Stolpersteine Konstanz

Ansprache zur Verlegung
von Kevin NAIRN
(Sohn von Anna FÜRST)

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Ansprache zur Verlegung
von Kevin NAIRN
(Sohn von Anna FÜRST)

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Ansprache zur Verlegung
von Kevin NAIRN
(Sohn von Anna FÜRST)

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Kevin NAIRN
vor dem Haus Rheingasse 15
bei der Verlegung von Stolpersteinen für die Familie Fürst

Foto: © Wolfram  Mikuteit

Video Verlegungsrede Familie FÜRST
von Kevin Nairn, 3. Juli 2016
 

Video: © Dietmar Messmer

Guten Morgen,

Honoured guests, ladies and gentlemen, it gives me great pleasure to return once again to the beautiful town of Konstanz, the town where my mother, Anna Furst was born; the town that my mother loved so much.  I have visited Konstanz many times since my mother first brought me and my sister here when I was 4 years old.  I have an old photo of me standing by a post-box somewhere in Konstanz holding my teddy bear “Sooty”, looking amazed and excited about being in a different country for the first time.

 

Two memories of Konstanz that I have are when I was about 10 years’ old.  My mother took my sister and me, by ferry to the island of Mainau.  She had many friends there and I had my first experience of German Chocolate Gateaux.  I greedily tucked into an enormous slice of cake made from cream, chocolate, strawberries and raspberries, waved goodbye, bordered the ferry home and was promptly sick all the way back to Konstanz.  Obviously, I wasn’t used to the rich delights of German cake!

 

On another visit, my mother took me and her childhood school friend Hildegarde to a large depart­ment store.  We went up to the top floor and Hilde­garde and my mother started looking at dresses. I became bored and wandered off – then got lost in the store, and decided the best thing to do was go back to Hildegarde’s house.  Even though I was 10 years’ old, I was very good at directions and once I found the old tower in the town, I easily found my way back.  About an hour later, Hildegarde came in with my mother - who was in a frantic state - to find me sitting on a sofa watching television!  My mother asked me: “How did you manage to find your way back?  “It was easy” I said, not realising the trouble I’d caused.

 

As an ex builder, I am deeply impressed by the way that Germany looks after its old medieval buildings and although it must cost a fortune for their upkeep, in my opinion it is well worth it.  I believe it’s very important to keep in contact with the past, but also create a new future.  The Germany of today is very different from the Germany of yesterday.  Today, Germany “rules the world” with their cars and vans - I own a German van myself - and with their brilliantly engineered products.  From shavers to washing machines, from power tools to fridges.  If it has “Made in Germany” stamped on it, you know it’s a quality product.

 

I have come here today with my ex-partner Nadia, daughter Morgan and my late sister’s daughter, my niece Aliza to remember the cruel abduction of my grandparents, Moritz and Salomea Furst and great grandmother Berta.  It is only by the narrowest of margins that my mother escaped to England; otherwise none of us would be here today.

 

It may have been said that the allies won the Second World War, in truth, nobody wins a war; there are only degrees of losing.  We must all be vigilant against the preachers of hate, speaking out and opposing those that would separate and divide us.  There is a Buddhist saying: “hate is like drinking salt water: the more you drink the thirstier you get.”  Hate has no creed, race or religion; it is negative and has no purpose and can only lead to destruction and misery – for everybody.

 

I would like to thank all the people who have been working so hard to make this Stolpersteine Ceremony so successful.  I would especially like to thank Petra Quintini who has been extremely helpful with the arrangements and organising of this solemn, but important event.  

I thank you very much for inviting us, and look forward to experiencing the many delights that Konstanz has to offer.  Veilen dank

Kevin Nairn

July 2016

Guten Morgen,

Verehrte Gäste, meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, erneut in die schöne Stadt Konstanz zu kommen, die Stadt, in der meine Mutter, Anna Fürst, geboren wurde, die Stadt, die meine Mutter so sehr mochte. Ich habe Konstanz vielfach besucht, seit meine Mutter mich - damals 4jährig -  und meine Schwester hierher brachte. Ich habe noch ein altes Foto, auf dem ich irgendwo in Konstanz an einem Briefkasten stehe, meinen Teddybär "Sooty" in der Hand, verwundert und aufgeregt, zum ersten Mal in einem anderen Land zu sein.

