Stolpersteine Konstanz

Viktor FREUND,    1902 - 1943

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Viktor FREUND,    1902 - 1943

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Viktor FREUND,    1902 - 1943

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1902: geb. am 30. September, Lutterbach/Elsass

Widerstand / KPF

1943: Verhaftung Konstanz "Vorbereitung zum Hochverrat"

1943: Hinrichtung am 13. Mai, Klingelpütz Köln

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Rheingasse 12
heute (2015)

Foto: W. Mikuteit

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Stolperstein für  Viktor FREUND
verlegt am 13.09.2015

 

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Viktor Freund wurde am 30.09.1902 in Lutter­bach/ Elsass geboren. Das Elsass gehörte 1902 zum Deutschen Reich.

Er erlernte keinen Beruf, war später aber als angelernter Dreher tätig. Nach dem Frieden von Versailles 1919 kam das Elsass wieder an Frankreich. Viktor Freund diente von 1921 bis 1923 in der französischen Armee. Er war mit Leib und Seele Franzose.

Bis 1940 war er Mitglied der kommunistischen Partei Frankreichs und der , eine Art prole­tarisches Rotes Kreuz zur Unterstützung bedürftiger Parteimitglieder und ihrer Familien.

Freund nahm regelmäßig an Schulungsabenden der Partei teil, war Kassierer in der Ortsgruppe Lutterbach der KPF und Mitglied der kommunistisch orientierten Gewerkschaft Confédération générale du travail - CGT.

Nach der Besetzung des Elsass durch deutsche Truppen 1940 verpflichtete sich Freund gegenüber der Gestapo, jede Tätigkeit für die KPF zu unter­lassen. 1942 wurde FREUND Mitglied der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der nationalsozialistischen Einheitsgewerkschaft, der alle Arbeiter und Unter­nehmer angehören mussten.

Ende Oktober 1940 kam Freund nach Konstanz; aus welchen Gründen und in welchen Betrieben er in den nächsten zwei Jahren gearbeitet hat, ist nicht bekannt. Im Oktober 1942 wurde Freund bei der Stoffdruckerei Herosé dienstverpflichtet. Herosé war ein Rüstungsbetrieb mit über 370 Arbeitern, der Stoffe für die Wehrmacht färbte, aber auch Metallrohlinge für die Firma Funkstrahl herstellte. Funkstrahl war eine Tochter der Berliner Firma Elektro-Pintsch, die Messgeräte herstellte und seit 1941 in Konstanz tätig war. Bei Herosé waren, wie in allen Konstanzer kriegswichtigen Betrieben, viele ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt, besonders aus Serbien, Belgien, Frankreich und der Sowjetunion.

Viktor Freund, der von Zeugen als ein eher stiller und freundlicher Mensch beschrieben wurde, fand bald Kontakt zu Landsleuten aus dem Elsass, die wie er Kommunisten und zum Widerstand gegen das NS-Regime bereit waren. Es waren dies Robert Ballast, geb. am 10.09.1923 in Mühlhausen, und Andreas Friedrich, geb. am 05.04.1918 in Colmar. Viktor Freund war die treibende Kraft dieser kleinen Wider­standsgruppe.

Er sprach auch andere Arbeiter an und versuchte sie im kommunistischen Sinne zu beeinflussen und zum passiven Widerstand zu bewegen, so z.B. auch Emil Betz, der vor 1933 für die kommunistische Partei Mitglied im Bürgerausschuss der Stadt Konstanz war. Freund verwies dabei auf die sozialen Errungen­schaften in der Sowjetunion unter Stalin hin und prophezeite, dass Deutschland den Krieg verlieren werde. In mehreren Fällen gab er Arbeitern auch den „Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU“ zu lesen.

Er sabotierte die Arbeit bei Herosé, wo es möglich war: Er arbeitete absichtlich langsam oder bewusst fehlerhaft und schmuggelte Werkstücke aus dem Betrieb, um sie im Rhein zu versenken.

Ihre Informationen über das Kriegsgeschehen bezogen die drei Elsässer durch die deutsch­sprachigen Nachrichten der Rundfunksender Radio Beromünster (Schweiz), BBC London und Radio Moskau.

