Stolpersteine Konstanz

Rede bei der Steinverlegung
(Peter Fendrich)

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Rede bei der Steinverlegung
(Peter Fendrich)

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Rede bei der Steinverlegung
(Peter Fendrich)

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Mein Name ist Peter Fendrich. Lina Eichler war meine Großmutter.

Ich erlebte mit 6 1/2 Jahren ihre Deportation, sie war damals 73 Jahre alt, aus der Wohnung meiner Eltern am 10. Januar 1944.

Ich meine, es war Montag. Früh morgens läuteten zwei Gestapobeamte. Innerhalb einer halben Stunde musste meine Großmutter das Notwendigste packen. Der Transport ging über Karlsruhe nach Theresienstadt. Noch in der Woche zuvor war meine Großmutter zur Konstanzer Gestapo-Dienststelle bestellt. Man sagte ihr, dies sei eine Routinemaßnahme und sie habe nichts zu befürchten.

Noch am 10. Januar fuhr meine Mutter nach Karlsruhe, um irgend etwas zu erreichen, was natürlich nicht gelang. Ich selbst und mein 4 Jahre jüngerer Bruder wurden während der Abwesenheit meiner Mutter von einer über uns wohnenden Familie Haas betreut. Mein Vater war Soldat im Krieg.

Ich erlebte aber auch die glückliche Rückkehr meiner Großmutter. Es war Mai 1945 und ich spielte auf der Straße. Plötzlich kam ein amerikanischer Wagen. Ich meine, es war ein offener Pritschenwagen. Hinaus kletterte meine Großmutter in miserablem körperlichen Zustand. Meine Großmutter war von Theresienstadt hierher getrampt. Im Spätsommer 1945 kehrte dann mein Vater aus britischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Meine Großmutter lebte dann bis zu ihrem Tode am 13.01.1965 mit 93 Jahren in unserer Familie. Anfang der fünfziger Jahre, also mit 80 Jahren, flog sie allein nach New York zum Besuch ihrer anderen Tochter, die nach dem Krieg in die USA ausgewandert war. Meine Großmutter ist auf dem israelitischen Friedhof in Konstanz beerdigt.

Meine Oma war die Güte und Freundlichkeit selbst. Eine derart positive Lebenseinstellung und ein solches Gottvertrauen habe ich seither nicht mehr erlebt. Obwohl viele ihrer Angehörigen im KZ ihr Leben ließen, empfand sie keine Bitterkeit gegenüber ihrer Umwelt. Sie unterschied zwischen Menschen mit guten und schlechten Taten. Verschiedenen kleinen Beamten aus dem Umkreis Blarerstraße/Döbelestraße, die in der Partei sein mussten, hat sie mit Zeugnissen beim Entnazifizierungsverfahren geholfen.

Dank dieser Eigenschaften und vor allem durch das Glück, nicht einem der wöchentlichen Transporte von Theresienstadt nach Auschwitz zugeteilt zu werden, hat sie ihre Leidenszeit überlebt. Dazu beigetragen haben aber auch Päckchen, die von Freunden und Nachbarn nach Theresienstadt geschickt wurden. In Erinnerung sind mir die schon erwähnte Familie Haas, Familie Scheidegg aus der Döbelestraße und Frau Trentani irgendwo aus dem Paradies. Diese Menschen haben auch meine Mutter seelisch gestützt.

Und noch etwas Erfreuliches: Durch die Stolperstein-Aktion habe ich Ruth Schwarzhaupt und ihre beiden Neffen kennengelernt. Ruth Schwarzhaupt ist die Tochter des Halbbruders Albert meiner Großmutter. Sie lebte mit ihren Eltern, beide im KZ umgekommen, und ihren Geschwistern in der Tägermoosstraße. Wir werden in wenigen Minuten der Familie Schwarzhaupt gedenken.

Quelle: Peter Fendrich (Enkel von Lina Eichler)