An Konstanz habe ich noch zwei Erinnerungen aus der Zeit, als ich ungefähr zehn war. Meine Mutter fuhr mit mir und meiner Schwester per Schiff zur Insel Mainau. Sie hatte dort viele Bekannte und ich hatte mein erstes Erlebnis mit deutscher Schokotorte. Gierig verschlang ich ein Riesenstück der Torte aus Schlag­sahne, Schokolade, Erdbeeren und Himbee­ren, winkte zum Abschied, bestieg das Schiff zurück, und den ganzen Weg zurück nach Konstanz war mir elend schlecht. Offenbar war ich auf die schweren Köst­lichkeiten deutscher Torten nicht vorbereitet!

Bei einem weiteren Besuch nahm meine Mutter mich und ihre alte Schulfreundin Hildegard mit in ein großes Kaufhaus. Wir gingen ins oberste Geschoß und Hildegard und meine Mutter sahen sich Kleider an. Ich langweilte mich, lief herum und verlief mich im Laden. Ich dachte dann, am besten würde ich zurück zu Hildegards Haus gehen. Ich war zwar erst zehn, hatte aber einen guten Richtungssinn, und als ich erstmal das alte Stadttor gefunden hatte, fand ich bald den Rückweg. Etwa eine Stunde darauf kamen  Hildegard und meine Mutter -  völlig aufgelöst - und fanden mich auf dem Sofa beim Fernsehen. Meine Mutter fragte mich: "Wie hast Du denn bloß den Rückweg gefunden?" "Och, das war ganz leicht", sagte ich, ohne einen Schimmer davon zu haben, welche Aufregung ich verursacht hatte.

Als Ex-Baumensch beeindruckt mich sehr, wie die Deutschen sich um ihre alten mittelalterlichen Gebäu­de kümmern, und obwohl der Erhalt wohl ein Vermö­gen kostet, ist es das meiner Meinung nach sicherlich wert. Ich meine, es ist äußerst wichtig, in Kontakt mit der Vergangenheit zu bleiben, aber auch, die Zukunft zu gestalten. Das Deutschland von heute unter­scheidet sich vom Deutschland der Vergangen­heit. Mit seinen Autos und Transportern - ich habe selbst einen ­-  und seinen hervorragend konstruierten Produkten "beherrscht" Deutschland die Welt. Von Rasierern und Waschmaschinen bis hin zu Elektro­werk­zeugen und Kühlschränken: wenn "Made in Germany" draufsteht, weiß man, es ist ein Qualitätsprodukt.
 
Ich bin heute mit meiner Ex-Partnerin Nadia, meiner Tochter Morgan, der Tochter meiner verstorbenen Schwester, meiner Nichte Aliza hierher gekommen, um der grausamen Verschleppung meiner Großeltern Moritz und Salomea Fürst und meiner Urgoßmutter Berta  zu gedenken. Nur äußerst knapp gelang meiner Mutter die Flucht nach England; sonst wäre niemand von uns heute hier.

Manche sagen, die Alliierten hätten den Zweiten Weltkrieg gewonnen. In Wirklichkeit gewinnt aber niemand einen Krieg; es gibt nur unterschiedliche Grade des Verlierens. Wir müssen alle wachsam sein gegen die Hassprediger, müssen uns gegen die wenden, die uns trennen und auseinanderdividieren wollen. Ein buddhistischer Ausspruch besagt: "Hass gleicht dem Trinken von Salzwasser: Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man." Hass kennt keinen Glauben, keine Hautfarbe und keine Religion; er ist negativ, hat kein Ziel und führt nur zu Zerstörung und Elend - für alle.

Ich möchte allen danken, die so hart daran gearbeiet haben, diese Stolperstein-Zeremonie so erfolgreich zu machen. Besonders möchte ich Petra Quintini danken, die so überaus hilfreich bei der Organisation dieses feierlichen und bedeutsamen Ereignisses war.

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Einladung und ich freue mich schon auf die vielen schönen Dinge, die Konstanz zu bieten hat. Vielen Dank!

 

(deutsche Fassung: Maik Schluroff)