhe

FLUCHT 1938

SCHWEIZ

ENGLAND

KANADA / USA

ÜBERLEBT

Bild grösser: klickenObere Laube 54
heute (Sept. 2013)

Das ursprüngliche Wohnhaus,
Obere Laube 52
liegt etwas versteckt hinter dem Durchgang

stein_GUGGENHEIM_GiselaStolperstein für  Gisela GUGGENHEIM
verlegt am 09.09.2013

Verheiratet mit: Alfred GUGGENHEIM,  Kinder: Lene GUGGENHEIM, Felix GUGGENHEIM
Schwester: Clothilde NEUMANN, Enkel: Peter GUGGENHEIM, Rainer GUGGENHEIM

foto_guggenheim_gisela
Gisela GUGGENHEIM

Gisela GUGGENHEIM wurde am 25. Februar 1883 in Karlsruhe als Gisela Billigheimer geboren und heiratete in Konstanz Alfred Guggenheim, dessen Eltern, aus Worblingen zugewandert, 1862 zu den Mitbegründern der neuen Israelitischen Gemeinde in Konstanz zählten. Alfred Guggenheim, der sich in Konstanz auch als Stadtverordneter und im Synagogenrat betätigte, war Kaufmann und führte in der Rosgartenstraße ein angesehenes Herren­bekleidungsgeschäft.

Die junge Familie lebte in der Rosgartenstraße 29 (2. Stock), hier wurde am 6. Juni 1904 der Sohn Felix, drei Jahre später, am 25.05.1907, die Tochter Lene geboren.

Erst nachdem sich Alfred Guggenheim aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hatte, zog das Ehepaar Guggenheim in die Obere Laube 52, das Ehepaar war auch Eigentümer dieses Hauses. Alfred Guggenheim verstarb im Jahr 1935 in Konstanz.

Die 52jährige Witwe Gisela Guggenheim, deren ältere Schwester Clothilde ebenfalls in Konstanz lebte (Clothilde Neumann, geb. Billigheimer), unterhielt rege Kontakte zu ihren Kindern Felix und Lene und zu ihren Enkeln, dem 1927 geborenen Peter und dem 1931 geborenen Rainer Guggenheim, die nicht weit entfernt in der Sigismundstraße 16 lebten.

Nach der Flucht ihres Schwiegersohnes Richard Guggenheim Ende Januar 1938 zog ihre Tochter Lene mit ihren beiden Söhnen bis zu ihrer Flucht im Mai 1938 in ihr Haus in der Oberen Laube 52, die in der Zeit Robert-Wagner-Straße genannt wurde.

 

foto_guggenheim_gisela_1937

Aufnahme 1937: Gisela GUGGENHEIM'
mit ihren beiden Enkelsöhnen
Peter und Rainer Guggenheim (Privatbesitz)

 

Felix Guggenheim, ihr ältester Sohn, der Konstanz bereits nach dem 1922 am Konstanzer Gymnasium abgelegten Abitur zum Studium (Jura und Ökonomie) verlassen hatte, lebte seit 1925 in Berlin und arbeitete dort bald in leitender Position in der Druckerei Seydel, die eng mit der deutschen Buchgemeinschaft zusammenarbeitete. Auch er verließ im Jahr 1938 Deutschland zunächst in die Schweiz, später in die USA, wo er sich in Los Angeles niederließ.

Gisela Guggenheim gelang die Flucht erst nach der Reichspogromnacht. Am 12.12.1938 floh sie in die Schweiz, „ohne polizeiliche Abmeldung", wie von den Behörden vermerkt wurde. Sie versuchte in Zürich, wo sie über Monate in Gasthäusern lebte, ein Visum für die USA zu erhalten und ließ sich beim amerika­nischen Konsulat in Zürich auf eine Warteliste setzen. Ihr Ziel war es, die Familie der Tochter Lene in Islip, New York, zu erreichen.

Am 22.05.1939 erhielt sie ein Einreisevisum mit vorüber­gehender Aufenthaltsbewilligung für England, wo inzwischen auch ihr Sohn Felix Guggenheim lebte, und erreichte wenige Tage später, am 26.05.1939, London.

