Stolpersteine Konstanz

Rede von Geoffrey Weill (Grossneffe von Hugo Weill)
bei der Steinverlegung, 14. Juli 2010

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Rede von Geoffrey Weill (Grossneffe von Hugo Weill)
bei der Steinverlegung, 14. Juli 2010

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Rede von Geoffrey Weill (Grossneffe von Hugo Weill)
bei der Steinverlegung, 14. Juli 2010

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Die Familie Weill stammt ursprünglich aus Weil-der-Stadt – nicht weit von Stuttgart, wo im Jahre 1381 berühmter Rabbiner Juda ben Jehuda Weil geboren wurde. Im 18. Jahrhundert zog ein Teil der Familie Weill – rund 100 Kilometer von Konstanz – nach Kippenheim in Baden. Dort, am 25. Januar 1885, kam Hugo Weill zur Welt.

Hugo wurde Schuhkaufmann. Er blieb ledig. Er scheint offenbar ein warmherziger und humorvoller Mann gewesen zu sein. Sein Vetter war der berühmter Komponist, Kurt Weill. Sein Neffe war unser Vater. Hugo war unser Grossonkel.

Im Oktober 1940, als Hugo 55 Jahre alt war, wurden alle in Baden-Württemberg lebende Juden aus dem Dritten Reich deportiert. Dies war die erste Deportation deutscher Juden und war ein von Adolf Eichmann persönlich geplantes Experi­ment, um festzustellen, erstens ob Juden die Deportationsbefehle gehorsam folgen würden und zweitens, ob sich das deutsche Volk mit solchen Deportationen ohne großen Protest abfinden würde ... was leider der Fall war.

In 1939 hat sich Hugo nach Konstanz umge­siedelt. Am 22 Oktober 1940 wurde er von seiner Wohnung in der Rheingasse evakuiert und in einem langen abgeschlossen Konvoizug nach Südfrank­reich deportiert. Das Ziel war das "Camp de Gurs”, ein Internierungslager von der französischen Regierung ursprünglich als Lager für Flüchtlinge vom spanischen Bürgerkrieg errichtet. Es liegt noch hoch im Pyrenäen­gebirge, unweit der spanischen Grenze, und wurde nicht von Deutschen geleitet, sondern von Vichy Franzosen. Anfang Winters kam Hugo in Gurs an, wo es schon äußerst kalt in den unbeheizten Hütten war. Im Frühling, nachdem der Winterschnee geschmolzen war und nach den langen Winterregen, überlief das Lager mit Schlamm. Im Sommer war es fürchterlich heiß. Im Lager „Camp de Gurs" wurden die Männer von den Frauen getrennt gehalten. Nur bei Beerdigungen durften sie zusammen­kommen. Und nur dann als ein Ehemann erfuhr, dass seine Gattin gestorben war.

Fast zwei Jahre blieb Hugo im Camp de Gurs bis zu seiner weiteren Deportation in Juni 1942 nach dem Lager Drancy, im Vorort von Paris. Drancy ist eine riesige, moderne Sozialwohnungs­siedlung, die im Jahre 1942 in ein Durch­gangslager für Juden in Frankreich umgewandelt wurde.

Nach drei Sommermonaten in Drancy verließ Hugo Weill Frankreich zum letzten Mal als einer der tausend geborenen Deutschen, die am 4. September 1942 im Deportationsgeleit Nummer 28 D901/23 nach dem Osten deportiert wurden. Der Zug – mit seinen 25 abgeschlossenen Güterwagen – fuhr pünktlich um 8:55 morgens ab. Das Zuggeleit stand unter dem Kommando eines gewissen Stabsfeldwebels Brand. In den normalerweise für Viehtransporte vorgesehenen Güterwagen gab es weder Wasser noch Lebensmittel und auch keine Wasch- und WC-Anlagen.

Zwei Tage später traf das Zuggeleit in Auschwitz ein, und die von der langen Reise erschöpften, verschmutzten, in höchste Angst versetzten Personen mussten sich gleich der sogenannten Selektion unterwerfen, die bestimmte, wer leben und wer ermordet werden sollte. Von den tausend Deutschen, die am 6. September 1942 in diesem Zug in Auschwitz ankamen, wurden 16 Männer und 38 Frauen mit Nummern tätowiert. Die anderen 946 - Hugo Weill darunter - wurden sofort vergast.


Meine Schwester und ich danken der Stadt Konstanz und Herrn Gunter Demnig mit ganzem Herzen für dieses Denkmal an unseren Grossonkel. Möge es als ein Mahnmal dienen, so dass alle, die über diesen Stolperstein stolpern, sich an das, was sich damals ereignete, erinnern, in der großen Hoffnung, dass sich eine so ungeheuerliche Tragödie nie wieder abspielt.

Wir kannten unseren Grossonkel nicht. Leider besitzen wir auch gar kein Foto von Hugo. Aber sein Name wird fortleben. Vor achtzehn Monaten wurde mein jüngster Sohn geboren, und zu Vornamen haben wir ihm die Namen Liam Hugo gegeben. Eines Tages werde ich den noch kleinen Liam Hugo hierher bringen, damit er sich seiner Geschichte bewusst wird.

Schalom.

 

Quelle: Geoffrey Weill