Stolpersteine Konstanz

Beate BRAVMANN,   geb. 1927

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Beate BRAVMANN,   geb. 1927

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Beate BRAVMANN,   geb. 1927

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geb. 13.09.1927

 

1938 Emigration in die USA

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Sigismundstr. 21 heute
(November 2012)

Foto: W. Mikuteit

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Stein_BRAVMANN_Beate

Stolperstein für Beate BRAVMANN, verlegt am 22.5.2009

Tochter von Jakob Bravmann und Flora Bravmann, Bruder: Siegbert Bravmann

Beate Bravmann erinnert sich:

Ich heiße Beatrice Bravmann-Muhlfelder und wurde am 13. September 1927 als Beate Bravmann in der Sigismundstraße 21 in Konstanz als Tochter des Kantors Jakob Bravmann und seiner Frau Flora geboren.

Beate BRAVMANN, Kinderbild

Beate BRAVMANN, Kinderbild

Kindheit und Schule

Ich verlebte eine fast unbeschwerte schöne Kindheit in Konstanz und kann mich noch immer gut an Spiele im Sandkasten im Stadtgarten und an Sonntagsspaziergänge am See mit meinen Eltern erinnern, auch an die „Gundele" (= Ruderboote), die in der Nähe des Konzils verankert waren. Ich hatte auch ein paar christliche Freundinnen, aber nur, als ich klein war, dann hat das aufgehört. Später durften christliche Kinder nicht mehr mit uns spielen. Aber es waren ja viele Jungen da, jüdische Jungen, die in meinem Alter waren. Da habe ich mit denen gespielt, und das war gar nicht so schlecht. Ich war ein wildes Mädchen und zeigte ihnen, wie man auf Bäume klettert. Der Synago­gengarten war mein Garten!

Mit etwa 6 Jahren wurde ich in der Wallgutschule eingeschult, die damals eine Mädchenvolks­schule war. Denke ich an meine Schulzeit, kommen mir viele gute Erinnerungen in den Sinn. Noch immer erinnere ich mich an eine Lehrerin Berta Gohm, die in mein Poesiealbum schrieb: „Je gebildeter die Menschen sind, desto einfacher und natürlicher bewegen sie sich."

Beate BRAVMANN (Bildmitte) mit ihren Eltern, 1935

Beate BRAVMANN (Bildmitte)
mit ihren Eltern, 1935

Viele meiner Freundinnen wie Ruth Kleissle, Liselotte Grimm, Elfriede Futterer und ganz besonders die Stief-Zwillinge Waltraud und Christel sind noch immer in meinem Gedächtnis. Wenn ich heute mein gerettetes Poesiealbum aufschlage, ihre Einträge lese und die Glanzbildchen ansehe, stehen sie alle wieder vor meinen Augen. Ich kann nicht sagen, dass ich damals unglücklich war.

Beate BRAVMANN mit FreundInnen, 1937

Beate BRAVMANN mit FreundInnen, 1937

Mein Vater war mit dem Rektor der Wallgutschule gut befreundet und gab einige Jahre lang in dieser Schule jüdischen Religionsunterricht. Leider habe ich vergessen, wie der freundliche Rektor hieß.

Es war damals üblich aufzustehen und „Heil Hitler" zu sagen, wenn der Lehrer in die Klasse kam. Da rief mich der Rektor in sein Büro und sagte: „Du musst nur aufstehen, du brauchst nicht ‚Heil Hitler’ zu sagen." Als ich ihm 1938 mitteilte, dass wir nach Amerika gehen, sagte er: „Das ist ja wunderbar!" Dann fragte er: „Norden oder Süden?" Ich war damals 10 Jahre alt, was wusste ich vom Norden oder Süden? Ich wusste ja nicht einmal, dass es zwei Amerika gab. (2)

1933 ging ich einmal mit meiner Mutter spazieren. Als wir zum Bodanplatz kamen, sahen wir einen Trupp Männer in braunen Hemden und schwarzen Stiefeln die Hüetlinstraße herauf­marschieren. Sofort schnappte mich meine Mutter bei der Hand und brachte mich zu Freunden nach Kreuzlingen. Damals verstand ich nicht, warum sie so besorgt war und sich so ängstigte. Kurze Zeit später erzählten mir meine Eltern, dass mein Bruder Siegbert nach Amerika gehen werde. Meine Eltern hatten gesehen, dass es für einen Juden seines Alters in Deutschland keine Zukunft gab.

