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Brief der Kreuzlinger Jüdischen Gemeinde

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(maschinegeschrieben)

2. Dezember 1941

Herrn & Frau
Arthur Godlewski
E 16
Camp de G u r s

 

Sehr geehrte Herr und Frau Godlewski!

Ihre Schreiben an Familien Dreifuss und Marx, sowie an Frau
Veit veranlassen mich, Ihnen auch einmal zu schreiben. Sie
beschweren sich darüber, dass Sie fast nie Pakete von uns
erhalten. Dem liegt natürlich keinerlei, auch nicht das gering-
ste gegen Sie persönlich gerichtete Massnahme zu Grund. Dazu
hätten wir gewiss keine Veranlassung. Wir wissen sehr wohl, was
Sie und Ihre Frau in den zwei Jahren für Konstanz geleistet
haben und erinnern uns dessen – und über unerfreuliches sehen
wir hinweg in dieser schweren Zeit, wo man das alles zu vergessen hat,
hinweg. – Sie haben gewiss gemerkt, dass wir Leute unterstützen,
die sich viel weniger um die Gemeinde verdient gemacht haben
wie Sie beide, z.T. Leute, die keiner von uns kennt und von
denen wir erst nach dem 22.10.40 erfahren haben, dass sie
überhaupt Mitglieder der Gemeinde Konstanz waren. Demnach muss
es andere Gründe haben, wenn wir Ihnen nichts geschickt haben.

Bis zum März haben wir Sie regelmässig wie alle andern Konstanzer
unterstützt. Damals erfuhren wir, dass Sie mit Familie
Weil-Brüll, die als sehr vermögend gilt, verwandt sind. Wir
haben dann mit den Herren August und Max Weil wiederholt kor-
respondiert und sie ersucht, Sie in vermehrtem Mass zu unter-
stützen. Unser Standpunkt war von Anfang an der, dass Unter-
stützung durch die Gemeinde nur dort in Frage kommen könne, wo
keine Verwandten – und seien es auch nur entfernte – dazu in
der Lage sind. Wir sagten uns, dass für die Gemeinde keine Ver-
anlassung sei dort zu helfen, wo Verwandte dazu in der Lage sind.

Wenn die Verwandten nicht einmal helfen, dann darf man es von
uns erst recht nicht erwarten. W i r haben unsere Mittel
denen zukommen zu lassen, die keine Verwandten haben. Sie
werden nunmehr verstehen, warum wir Sie nicht mehr berück-
sichtigt haben. Dagegen haben wir Ihre Mutter, Frau Sara
Godlewski, regelmässig wie alle andern Konstanzer unter-
stützt und werden das auch weiterhin tun. – Als infolge der
vielen Auswanderungen eine weitere Einschränkung unserer
Unterstützungen notwendig wurde, haben wir unterm 12.9.
an Ihre Verwandten nochmals u.a. folgendes geschreiben: [sic]
"....Leider erlaubt der Rückgang der uns zur Verfügung
stehenden Mittel es nicht mehr, dies weiter zu tun und wir
mussten unsere Hilfstätigkeit gegenüber denjenigen Mitgliedern
der Gemeinde Konstanz einstellen, die Verwandte – und seien
es auch nur entfernte Verwandte -,[sic] in der Schweiz oder im
Ausland besitzen.......und bitten Sie in vermehrtem Mass
Herrn & Frau Godlewskis zu gedenken....."

Ich darf annehmen, dass Sie unsern Standpunkt verstehen
werden. Selbstverständlich sind wir gern bereit, bei Ihren
Verwandten nochmals zu intervenieren und sie zu vermehrter
Tätigkeit anzuhalten zu versuchen. Haben Sie sonst noch
Verwandte, an die wir uns in Ihrem Auftrag wenden sollen?
Herr Kaiser in England, an den wir uns ebenfalls gewandt
haben, kann aus devisentechnischen Gründen nichts tun.

Ihre Stellungnahme zu unserm heutigen Schreiben und Ihre
Beziehungen zu Familie Weil-Brüll interessieren uns.

Einstweilen verbleibe ich mit besten Wünschen und freundlichen
Grüssen

         Ihr
                                         (Robert Wieler)