Aufgrund des Kriegsausbruches wurde die Ausstellung des Visums für die USA unmöglich, sie erhielt die Begründung, dass wichtige Dokumente, die beim amerikanischen Konsulat in Zürich abgege­ben worden waren, nun nicht mehr verfügbar seien. Im Juni 1940 ergab sich dann eine Ausreisemög­lichkeit: Gisela Guggenheim erhielt ein „Exit permit", um über Kanada als Transitland nach Schanghai zu reisen.

Mit dem Schiff verließ sie England am 22.07.1940. Über Halifax durchquerte sie Kanada auf dem Landweg bis Vancouver. Nach erneuten Anträgen erhielt sie vom amerikanischen Konsul in Vancouver am 22.08.1940 überraschend ein Immigrationsvisum für die USA und konnte die Reise nach Schanghai abbrechen.

Am 04.09.1940 überquerte sie die amerikanische Grenze auf dem Weg von Vancouver nach Seattle. Nach mehrtägigem Aufenthalt in  Seattle erreichte sie auf dem Landweg über Chicago Islip/Long Island (NY) und konnte nach einer Flucht, die fast zwei Jahre dauerte und sie über die halbe Weltkugel führte, ihre Tochter Lene, die Enkelsöhne und den Schwieger­sohn Richard Guggenheim wieder in die Arme schließen.

Kurz nach ihrer Ankunft in Islip vernahm sie von dem Schicksal ihrer Schwester Clothilde, ihres Schwagers, sowie von dem vieler weiterer jüdischen Bekannten: sie waren am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden.

Mit ihrer Schwester Clothilde, die ab Anfang 1942 in Gurs im Ilot I, Baracke 22 untergebracht war, stand sie aber weiterhin über Briefe in und aus dem Lager in Kontakt.

Aus den USA war es ihr nicht möglich, Pakete zu schicken, doch versuchte sie über die Quäker zu erreichen, dass ihre Schwester im Lager Pakete erhielt. Mitunter versuchte sie Tabletten gegen Bluthochdruck an ihre Schwester im Brief­umschlag zu verschicken. Ob Clothilde diese erhielt, kann nicht mehr beantwortet werden. Die letzte Nachricht von ihrer Schwester Clothilde erhielt Gisela Guggenheim Mitte Juni 1942, datiert war dieser Brief vom 19.05.1942. Ab dem Sommer 1942 kamen die Briefe jedoch ungelesen zurück. Wie wir heute wissen, wurden Clothilde Neumann und ihr Mann Moritz mit einem der ersten Transporte aus Südfrankreich am 8. August 1942 über Drancy nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich noch am Ankunftstag, dem 14. August 1942, ermordet wurden.

Gisela Guggenheim hat einige der retournierten Briefe aufbewahrt.

vergrössern: Bild anklicken
Brief 30. Juni 1942 von Gisela GUGGENHEIM  an ihre Schwester Clothilde NEUMANN im Lager  Gurs.
Dieser Brief kam  im August 1942 zurück.
 
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Gisela Guggenheim lebte bis zu ihrem Tod am 07. Dezember 1950 bei der Familie ihrer Tochter in Islip, Long Island.

 

Recherche:
Petra Quintini
mit Unterstützung der Schülerinnen:
Regula Amer, Franka Kenda, Gaia Quintini,
Johanna Schlegel, Pia Spitzhüttl und Christine Ullmann

 

Patenschaft: Luigi PESARO

Quellen:

Bloch, E.: Geschichte der Juden von Konstanz im 19. Und 20. Jahrhindert. Eine Dokumentation. (3. Auflage) Stadler Konstanz, 1996

Stadtarchiv Konstanz, Einwohnermeldekartei

Stadtarchiv Konstanz, Adressbücher der Stadt Konstanz

Stadtarchiv Konstanz, Semi Moos-Moore, Aufzeichnungen zu den jüdischen Bürgern von Konstanz

Staatsarchiv Freiburg, StAF F 196/1 Nr.5913

Bosch, Manfred: Felix Guggenheim. Jurist, Verleger, Literaturagent. In: Konstanzer Almanach 2012, Stadler, Konstanz, 2011

Privatarchiv Janet Guggenheim

Bildquellen: Privatnachlass Janet Guggenheim