"HÖRSTOLPERSTEIN"
des SWR2

für Beate BRAVMANN

Synagogenbrand in Konstanz

Mein Kinderzimmer in unserer Wohnung Sigismundstraße 21 lag zur Synagoge hin. In den frühen Morgenstunden des 1.November 1936 drangen Unbekannte in die Synagoge ein und verwüsteten sie schrecklich. Ich wachte von einem lauten Knall auf, aber erst als die Menschen auf der Straße riefen „Die Judenkirche brennt, die Judenkirche brennt!", begann ich langsam zu erfassen, was geschehen war. Später saß ich auf dem Randstein vor Guggenheims Haus (der Synagoge gegenüber) mit Peter Guggenheim und beobachtete, wie die Feuerwehrleute das Feuer löschten. Rauch war überall um uns.

Selbst heute noch erinnere ich mich bei Brandgeruch an diesen Morgen! Die Thorarollen lagen auf dem Boden, mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt. Die schönen schweren Kandelaber waren in zwei Teile zerbrochen. Ich erinnere mich, dass Dr. Guggenheim in das brennende Gebäude ging und eine Thorarolle rettete. Er nahm sie mit nach Hause, um sie in Sicherheit zu bringen.

Als die Guggenheims später Konstanz verließen, um in die USA zu emigrieren, gab Dr. Guggenheim mir die Thorarolle, um sie in unsere Wohnung zu bringen. Für ein Mädchen mit 9 Jahren war die Aufgabe, ein solch heiliges Objekt die Treppen hinunter, über die Straße und bei uns die Treppen hinauf zu unserer Wohnung zu tragen, eine ebenso beängstigende wie überwältigende Erfahrung, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.(3)

1936 kam die Lieblingsschwester meiner Mutter nach Konstanz, um uns mitzuteilen, dass sie und die ganze Familie Karlsruhe verlassen würden, um in die USA zu emigrieren. Ich weiß, wie schwer es für meine Mutter war, ihr Auf Wiedersehen zu sagen, nachdem sie schon meinem Bruder, ihrem Sohn, Lebewohl gesagt hatte. Mein Vater zögerte noch, die Stadt jetzt zu verlassen, weil Rabbiner Dr. Chone Konstanz verlassen hatte, um nach Palästina zu emigrieren. Er fühlte sich für Gemeinde und Synagoge verantwortlich

 

Soweit ich mich erinnern kann, haben meine Eltern nie mit mir über die Vorgänge und die Lage in Deutschland gesprochen. Ich weiß heute aber nicht genau, ob es wirklich so war oder ob ich es einfach verdrängt habe. Ich merkte schon, dass meine Familie mehr in der Schweiz, in der Umgebung von Kreuzlingen, spazieren ging, weil wir Juden waren und es dort sicherer für uns war. Jedenfalls verließen wir 1938 Konstanz. Ich weiß nicht mehr, wie ich damals auf die Nachricht reagiert habe, doch weiß ich noch, dass es für mich schwierig war, einige Sachen, die ich liebte, zurücklassen zu müssen: eine wunderschöne Kiefer, das Geschenk der Gemeinde an meine Mutter anlässlich meiner Geburt, und eine Puppen­küche, meine Freude so vieler Jahre.

Wir verließen Konstanz mit dem Zug. Unsere Pässe wurden gestempelt, und dann stiegen wir in Kreuzlingen aus, wo wir ein paar Tage bei den Bergheimers, Freunden meiner Eltern, verbrachten.

In den USA angekommen, wurden wir von meinen zwei Tanten und ihren Familien willkommen geheißen. Es war nicht leicht, sich an das neue Land, die neue Sprache, an neue Wege und das neue Leben anzupassen.

Mein späterer Mann Ludwig Muhlfelder, in Suhl/Thüringen geboren, hatte fast drei Jahre in der amerikanischen Armee gedient, in der Ardennenschlacht gekämpft und auch anderswo und war mit vielen Kriegs­aus­zeichnungen heimgekehrt. Ich traf ihn 1946 beim Tanzen. Am 8. Juni 1952 heirateten wir. Nacheinander wurden unsere drei Kinder geboren: 1955 Daniel (Danny), 1956 Barry und 1959 Leslie Flora.

Wir waren eine glückliche Familie. Die Wiegen­lieder, die meine Mutter mir gesungen hatte, sang ich meinen Kindern und meinen Enkel­kindern. Sie sind noch immer in meiner Erinnerung und leben in meinem Herzen.

