Stolpersteine in Konstanz -
Zur Verlegung von Gedenksteinen für NS-Opfer am 18. Mai 2012
von Uwe Brügmann

Stolpersteine sind Gedenksteine für Opfer des NS-Regimes. Die Idee, für Opfer der NS-Diktatur kleine kubische Betonsteine, die auf der Oberseite aus Messing die wichtigsten Lebensdaten der Opfer enthalten, hat der Kölner Künstler Gunter Demnig Anfang der 90er Jahre entwickelt. Die Steine werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohn­häusern der NS-Opfer in das Pflaster des Gehweges eingelassen. Trotz des Namens Stolpersteine geht es Demnig nicht um ein tatsächliches „Stolpern". Er zitiert auf die Frage nach dem Begriff Stolperstein gern einen Schüler: „Nein, nein, man stolpert nicht und fällt hin, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen."

Mittlerweile gibt es in etwa 750 deutschen Städten und Gemeinden solche Gedenksteine, aber auch in zahlreichen europäischen Ländern wie in den Nieder­landen, Belgien, Italien, Österreich oder Tschechien. Bis Mai 2012 hat Gunter Demnig ca. 36.000 Stolpersteine in Europa verlegt; eine impo­nierende Zahl, aber doch verschwindend klein im Vergleich zu den Millionen von Opfern des National­sozialismus.

 

In Konstanz arbeitet seit 2005 die Initiative „Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz"  an der Aufarbeitung der Biografien von Verfolgten des Nationalsozialismus: Juden, Sinti und Roma, Euthanasieopfer, politisch und religiös Verfolgte oder Homosexuelle erhalten so ihre Identität zurück. Mit einem Gedanken aus dem Talmud hat Gunter Demnig es so formuliert: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist". Die Arbeit der Konstanzer Initiative findet breite Resonanz in der Bevölkerung und in der örtlichen Presse und wird auch von der Stadt finanziell unterstützt. Die biografischen Daten der Opfer werden im Stadtarchiv Konstanz, in den Archiven des Landes Baden-Württemberg sowie in überregionalen Archiven wie dem Bundesarchiv Berlin oder dem Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen ermittelt. Diese Arbeit ist mitunter zeitaufwendig und erfolgt ausschließlich auf ehren­amtlicher Basis. Die Kosten für die Steine (120 € pro Stein) werden durch Patenschaften auf­gebracht. Nach der Verlegung gehen die Steine in den Besitz der Stadt über.


 

Seit 2006 werden in Konstanz Stolpersteine verlegt; mittlerweile erinnern 121 Stolpersteine an Opfer des Nationalsozialismus. Am 18. Mai 2012 fand erneut eine Steinverlegung statt. Am Vorabend hatte Stadtrat A. Stiegeler noch lebende Angehörige der Opfer, die eigens aus den USA und Israel nach Konstanz gekom­men waren, die Paten der Stolpersteine und die Mitglieder der Initiative zum Gedankenaustausch in seinem Anwesen in der Hofhalde eingeladen. Stadtrat A. Venedey vom Wessenberg-Café hatte in nobler Weise die Bewirtung gespendet.

Auf dem Programm stand die Verlegung von 18 Stolpersteinen an 10 verschiedenen Orten in der Stadt: sechs Steine für politische Opfer, ein Stein für ein Euthanasieopfer und elf Steine für ehemalige jüdische Mitbürger. Während Gunter Demnig den Stein eigenhändig verlegte, gab ein Mitglied der Initiative einen kurzen Abriss der Biografie des Opfers. Mit dem Niederlegen einer roten Nelke oder Rose auf den Stolperstein und einer Schweige­minute endete die kurze Gedenkfeier. Die Anwohner der umliegenden Häuser wurden am Vortag durch Handzettel über das Ereignis informiert.

Dabei ergab sich bei der Steinverlegung für Anna Karrer in der Tägermoosstrasse 10, die wegen Abhörens von Feindsendern 8 Monate inhaftiert war, dass zwei ihrer Enkelkinder so von der posthumen Würdigung für ihre Großmutter erfuhren.

vergrössern/verkleinern: Bild anklicken


 

Die Haftgründe für die politischen Opfer waren unter­schiedlicher Art. Jakob Stoll zum Beispiel wurde inhaftiert, weil er für die verbotene kommu­nistische Partei (KPD) tätig war.

vergrössern/verkleinern: Bild anklicken
Jakob Stoll in den 1950er-Jahren

Nach mehrmaliger Inhaftierung gelang ihm 1935 die Flucht nach Spanien, wo er gegen die faschistischen Franco-Truppen kämpfte. Nach der Niederlage der Republikaner wurde er an die Deutschen ausgeliefert und in den KZ von Dachau und Mittelbau-Dora inhaf­tiert. 1945 gelang ihm die Flucht. Nach Konstanz zurück­gekehrt, wurde er Geschäftsführer der städti­schen Betreuungsstelle für Naziopfer und führte lange Jahre das Restaurant Fürstenberg gegenüber der Cherisy-Kaserne.


 

Es gab viele Gründe, warum Menschen von den Nazis eingesperrt wurden: Abhören von auslän­dischen Sendern (sogen. Feindsender); Schmuggel von politischen Broschüren aus der Schweiz nach Konstanz, abfällige Äußerungen über die NSDAP und ihre Funktionäre oder Zweifel am Endsieg.  Vielfach erfolgte die Verhaftung aufgrund von Denunziation durch eigene Nachbarn.

