Stolpersteine Konstanz

Quellen zum Widerstand in Konstanz

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5.3.1 Alfons Beck: Bericht über seine Tätigkeiten in der ‚Transportkolonne Otto’

Nach den Wahlen, im März, war es höchste Zeit, in die Illegalität zu gehen. Den genauen Zeitpunkt kann ich nicht mehr sagen, wo dann beschlossen wurde, die in Deutschland verhin­derte Druckarbeit des Propagandamaterials [der KPD] in die Schweiz zu verlegen. Möglicherweise dürfte das Mitte 1933 gewesen sein, bis die ganze Angelegenheit organisiert war, dass in meiner  Anlaufstelle in Konstanz monatlich ca. 1-3 Zentner eintrafen. Das war ‚Inprekorr’, das waren getarnte kleine Heftchen mit Kochrezepten und alles mögliche, später auch das ‚Braunbuch’. Das Material kam immer in Zentnerladungen von der Schweiz nach Konstanz. Da die Tarnung schon ziemlich weitgehend durchgedacht war, konnte ich die Transportkolonne, die den Transport von der Reichenau besorgte, persönlich nicht kennen. Der Transport erfolgte an einem bestimmten Tag, an dem der ehemalige Landtags­abgeordnete Böning in Konstanz eintraf und bei mir in meiner Fremdenpension als Tourist Quartier nahm. Einen Tag vor der monatlichen Ankunft Bönings war immer die Zulieferung des Materials aus der Schweiz organisiert. Die Zulieferung von der Reichenau bis in die Bodanstraße erfolgte meistens mit dem üblichen Transportmittel kleiner Leute, mit Gemüsekörben – die Reichenau ist ja eine Gemüseinsel –, mit Handwagen bei größeren Transporten und mit Brotkränzen – die Bäckerjungs trugen dort das Brot noch in Kränzen – aus oder in sonst getarnten Mitteln. Bei mir kamen sie immer zuerst im Gang in einem Wandschrank, und Böning kam dann abends an und dann wurde die ganze Nacht nach seinem Adressenmaterial das Material in 5- Kilo-Pakete verpackt und in den nächsten Tagen wurden immer nur zwei Pakete irgendwo auf einer Post eingeliefert. Das Restmaterial nahm Böning als Tourist mit Rucksack getarnt persönlich mit. Seine eigentlichen Ziele kannte ich nicht. Die Adressen, also die Pakete, wurden bis nach Königsberg versandt.

Der Genosse Böning wurde irgendwo auf der Strecke von Konstanz nach Karlsruhe verhaftet. Den genauen Zeitpunkt weiß ich nicht mehr. Aber damit war dann bei mir der direkte Großversand von KP-Literatur abgeschnitten. Außer diesem Materialtransport wurde diese eingefuchste Transportmöglichkeit über den Untersee und den See überhaupt, über die Hafenbucht von der Badeanstalt nach der Schweiz, wo nur eine Strecke von 200 m zu überwinden ist, auch benutzt, um irgendwelche Flüchtlinge abzutransportieren. Bei mir hat zum Beispiel ein Bekannter des SPD-Abgeordneten Großhans vier Wochen gewohnt, der auf der Flucht war, bis man ihn in die Schweiz transportieren konnte. Dann habe ich zwei Juden einige Wochen gehabt. Diese wurden, als der Transport über die altbekannten Wege nicht mehr ging, über Singen nach Ramsen an die grüne Grenze gebracht.101

5.3.2 Max Porzig: Bericht über seine Verhaftung im Rahmen der ‚Aktion Gitter’ am 22.8.1944

Der Verfasser dieser Schilderung war 1944 65 Jahre alt und in Singen einigermaßen bekannt. Er war in der Twielstadt schon über zwei Jahrzehnte in den verschiedensten Berufen tätig: als Schriftsetzer, Korrektor, Schriftleiter, Stangenschäler im Bauhof, als Arbeitsloser, Finanzamtsangestellter, als Angestellter auf dem Rathaus. Jetzt wirkte er als kleiner Angestellter in einem kaufmännischen Betrieb, der in unmittelbarer Nähe der Polizeistation liegt. Auch ihn erreichte das Gerücht [über Verhaftungen aufgrund des Attentates auf Hitler am 22.7.1944]. Da er als früherer sozialdemokratischer Schriftleiter und Partei­gänger politisch schwer belastet und schon in ‚Schutzhaft’ gewesen war, zudem vor nicht allzu langer Zeit wieder einmal denunziert worden ist, wird ihm nun ein wenig schummrig zu Mute. Die Sorge sollte nicht unbegründet sein. Gegen Mittag erscheint ein Gestapo-Mann in Begleitung eines Hilfsschutzmannes mit scharf geladenem Schießprügel und erklärt den nun doch Überraschten und Überrumpelten für verhaftet. Über das ‚Warum’ verweigert der Gestapo-Mann die Aussage. Das braucht ja auch schließlich der Verhaftete gar nicht zu wissen. Er soll zufrieden sein, wenn ihn die Staatspolizei in ihren ‚Schutz’ nimmt. Der Hilfspolizist springt wie ein läufiger Hund um den nun Verhafteten herum, der den ange­fangenen Geschäftsbrief nicht einmal mehr vollenden kann. So wandert der Häftling mit seinen beiden Bewachern über die Straße zur gegenüberliegenden Polizeiwache. Es ist ihm eine gewisse Beruhigung, als er in einem größeren Nebenraum de Polizeiwache eine ganz stattliche Anzahl gleich ihm Verhafteter antrifft. Es sind lauter alte Bekannte aus Singens politischer Vergangenheit: Sozial­demokraten und Kommunisten in brüderlicher Gemeinschaft. Auch das weibliche Element ist vertreten. Der Ankömmling wird mit verständ­nisvollem Lächeln willkommen geheißen. Das Reden ist zwar verboten, es findet sich aber doch Gelegenheit zur Aussprache.

Im Verlauf des Tages werden auch einige Zentrumsleute geholt. Diese aber dürfen nicht in die Gemeinschaft marxistischer ‚Unter­menschen’. Einige Geistliche und einen Arzt – den jetzigen Bürgermeister Singens – hatte man bereits früher geholt und ins Gefängnis gesteckt. Ein Verhör oder eine Anklage gab es für die Verhafteten nicht. Auch keine Benach­richtigung und Aufklärung der Angehörigen, die natürlich in banger Sorge waren und dies während der ganzen Zeit der Festsetzung auch blieben.102


Quellen:

101 Weick, S. 60f

102  Weick, S. 248f