Ende 1956 zogen wir nach Livingston, N.J., nicht weit von Newark in ein Haus mit großem Garten, wo sich die Kinder austoben konnten. Noch heute wohne ich da, leider ohne meinen Mann, der am 9. Januar 2004 verstarb. (4)

 

 

Besuche in Konstanz

Mein Mann und ich kamen einige Male nach Deutschland zurück. Das erste Mal war 1975 von Kreuzlingen aus. Es war eine kurze, traurige und unglückliche Stippvisite, ein Versuch sozusagen, der misslang. Damals dachte ich, dass ich nie wieder zurückkehren würde. 1986 erreichte uns die Einladung des Oberbürgermeisters der Stadt Konstanz, Dr. Horst Eickmeyer, und ich kam mit zwei meiner Kinder, Danny und Leslie. Auch mein Bruder Bert und seine Frau Eunice waren eingeladen und kamen mit uns zusammen. Wir wurden herzlich empfangen. Ich war überrascht, an wie Vieles ich mich erinnerte, wie leicht ich meinen Weg durch die Stadt fand. Seit damals kamen wir mehrere Male zu unseren Freunden Roy und Mirjam Wiehn, einmal mit beiden Söhnen und einmal mit unserer Tochter und unserem Schwiegersohn.

Als ich – nach 48 Jahren - 1986 besuchsweise wieder nach Konstanz zurückkehrte, brachte ich jedem meiner Enkelkinder einen Stein von „meinem" See mit. Als jemand in Konstanz zu mir sagte: „Ich könnte nie den See verlassen.", erwiderte ich: „Doch, du könntest es, wenn es um dein Leben ginge." Und noch immer erinnere ich mich an den See und liebe ihn noch immer.

Während meiner Besuche in Konstanz traf ich einige wunderbare Menschen, und mit ihnen in Kontakt zu bleiben, ist etwas Besonderes für mich.

Im Sommer 2008 (in meinem 80. Lebensjahr) kam ich mit meiner ganzen Familie in meine Geburtsstadt zurück, um allen Enkelkindern zu zeigen, wo ihre Großmutter die Kindheit verbracht hat und um zu erklären, warum es für ihre Familie nötig war, die Stadt und Deutschland zu verlassen. Alle Kinder versicherten mir, dass sie noch einmal an den Bodensee kommen möchten.

Im Frühjahr 2009 kam ich auf Einladung der Stadt Konstanz zusammen mit meinem Sohn Danny, um am 22. Mai die Verlegung der Stolpersteine für die Bravmann-Familie vor meinem Geburtshaus in der Sigismundstraße mitzuerleben. Es war ein sehr bewegendes und hoch emotionales Ereignis, doch am ergreifendsten und völlig unerwartet war die Erfahrung, wie hingebungsvoll und liebevoll die beteiligten Menschen sich dieser Aufgabe widmeten. Ihr tiefes Engagement, für die Untaten der damaligen Deutschen Verant­wortung zu übernehmen, ist wirklich erstaunlich.

 

Zusammengestellt und autorisiert von Beatrice B. Muhlfelder, geb. Beate Bravmann
Aus dem Englischen übertragen und bearbeitet von Mirjam Wiehn

 

Patenschaft: Mirjam Wiehn, E. Roy Wiehn

Anmerkungen:

1.vgl. Fritz Ottenheimer, Wie hat das geschehen können. Herausgegeben von Erhard Roy Wiehn. Hartung-Gorre Verlag Konstanz 1. Auflage 1996

2.vgl. Brigitte Pimpl und Erhard Roy Wiehn (Hg), Was für eine Welt. Jüdische Kindheit und Jugend in Europa 1933-1945. Ein Lesebuch. Hartung-Gorre Verlag Konstanz 1995, S.21

3.vgl. Erhard R.Wiehn, Novemberpogrom 1938. Die ‚Reichskristallnacht’ in den Erinnerungen jüdischer Zeitzeugen der Kehilla Kedoscha Konstanz 50 Jahre danach als Dokumentation des Gedenkens, Hartung-Gorre Verlag Konstanz 1988

4.vgl. Ludwig Muhlfelder, Weil ich übriggeblieben bin. Ein jüdisches Lebensschicksal aus Suhl in Thüringen und Amerika 1924 – 1994. Hg. von Erhard Roy Wiehn, Hartung-Gorre Verlag Konstanz 1995