 

Hans Venedey, Rechtsanwalt und Stadtrat der SPD, musste 1933 emigrieren, weil er gegen das Hissen der Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus protestiert hatte. Damit ereilte ihn das gleiche Schicksal wie seinen Bruder Hermann, der ebenfalls gegen das Aufziehen der Hakenkreuzfahne auf dem Dach des Suso-Gymnasiums protestiert hatte. Venedey emigrierte über die Schweiz nach Frank­reich und engagierte sich in Paris für politische und jüdische Flüchtlinge. Nach dem Krieg war er kurze Zeit hessischer Innenminister, kehrte 1948 nach Konstanz zurück und nahm seine Tätigkeit als Rechtsanwalt wieder auf.

foto_venedey_hans_ca_1944
Hans Jakob Venedey, ca. 1944

Die Verlegung des Stolpersteines für Hans Venedey im Rathaus-Innenhof gestaltete sich zu einer eindrucks­vollen Feierstunde. Im Beisein von Bürgermeister Claus Boldt und etlicher Stadträte hatten sich zahlreiche Familienangehörige eingefunden, darunter auch sein Sohn Walter, Rechtsanwalt in Berlin, und seine Tochter Henriette aus Pfäffikon bei Zürich. Walter Venedey dankte in bewegten Worten der Initiative für ihr Engagement und rief, wie schon damals sein Vater, die Anwesenden zur Verteidigung der Demokratie auf.


Für jüdische Opfer wurden elf Steine verlegt. Wie bekannt, wurden am 22. Oktober 1940 108 Konstan­zer Juden nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Die meisten von ihnen wurden 1942 in Auschwitz ermordet. Doch schon vorher hatten einige besorgte Eltern ihre Kinder außer Landes gebracht. Bemer­kens­wert ist das Schicksal der Familie Haymann, die in der Brauneggerstrasse 51 gewohnt hatte.

Friedel Haymann (links) mit ihrer Schwester Annelies Mai 1991

Friedel Haymann (links) mit ihrer Schwester Annelies
Mai 1991

Max Haymann war Kaufmann und erlitt durch die antijüdischen Boykotte schweren wirtschaftlichen Schaden. Er starb 1934 in  Konstanz. Seine drei Töchter konnten  nach England und Palästina aus­wandern und überlebten so den Holocaust. Sophie Haymann, seine Frau, wurde 1940 nach Gurs deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet. Eine Cousine der Familie reiste aus Zürich an und sprach bewegende Worte in Erinnerung an das Schicksal der Familie.

Bei der Verlegung der Stolpersteine für das Ehepaar Max Mann und Julie Mann in der Bahnhof­strasse 5 erinnerte sich eine achtzigjährige Zeitzeugin an die Geschehnisse von damals. In bewegten Worten erzählte sie, wie noch mehrere Tage nach der Deportation die Wäsche des Ehepaares Mann im Innenhof an der Leine hing, insbesondere erinnerte sie sich an ein weißes Nachthemd, das im Winde flatterte.


 

vergrössern/verkleinern: Bild anklicken
Elise und Sally Halpern

Es ist ein seltener Glücksfall, wenn Nachkommen ermordeter Juden an der Verlegung von Stolper­steinen teilnehmen. Bei der Familie Halpern war es so. Die Familie hatte in der Rosgartenstrasse gewohnt, wo viele Juden ihre Geschäfte hatten. Vater Sally Halpern war Synagogendiener und Hilfskantor in der jüdischen Gemeinde. Er und seine Frau Elise Halpern konnten 1939 nach Belgien fliehen, wurden aber von den deutschen Behörden aufgegriffen, in ver­schiedenen Lagern interniert und 1943 in Auschwitz ermordet. Noch vor ihrer Flucht gelang es ihnen, ihre Kinder Werner und Melanie ins Ausland zu bringen; der Sohn emigrierte in die USA, die Tochter kam mit einem Kindertransport in die Schweiz. Werner Halpern kehrte 1943 als Soldat der US-Army nach Europa zurück.

Petra Quintini von der Initiative ist es gelungen, Nachfahren von Werner Halpern zu recherchieren und nach Konstanz einzuladen. Gekommen waren drei seiner Kinder, Miriam, Naomi und Avraham sowie zwei Enkel, um an der Steinverlegung für ihre Großeltern und ihren Vater teilzunehmen. Avraham Halpern, der in Israel lebt, ließ es sich nicht nehmen, in der Konstanzer Synagoge, an der sein Großvater einst Hilfskantor gewesen ist, ein „Alijah", eine Textstelle aus der Thora zu lesen. Hier hat sich ein Schicksals­kreis geschlossen, eine wunderbare Fügung.


Neben Stolpersteinen für Juden und politisch Verfolgte wurde auch ein Stein für ein Euthanasieopfer verlegt. Im Rahmen der T4-Aktion wurden 1940/41 im Reichsgebiet ca. 70.000 geistig behinderte Menschen ermordet, darunter auch 508 Patienten der Heilanstalt Reichenau  in der Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Recherchen über diese Opfer­gruppe gestalten sich schwierig, weil die Kranken­akten selten erhalten sind.

Karl Huber, der in der Kanzleistrasse 4 wohnte, war so ein bedauernswertes Opfer. Über sein Leben ist wenig bekannt, außer, dass er im November 1940 in Grafeneck ermordet wurde.

vergrössern/verkleinern: Bild anklicken
Karl Huber


 

Wie in den Jahren zuvor, war auch die diesjährige Verlegung der Stolpersteine eine eindrucksvolle, auch menschlich berührende Konfrontation mit der Geschichte von Konstanz während der NS-Zeit. Auch im nächsten werden wieder Stolpersteine in Konstanz verlegt. Denn das Thema unbekannte NS-Opfer in Konstanz ist noch lange nicht aufgearbeitet.

Zuerst erschienen im "Konstanzer Almanach". Konstanz: 2012.
Mit freundlicher Genehmigung des Stadler-Verlags Konstanz