Im Juli 1942 verabredeten Viktor Freund und seine beiden Genossen, 75 Handgranaten aus einer Scheune bei Lutterbach im Elsass, welche die Franzosen nach der Kapitulation hier versteckt hatten, nach Konstanz zu schmuggeln. Mit diesen Waffen wollten sich die drei Elsässer gemeinsam mit serbischen Zwangsarbeitern bei Herosé gewaltsam den Grenzübergang in die Schweiz erzwingen und dann über den unbesetzten Teil Frankreichs nach Nordafrika fliehen. Dort wollten sie sich der regulären französischen Armee anschließen, um anschließend gegen die Deutschen zu kämpfen.

Während Viktor Freund in Konstanz blieb, um die Flucht in die Schweiz vorzubereiten, fuhren Robert Ballast und Andreas Friedrich ins Elsass, um die Waffen zu holen. Die Waffen befanden sich indes nicht mehr an besagtem Ort. Unverrichteter Dinge kehrten die beiden Männer nach Konstanz zurück.

Mittlerweile hatte die Gestapo Kenntnis von den Aktivitäten der Elsässer erhalten; gut möglich, dass ein Arbeiter bei Herosé, der von Viktor Freund angesprochen worden war, die Gestapo informiert hatte. Bei der Ankunft am Konstanzer Bahnhof am 17.07.1942 wurden Robert Ballast und Andreas Friedrich verhaftet und im Landgerichtsgefängnis von Konstanz inhaftiert. Wenige Tage später wurde auch Viktor Freund verhaftet.

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Viktor FREUND
Gestapobilder, Juli 1942

Quelle: Bundesarchiv Berlin
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Noch ein vierter Mann wurde verhaftet, Arthur Neuhaus, 1920 im Elsass geboren, aber Schweizer Staatsbürger. Er wohnte eine Zeitlang im selben Haus wie Viktor Freund, war aber nicht im Detail in die Aktivitäten der drei Elsässer eingeweiht.

Am 12.10.1942 wurde vor dem Volksgerichts­hof, der in Trier tagte, Anklage gegen die vier Männer erhoben. Ihnen wurde vorgeworfen, „in Konstanz … während eines Krieges gegen das Reich der feindlichen Macht Vorschub zu leisten und der Kriegsmacht des Reiches einen Nachteil zuzufügen“. Am 12.02.1943 fällte der 1. Senat des Volksgerichtshofes unter dem Vorsitz von Volksgerichtsrat Dr. Erich Schlemann das Urteil: Todesstrafe für Viktor Freund, je 4 Jahre Zuchthaus für Robert Ballast und Andreas Friedrich sowie 2 Jahre Gefängnis für den Schweizer Arthur Neuhaus. Arthur Neuhaus wurde verurteilt, weil er es unterlassen hatte, die drei Mitangeklagten anzuzeigen.

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Das Todesurteil gegen Viktor FREUND, 1942

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Robert Ballast und Andreas Friedrich verbüßten ihre Haftstrafe im Gefängnis Ludwigsburg, Arthur Neuhaus im Gefängnis von Rottenburg.

Nach der Urteilsverkündung wurde Viktor Freund in das Gefängnis Köln-Klingelpütz überstellt. Köln-Klingelpütz war die zentrale Hinrichtungsstätte für die von den Sondergerichten des Rheinlandes gefällten Todesurteile. Aber auch viele vom Volksgerichtshof  in Berlin verhängte Todesurteilte wurden hier vollzogen. Schätzungen gehen davon aus, dass während der Nazidiktatur im Gefängnis Köln-Klingelpütz über 1.000 Menschen mit dem Fallbeil oder, in Einzelfällen, mit dem Handbeil hingerichtet wurden.

 

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Köln, Klingelpützdenkmal

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Viktor Freund wurde am 13. Mai 1943 in Köln-Klingelpütz mit dem Fallbeil hingerichtet. Seinen Leichnam vermachten die Nazis dem Anatomischen Institut der Universität Köln.

 

 

 

 

 

Recherche: Uwe Brügmann

Patenschaft: Deutsch-Französische Vereinigung Konstanz

Quellen:

Staatsarchiv Freiburg, Akte A47/1, 971, 972

Stadtarchiv Konstanz

ITS Arolsen

Bundesarchiv Berlin, Akten R 3017/ 17754-17760, R 3018 [alt NJ]/ 1056